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Eventim-Chef warnt vor Pleiten : „Kultur ist kein Luxusgut, sondern systemrelevant“

Die britische Band The xx im Februar 2017 in der Frankfurter Jahrhunderthalle Bild: Patrick Junker

„Wir könnten zwei Jahre lang durchhalten“, sagt Klaus-Peter Schulenberg. Kleinere Veranstalter seien aber existenziell bedroht, wenn sie Tickets zurückerstatten müssten. Schulenberg sieht die Politik am Zug.

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          Das berühmte Coachella-Festival ist auf Grund der Corona-Pandemie vom April in den Oktober verlegt worden. Die Macher des Glastonbury mussten die 50. Ausgabe des legendären britischen Festivals – geplant Ende Juni – sogar komplett absagen. Der globale Tour-Betrieb ruht nahezu komplett. Es sind schwere Zeiten für die Musikbranche. Das spürt auch der Veranstalter- und Tickethändler CTS Eventim – mit 1,44 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2019 und rund 250 Millionen verkauften Karten jährlich ein Schwergewicht der Branche.

          Benjamin Fischer

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eine Prognose für die im Juni angesetzten deutschen Festivals wie etwa Rock am Ring, Southside oder Hurricane will Geschäftsführer Klaus-Peter Schulenberg im Gespräch mit der F.A.Z. nicht abgeben. Die großen Festivals seien aber auch gegen den Ausfall durch eine Pandemie versichert. Problematisch sei eher die weitere Planung. „Eine längerfristige Ansage von Seiten der Behörden bei Festivals wäre wünschenswert, ohne diese haben wir bei Absagen keinen Versicherungsschutz“, sagt Schulenberg.

          Sein Unternehmen sieht er derweil gut aufgestellt: „Eventim ist schuldenfrei, wir könnten zwei Jahre lang durchhalten.“ Man nehme zwar Kurzarbeitergeld in Anspruch und habe inzwischen 55 000 Veranstaltungen abwickeln müssen, große Sorgen macht Schulenberg sich aber vor allem um die Kleineren in der Branche. „Wir brauchen die enorme Vielfalt an kleinen Clubs und Veranstaltern, die meist ohnehin schon mit wenig Geld zurechtkommen müssen“, so der Eventim-Chef: „Kultur ist kein Luxusgut, sondern systemrelevant“.

          Schulenberg: Rückzahlung von Tickets strecken

          „Das große Problem sind die Vorlaufkosten“, sagt Schulenberg. Für ein Konzert werde weit vor der Veranstaltung viel Geld etwa für Marketing, Technik oder die Beauftragung von Partnern ausgegeben – größtenteils finanziert mit den Einnahmen aus dem Ticketverkauf. Werden diese nun zurückgegeben, stünde der Veranstalter vor dem Aus, da die geplanten Einnahmen durch die Absagen ausblieben. In einem Brief, der der F.A.Z. vorliegt, appelliert Schulenberg daher an Bundesminister und für Kultur zuständige Bundestagsabgeordnete.

          Per Gesetz solle geregelt werden, dass Veranstalter die Rückzahlung von Tickets bis zum 30. September 2020 strecken können oder die Veranstaltungen im Herbst nachholen. Aktuell sei entgegen eines vorherigen Entwurfs lediglich eine entsprechende Regelung bis zum 30. Juni vorgesehen, die zudem nur für Unternehmen mit einem Jahresumsatz unter 2 Millionen Euro gelte. „Hohem Umsatz steht bei Veranstaltungen aber lediglich eine Marge von 5 bis 7 Prozent gegenüber“, sagt Schulenberg. Die Regelung müsse daher für die gesamte Branche gelten, andernfalls werde „eine Pleitewelle durchs Land ziehen“.

          Kreative Lösungen gegen Einnahmenausfall

          Ein weiteres mögliches Modell sieht Schulenberg in Italien. Dort sei jüngst ein Gesetz verabschiedet worden, demzufolge Unternehmen einen Gutschein für zukünftige Veranstaltungen ausgeben dürften, anstatt Geld zurückzuerstatten. „Das kostet den Staat nichts und ist dem Käufer zumutbar“, so Schulenberg. Für den Fall, dass die Forderung nicht umgesetzt wird, arbeitet Eventim aktuell an einer Kampagne. Ticketkäufer sollen gezielt angesprochen und dazu animiert werden, ihr Geld nicht zurückzuverlangen, um die Liquidität der betroffenen Veranstalter zu schonen. Einzelne Appelle an Käufer, aus Solidarität vorerst ihre Karten zu behalten, gibt es schon von diversen Seiten auch abseits der Konzertbranche etwa mit Blick auf das Literaturfestival lit.Cologne.

          Kleine und größere Künstler, denen die immens wichtigen Live-Einnahmen weggebrochen sind, versuchen ebenfalls auf verschiedenen Wegen den finanziellen Schaden zu begrenzen. Einige streamen Konzerte von zuhause oder aus Proberäumen und bitten um Spenden. Das versuchen auch Berliner Elektro-Clubs. Vielfach wird zudem dazu aufgerufen, Fanartikel und Werke von Künstlern zu kaufen oder zumindest vermehrt bei Spotify & Co zu hören. Die Verwertungsgesellschaft Gema hat unterdessen ein Hilfsprogramm für Künstler aufgelegt und in Hamburg ist ein neues Festival entstanden. Das Motto spricht Bände: „Keiner kommt, alle machen mit“.

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