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Corona-Krise : Europa braucht Eigenständigkeit im Gesundheitsbereich

  • -Aktualisiert am

Eine Mitarbeiterin überprüft die Produktion von Kapseln bei dem Arzneimittel-Hersteller Stada in Bad Vilbel. Bild: dpa

Sobald die Pandemie eingedämmt ist, müssen wir die Lehren daraus für unsere Zukunft ziehen. Die EU-Länder müssen in ihre Produktionskapazitäten investieren. Ein Gastbeitrag von Paul Hudson, Vorstandsvorsitzender des Pharmakonzerns Sanofi.

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          Die Covid-19-Pandemie ist ein historischer und ernster Moment für Europa, ein Moment, der an den Grundfesten des europäischen Projektes rüttelt, sei es der freie Waren- oder Personenverkehr. Höchste Priorität hat jetzt die schnellstmögliche Eindämmung der Pandemie und der Schutz der Gesundheit der Bürger. Sobald die Pandemie eingedämmt ist, müssen wir die Lehren daraus für unsere Zukunft in einer „postglobalisierten“ Welt ziehen. Eine Kernfrage sollte sein: „Können die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten zusammenkommen und eine Eigenständigkeit im Bereich Gesundheit erlangen?“

          Seit Beginn der Krise hat Sanofi, das Gesundheitsunternehmen, dem ich vorstehe, alles getan, um die Forschung nach Impfstoffen und medikamentösen Behandlungen zu beschleunigen. Und wir engagieren uns gleichermaßen, um die Produktion und Versorgung mit Medikamenten und Impfstoffen für die Patienten in Europa und der Welt aufrechtzuerhalten und gleichzeitig die Gesundheit unserer Mitarbeiter zu schützen.

          „Wir brauchen mehr Europa“

          Die Verbreitung des Virus hat ganz offensichtlich Themen in den Mittelpunkt gerückt, die die EU-Kommission und die Mitgliedstaaten als strategisch wichtig für die Bewältigung künftiger Pandemien und Gesundheitskrisen erachten sollten. Dazu gehören die Krisenvorbereitung, die Versorgungsautonomie, sowie die Produktionskapazität und industrielle Innovation.

          Krisenvorbereitung: Aufbauend auf früheren Kooperationen, hat sich Sanofi vor einem Monat mit der Biomedical Advanced Research and Development Authority (Barda) des amerikanischen Gesundheitsministeriums zusammengetan, um einen Impfstoff gegen Covid-19 zu entwickeln. Eine solche öffentlich-private Partnerschaft wäre in Europa nicht möglich, da es keine Behörde gibt, die für Antworten auf neu auftretende Gesundheitsbedrohungen verantwortlich ist. Die Einrichtung einer europäischen Behörde vom Typ Barda könnte dem Kontinent helfen, künftige Gesundheitskrisen besser zu bewältigen.

          Paul Hudson, Chef des Pharmakonzerns Sanofi

          Versorgungsautonomie: Covid-19 hat das Risiko einer übermäßigen Abhängigkeit bei der Arzneimittelbeschaffung aus Drittländern verschärft, was die Versorgung im Krisenfall gefährden könnte. Auch wenn es keinen Zusammenhang mit Covid-19 gibt, ist die kürzlich erfolgte Ankündigung von Sanofi, ein führendes Unternehmen für pharmazeutische Wirkstoffe (API) mit Sitz in Frankreich gründen zu wollen, indem sechs seiner europäischen Standorte zusammengelegt werden, für die gegenwärtige Situation relevant. API sind wichtige Moleküle, die zur Produktion von Medikamenten benötigt werden. Unser Ziel ist es, bedeutende Kapazitäten für die Herstellung und Lieferung von APIs zu sichern, die von entscheidender Bedeutung für Patienten in Europa und anderswo sind. Für derartige Initiativen brauchen wir starke politische Unterstützung.

          Produktionskapazität und industrielle Innovation: Es herrscht ein harter globaler Wettbewerb. Die Vereinigten Staaten, China oder Singapur sind derzeit attraktiver für Industrieinvestitionen. Wir haben im Dezember 2019 eine finanzielle Vereinbarung mit der Barda geschlossen, um unsere Produktionskapazitäten für Grippeimpfstoffe in den Vereinigten Staaten im Fall einer Pandemie zu erhöhen. Covid-19 macht deutlich, dass die EU-Mitgliedstaaten in ihre Produktionskapazitäten investieren und dies als eine Frage der Eigenständigkeit betrachten müssen.

          Doch während zusätzliche Kapazitäten allen Mitgliedstaaten bei Bedarf zugutekommen könnten, müssen die Produktionsstätten in einem Land angesiedelt sein. Deshalb könnten beispielsweise weitere Ausnahmen von den EU-Beihilferegeln in Betracht gezogen werden, die es den Mitgliedstaaten erlauben, Investitionen in hochmoderne und digitalisierte Anlagen zu unterstützen. Dies würde letztlich die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents auf globaler Ebene und, was noch wichtiger ist, seine Reaktions- und Innovationsfähigkeit in Krisenzeiten unterstützen.

          Wir brauchen mehr Europa und einen starken Impuls gewisser Mitgliedstaaten. Denn Europas beste Chance, in einer postglobalisierten Welt zu konkurrieren und zu gedeihen, liegt in seiner Fähigkeit, das Maximum aus seinen internen Stärken zu ziehen. Wir müssen diese Idee im Kopf behalten, wenn es an der Zeit ist, Lehren aus der Covid-19-Pandemie zu ziehen und widerstandsfähigere Gesundheitssysteme aufzubauen. Wir werden als ein führendes französisches, europäisches und globales Unternehmen bereit sein, unseren Teil dazu beizutragen und mit Unternehmen der Branche, den EU-Institutionen und den Mitgliedstaaten zusammenarbeiten, um Europas Eigenständigkeit im Bereich Gesundheit zu schaffen.

          Paul Hudson ist Vorstandsvorsitzender des französischen Pharmakonzerns Sanofi.

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