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Umfrage zu Corona-Maßnahmen : Deutsche mehrheitlich gegen schnelles Ende der Beschränkungen

Die Frankfurter Polizei kontrolliert im Grüneburgpark die Einhaltung des Kontaktverbots. Bild: Maximilian von Lachner

Die Mehrheit der Befragten ist mit den Maßnahmen der Politik gegen die Corona-Pandemie einverstanden, fordert aber Konsequenzen in der gesundheitswirtschaftlichen Struktur. Mit Sorge blicken viele Befragte vor allem auf die langfristigen Folgen der Krise.

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          Seit vier Wochen gelten nun wegen des Coronavirus Einschränkungen im alltäglichen Leben. Immer mehr Stimmen werden laut, bald zur Normalität zurückzukehren. Insbesondere aus der Wirtschaft und zum Teil aus der Politik sind solche Forderungen zu hören. Doch die deutsche Bevölkerung ist nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov mehrheitlich mit den Maßnahmen zufrieden. 79 Prozent der Deutschen sprechen sich dagegen aus, die Sicherheitsmaßnahmen der Bundesregierung jetzt abzuschmelzen, ergab die repräsentative Befragung von 2038 Personen im Auftrag der Zurich-Versicherung.  

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Dabei zeigen die Deutschen ein bemerkenswertes Durchhaltevermögen. Für 48 Prozent der Befragten wären Einschränkungen sogar bis zu den Sommerferien in Ordnung – dem würde allerdings mit 40 Prozent auch eine große Minderheit widersprechen. Dagegen vertraten nur 15 Prozent die Haltung, die Maßnahmen der Regierung müssten gelockert werden. Doppelt so hoch (29 Prozent) war der Anteil der Befragten, die sogar noch strengere Vorschriften gegen eine weitere Ausbreitung der Infektion verlangten. Und mehr als die Hälfte (55 Prozent) hätte nicht einmal etwas gegen Ausgangssperren einzuwenden, wenn sie sich aus epidemiologischen Gründen als notwendig erweisen sollten.  

          Schon aus diesen Zahlen deutet sich eine relative Zufriedenheit mit der Arbeit der politischen Ebene an. Wenn man allerdings die Bevölkerung genauer befragt, ergibt sich ein differenziertes Bild. 60 Prozent sagten, sie seien mit den Maßnahmen der Bundesregierung insgesamt zufrieden. Allerdings äußerte auch genau die Hälfte, der Förderalismus in Deutschland mit starken Befugnissen der Bundesländer sei hinderlich dafür, die Krise in den Griff zu bekommen. Und die Berufsgruppe, der die Befragten derzeit am meisten Vertrauen schenkten, sind die Virologen, die zu ermitteln versuchen, wie sich das Virus verbreitet hat und wie es sich effektiv eindämmen lässt. 54 Prozent sprachen Medizinern und Virologen das größte Vertrauen aus, die gesundheitliche Krise zu lösen.

          Sorge vor wachsendem Nationalismus

          Eine große Mehrheit verlangt Konsequenzen in der gesundheitswirtschaftlichen Struktur des Landes. Zwei Drittel sprechen sich dafür aus, dringend benötigte medizinische Güter verstärkt im eigenen Land herzustellen. Genauso groß ist der Anteil der Befragten, die sich höhere Investitionen in die technische Ausstattung von Krankenhäusern wünschen. Sogar drei Viertel halten es für notwendig, in Pandemie- und Krisenfällen mehr in die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung zu investieren.

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          Ähnlich interessant wie die Ausführungen zu den politökonomischen Dimensionen der aktuellen Krise sind auch die Anmerkungen zu ihren sozialen Konsequenzen. Fast zwei Drittel (64 Prozent) hoffen darauf, dass sich durch die schwierige Situation in den Kliniken eine höhere Wertschätzung für bestimmte Berufsgruppen – wie zum Beispiel Pflegeberufen – entwickelt. Drei Viertel fühlen sich über die Maßnahmen und die Ausbreitung der Pandemie gut informiert, was für eine vergleichsweise große Zufriedenheit mit der Arbeit der öffentlichen Kommunikation und der Medien spricht.  

          36 Prozent halten die wirtschaftlichen Folgen der Krise für die gravierendsten. Nachdem die Wirtschaftsforschungsinstitute schon eine starke Abschwächung der Wirtschaftsleistung von 4 Prozent prognostiziert haben, verblüfft es sogar, dass nur ein Fünftel der Befragten mit einer Rezession rechnet. 

          Einige pessimistische Haltungen lassen sich aus den Zahlen dennoch ableiten: Rund die Hälfte (47 Prozent) glaubt, dass schon bestehende Trends wie antieuropäische Bewegungen oder eine Antiglobalisierung durch die Krise neue Impulse erhalten. Ein Drittel der Befragten vermutet, dass aus den aktuellen Maßnahmen ein verantwortungsvolleres Konsumverhalten erwachsen könnte, ein Viertel erwartet dies für ein gesteigertes Umweltbewusstsein. 28 Prozent der Deutschen glauben, dass die Digitalisierung durch die Erfahrungen mit Kontaktsperren und Homeoffice einen Schub bekommen könnte.

          Jeweils zwischen einem Fünftel und einem Zehntel empfinden Einschränkungen in sozialen Interaktionen, sorgen sich wegen der Vereinsamung von Menschen und empfinden Einschränkungen in der Mobilität. Nur einer von 25 Befragten klagt über eine limitierte Freizeitgestaltung. Doch für die Zeit danach scheint Optimismus angebracht: Zwei Drittel der Deutschen erwarten, dass sich die von der Bundeskanzlerin erbetene vorübergehende soziale Distanzierung nicht zur Normalität entwickle. 

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