https://www.faz.net/-gqe-aanct
Bildbeschreibung einblenden

Deutschland bekommt mehr Dosen : Biontech/Pfizer vor riesigem EU-Anschlussauftrag

Der Impfstoff von Biontech wirkt und ist beliebt. Bild: Lucas Bäuml

Nach dem vorläufigen Auslieferungsstopp von Johnson & Johnson setzt die EU mittelfristig vor allem auf mRNA-basierten Corona-Impfstoff. Biontech/Pfizer soll bis 2023 1,8 Milliarden Dosen liefern – und auch kurzfristig helfen.

          3 Min.

          Die EU will den vorläufigen Auslieferungsstopp für den Covid-Impfstoff von Johnson & Johnson mit einer weiteren vorgezogenen Lieferung von Biontech/Pfizer ausgleichen. Wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Mittwoch in Brüssel bekanntgab, hat ihre Behörde mit dem Hersteller vereinbart, dass dieser aus dem fürs zweite Halbjahr geplanten Lieferkontingent weitere 50 Millionen Dosen schon bis Ende Juni in die EU liefert.

          Werner Mussler
          (wmu.), Wirtschaft

          Beginnen werde die Zusatzlieferung Ende April, sagte von der Leyen. Sie solle auf die Mitgliedstaaten nach deren Einwohnerzahl aufgeteilt werden. Auf Deutschland entfallen damit rund 9 Millionen zusätzliche Dosen.

          Die Liefermenge von Biontech-Pfizer erhöht sich im laufenden Quartal auf 250 Millionen Dosen, im ersten Quartal haben die Unternehmen rund 65 Millionen Dosen geliefert. Die bisherige Gesamtbestellung der EU beläuft sich auf 600 Millionen Dosen. Das Vakzin wurde beim Mainzer Biotech-Unternehmen Biontech in Mainz entwickelt, in der ersten Produktionsphase aber ausschließlich vom amerikanischen Konzern Pfizer hergestellt, etwa in dessen Werk im belgischen Puurs. Mittlerweile hat Biontech auch eigene Produktionsstätten.

          Was wird aus Johnson & Johnson?

          In der Kommission hieß es, mit den zusätzlichen Chargen von Biontech/Pfizer ließen sich kurzfristig die nationalen Impfpläne stabilisieren, die durch die Verzögerung bei Johnson & Johnson aufgetreten seien. Der amerikanische Hersteller hatte am Dienstag den für diese Woche geplanten Start seiner Lieferungen in die EU verschoben, nachdem die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA für die Vereinigten Staaten einen Impfstoff verfügt hatte. Grund waren sehr vereinzelt aufgetretene Thrombosefälle nach Impfungen mit dem Vakzin von Johnson & Johnson.

          Die EU-Arzneimittelbehörde Ema prüft derzeit, ob auch sie einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Wirkstoff und Blutgerinnseln nachweisen kann. Im Fall des Impfstoffs von Astra-Zeneca hatte sie diesen in „äußerst seltenen Fällen“ festgestellt, aber nur empfohlen, die Nebenwirkung in den Beipackzettel aufzunehmen.

          Laut Lieferplan sollte Johnson & Johnson bis Ende Juni 55 Millionen Dosen in die EU liefern. Je nach Ausmaß der jetzt absehbaren Verzögerungen bei J&J dürften die vorgezogenen Lieferungen von Biontech/Pfizer die Lücken in den Impfplänen nicht komplett ausgleichen. Das gilt vor allem, weil das auf der sogenannten mRNA-Technologie basierende Vakzin anders als jenes von Johnson & Johnson die Verabreichung von zwei Impfdosen erfordert.

          Dass sich die EU kurzfristig so viel zusätzlichen Impfstoff von Biontech/Pfizer sichern konnte, geht offensichtlich auf einen mit dem Unternehmen zugleich verhandelten großen Anschlussauftrag zurück, der die Versorgung der EU mit Vakzinen für Auffrischungsimpfungen sowie die Impfung von Kindern sichern soll. Der Vertrag werde in Kürze fertig verhandelt sein, sagte von der Leyen. Er soll die Periode zwischen Ende dieses Jahres und 2023 umfassen und ein Volumen von 1,8 Milliarden Dosen haben.

