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Streit um den Impfstoff : Frankreichs Regierung an Sanofi: So nicht!

Sanofi hat viel Produktion in Europa, auch in der Nähe von Frankfurt. Bild: Sanofi

Der größte europäische Pharmakonzern will die Amerikaner zuerst mit einem Impfstoff beliefern und verfolgt damit eine politische Agenda. Die französische Regierung ist empört und hält das Vorgehen für „inakzeptabel“.

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          Die französische Regierung ist empört über die Ankündigung des Pharmakonzerns Sanofi, die Amerikaner zuerst mit einem Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus zu beliefern. Die Staatssekretärin im Finanzministerium Agnès Pannier-Runacher, sagte in einem Radiointerview, es sei „inakzeptabel“, wenn die Amerikanern zuerst mit dem Impfstoff ausgestattet würden. Es dürfe „keinen privilegierten Zugang für dieses oder jenes Land unter einem finanziellen Vorwand geben“, erklärte die Französin.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Sie habe Sanofi nach den Erklärungen seines Vorstandsvorsitzenden Paul Hudson unverzüglich kontaktiert, um die Erwartungen der französischen Regierung klar zu machen. „Der Frankreich-Chef von Sanofi hat mir versichert, dass der Impfstoff für alle Länder zugänglich sei und damit auch für die Franzosen, zumal Sanofi Produktionskapazitäten in Frankreich hat“, berichtete die Staatssekretärin.

          Am Donnerstagmorgen erklärte der Frankreich-Chef von Sanofi,  Olivier Bogillot, in der Tat, dass der Impfstoff „für alle“ verfügbar sein werde, wenn der Hersteller ihn entwickelt habe. Doch auch er betonte, dass „die Bedingung“ dafür sei, dass sich die Europäische Union „genauso schnell mobilisiere“ wie die Vereinigten Staaten.

          Damit meinte er die amerikanische Behörde Biomedical Advanced Research and Development Authority (Barda), die Impfstoffhersteller wie Sanofi finanziell unterstützt, dafür aber die Entwicklung, Herstellung und einen Teil des Verkaufs in den Vereinigten Staaten verlangt. Sanofi hat nach Angaben seines Vorstandsvorsitzenden Paul Hudson den Vereinigten Staaten eine „Vorbestellung“ eingeräumt und werde daher die Amerikaner zuerst beliefern.

          „Skandalöse“ Ankündigung

          Nach Erscheinen dieser Aussagen in einem Bloomberg-Interview schob der Konzern am Mittwochabend die Erklärung nach, dass man mit den EU-Institutionen und unter anderem den Regierungen in Paris und Berlin „sehr konstruktive“ Gespräche führe. Konzernchef Hudson hatte den zeitlichen Unterschied in der Belieferung auf mehrere „Tage“ oder „Wochen“ datiert.

          Auch die sozialistische Partei Frankreichs hält die Ankündigungen von Sanofi für „skandalös“. Die französische Regierung müsste mit „größter Entschlossenheit“ dagegen vorgehen, heißt es in einer Erklärung. Die Franzosen hätten sich stark engagiert, einen „Champion“ in der Pharmabranche zu entwickeln, da könne es nicht angehen, dass dieser dann andere Länder bevorzuge.

          Der Gesundheitsbereich sei ohnehin den freien Marktkräften zu entziehen, finden die Sozialisten. „Kein französisches Unternehmen darf sich gegen unsere eigene Souveränität in Gesundheitsfragen wenden, ohne sich der Möglichkeit einer Verstaatlichung auszusetzen“, heißt es drohend.

          Der britische Sanofi-Vorstandsvorsitzende Paul Hudson hatte in dem Interview am Mittwoch gesagt: „Die Regierung der Vereinigten Staaten hat das Recht auf die größte Vorbestellung, denn sie hat investiert, um die Risiken zu teilen.“ Er habe in Europa verstärkt daraufhin gewiesen, dass die Vereinigten Staaten den Impfstoff als erste bekommen könnten. „So wird es jetzt kommen, denn sie haben investiert, um ihre Bevölkerung zu schützen und die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen“, sagte Hudson.

          Hintergrund sind die Subventionen der Pharmaindustrie durch die amerikanische Behörde Biomedical Advanced Research and Development Authority (Barda). Sie bezuschusst Pharmaunternehmen und verlangt dann, dass die Entwicklung, Produktion und zumindest Teile des Verkaufs in den Vereinigten Staaten stattfinden. Die Pharmaindustrie verweist auf risikoreiche Investitionen für die Produktion von Impfstoffen in großen Mengen, für die sie staatliche Unterstützung brauche.

          Hudson hat vermehrt gefordert, dass Europa eine ähnliche Strategie wie die von Barda einschlage. Der Manager schätzt den zeitlichen Vorsprung der Amerikaner bei der Belieferung auf „Tage oder Wochen“. Allerdings ist diese Aussage mit großer Unsicherheit behaftet. Rund hundert Forschungsprojekte sind derzeit in der Welt aktiv, um einen Impfstoff zu finden. Voraussichtlich werden Impfstoffe mehrerer Hersteller auf den Markt kommen.

          30 Millionen Dollar erhalten

          Der Sanofi-Konzern hatte bereits zuvor berichtet, dass er mit Barda in den Vereinigten Staaten einen Vertrag unterzeichnet habe, ließ die Frage der ersten Impfstoff-Empfänger jedoch offen. Sanofi habe im Rahmen der jüngsten Vereinbarung von Barda 30 Millionen Dollar erhalten, teilte Hudson jetzt mit. China würde auch große Anstrengungen für einen Impfstoff unternehmen. „Also werden diese beiden ökonomischen Kraftzentren zuerst geimpft werden; daher ist es so wichtig, in Europa eine Debatte zu starten unter dem Motto: Lasst Europa nicht zurückfallen!“, sagte Hudson.

          Europäische Regierungen wie die von Deutschland und Frankreich sowie die EU-Kommission haben kürzlich in einer Konferenz gefordert, dass Impfstoffe, Medikamente und Virustests gegen Covid-19 möglichst grenzüberschreitend und fair verteilt werden sollen. Auch die Entwicklungsländer dürfen dabei nicht vergessen werden. Die Stiftung von Bill und Melinda Gates weist darauf ebenso immer wieder hin. Viele Experten warnen vor einem „Impfstoff-Nationalismus“.

          Auch die Universität Oxford, die mit dem britischen Pharmahersteller Astra Zeneca zusammenarbeitet, werde Großbritannien Vorrang geben, berichtete der Astra Zeneca-Vorstandsvorsitzende Pascal Soriot. In Deutschland arbeitet das Biotech-Unternehmen Biontech aus Mainz mit dem amerikanischen Pfizer-Konzern zusammen. Beide haben keine Vereinbarung mit Barda unterzeichnet, wie Sprecherin der beiden Unternehmen am Mittwochabend mitteilten. „Pfizer finanziert seine klinischen Versuche selbst. Wir kooperieren eng mit Regulierungs- und Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt, um potentiell mit einem Impfstoff jene Gegenden zu versorgen, die ihn am dringendsten benötigen“, berichtete eine Pfizer-Sprecherin.

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