          Das ist fast so viel, wie die EU bisher insgesamt von sechs Herstellern bestellt hat und mehr als dreimal so viel, wie die EU Einwohner hat. Die EU-Staaten, von denen sich im vergangenen Sommer einige wegen des vergleichsweise hohen Preises gegen eine Bestellung bei Biontech/Pfizer gesperrt hatten, sind diesmal offenbar mit der Bestellung einverstanden – zu eindeutig haben sich die (teuersten) Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna als wirksamste und mit Blick auf Nebenwirkungen unproblematischste herausgestellt.

          mRNA-Technologie hat Vorrang

          Von der Leyen sagte weiter, angesichts der bisherigen Erfahrungen wolle sich die EU-Kommission in ihren Bestellungen mittelfristig vor allem auf Impfstoffe konzentrieren, die auf der mRNA-Technologie basieren. Dazu gehören die Vakzine von Biontech/Pfizer, Moderna sowie das des Tübinger Herstellers Curevac, dessen Zulassung im Mai oder Juni erwartet wird. Biontech/Pfizer sei in der „Pole Position“, weil Moderna in der EU geringe Produktionskapazitäten habe und Curevac in der Entwicklung noch zurückliege, hieß es in EU-Kreisen.

          Berichte, wonach die Impfstoffe von AZ und J&J mittelfristig komplett aus dem Rennen seien, wurden in der EU-Kommission zurückgewiesen. Die beiden Vakzine beruhen – wie auch der russische Sputnik-V-Wirkstoff – auf einer anderen Technologie, die auf Adenoviren zurückgreift. Für entsprechende Langfrist-Entscheidungen sei es noch viel zu früh, sagte ein Beamter. Von der Leyen sagte, weitere Verträge mit anderen Herstellern würden voraussichtlich bald folgen.

          Die EU-Kommission war in der Vergangenheit stark für die von ihr geschlossenen Verträge mit den Impfstoffherstellern kritisiert worden. In den neuen Verträgen seien die bisherigen schlechten Erfahrungen berücksichtigt worden, hieß es in der Behörde. So werde künftig grundsätzlich sichergestellt, dass die Produktion in den Mitgliedstaaten erfolgt. Außerdem müsse ein Produzent nicht nur wie bisher quartalsbezogene Liefervereinbarungen schließen, sondern solche auf Monatsbasis. Damit wolle die EU garantieren, dass die Mitgliedstaaten ihre Impfungen künftig besser planen könnten.

          Weitere Themen

          Priorisierung für Johnson & Johnson aufgehoben Video-Seite öffnen

          Impfstoff : Priorisierung für Johnson & Johnson aufgehoben

          Die Priorisierung für den Corona-Impfstoff von Johnson & Johnson ist in Deutschland aufgehoben. Der Impfstoff könne nach ärztlicher Aufklärung und individueller Risikoentscheidung auch an jüngere Menschen verimpft werden, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in Berlin.

          Topmeldungen

          Neue Nummer drei: Elise Stefanik im Januar 2020 nach Trumps Freispruch im Weißen Haus.

          Machtkampf der Republikaner : Aufstieg einer glühenden Trumpistin

          Die vergangenen Tage haben eindrücklich gezeigt: Auch nach der Wahlniederlage hat Donald Trump die Fraktion der Republikaner unter Kontrolle. Sein neuester Coup ist die Beförderung von Elise Stefanik.
          Raketen werden von der islamistischen Hamas aus Gaza-Stadt in Richtung Israel abgefeuert.

          Nahost-Konflikt : Hamas feuern Raketen auf Jerusalem

          Gegen 18 Uhr Ortszeit wurden aus Gaza-Stadt Dutzende Raketen in Richtung Jerusalem abgefeuert – ein Zivilist wurde verletzt. Auf dem Tempelberg ist ein weithin sichtbares Feuer ausgebrochen.
          Cybergangster kommen nicht durchs Tor: Tankanlagen an einer Abzweigung im Pipeline-System von Colonial im Bundesstaat Alabama

          Hackerangriff auf Pipeline : Lösegeld für das schwarze Gold

          Eine Cyberattacke in den Vereinigten Staaten beeinträchtigt den Transport von Öl. Sollten die Folgen anhalten, könnten auch hierzulande Öl und Benzin nochmal teurer werden.
          Auch in London vertrauen Kundinnen ihren Friseurinnen gern Intimstes an.

          Organspende : Aufklärung beim Friseur

          Patienten aus ethnischen Minderheiten warten in Großbritannien länger auf eine Organspende als weiße Patienten. Das liegt auch an mangelnder Aufklärung – für die wollen nun Friseure sorgen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.