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Tiefpunkt überwunden? : Britische Wirtschaftsleistung um 20 Prozent geschrumpft

London während der Pandemie: Auch die britische Wirtschaft leidet sehr in der Corona-Krise. Bild: EPA

Um mehr als ein Fünftel ist das britische Bruttoinlandsprodukt im April gesunken. Die Arbeitslosigkeit dürfte bald „wie ein Tsunami“ ansteigen, warnen Fachleute.

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          Großbritanniens Wirtschaftsleistung ist inmitten der Corona-Krise im April um 20 Prozent eingebrochen, hat das Statistikamt ONS in London am Freitag gemeldet. Der Absturz der Wirtschaftsleistung um 20,4 Prozent gegenüber dem Vormonat war mehr als dreimal so viel wie in der Finanzkrise vor zwölf Jahren, heben die Statistiker hervor. In fünf Wirtschaftszweigen, darunter dem Gaststättengewerbe, sagten mehr als 75 Prozent der Unternehmen, dass sie komplett geschlossen und pausiert hätten. In der Bauindustrie fiel die Aktivität um 40 Prozent.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Großbritanniens Regierung hatte am 23. März einen „Lockdown“, also die weitgehende Schließung von allen nicht-essentiellen Geschäften und des öffentlichen Lebens angeordnet, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bekämpfen. Ähnliche Lockdowns, überwiegend etwas früher erlassen, haben auch in anderen Ländern zu einer tiefen Rezession geführt.

          Laut der neuen OECD-Prognose von dieser Woche wird die Wirtschaftsleistung in Großbritannien dieses Jahr um insgesamt 11,5 Prozent schrumpfen. Das ist minimal mehr als die OECD-Rezessionsprognose für Frankreich und Italien.

          Tiefpunkt überwunden?

          Inzwischen wird der Lockdown auch in Großbritannien wieder schrittweise aufgehoben, nachdem die Corona-Infektionszahlen deutlich gesunken sind. In der nächsten Woche dürfen wieder mehr Geschäfte öffnen.

          Die britische Industrie- und Handelskammer BCC sagte zu den neuen Zahlen der Statistiker, dass April wohl der Tiefpunkt der Wirtschaft des Vereinigten Königreichs gewesen sei. Mit der Schrittweisen Lockerung der Restriktionen und der Wiedereröffnung von Geschäften gehe es nun wieder bergauf. „Die Aussicht auf eine ‚V-förmige‘ Erholung bleibt aber unwahrscheinlich, denn viele Sektoren können nur mit begrenzter Kapazität arbeiten“, so die Handelskammer. Viele Unternehmen, einschließlich denen im Gastgewerbe, in der Freizeit- und Tourismuswirtschaft, bleiben noch für einige Zeit geschlossen und benötigten flexible Unterstützung der Regierung.

          Die offiziell gemeldete Arbeitslosigkeit, die vor der Corona-Krise unter 4 Prozent lag, ist noch nicht besonders stark angestiegen, weil ein Großteil des Schocks von staatlichen Unterstützungsprogrammen zur „Beurlaubung“ von Mitarbeitern abgefedert wird. Der Staat zahlt dann 80 Prozent des Lohnes, maximal 2500 Pfund (2750 Euro).

          Nach den jüngsten Zahlen sind deutlich mehr als 6 Millionen Arbeitnehmer „beurlaubt“ und 2 Millionen Selbständige ohne Einkommen haben vergleichbare finanzielle Unterstützung beantragt. Das Unterstützungsprogramm läuft noch bis Oktober. Von August an müssen Arbeitgeber aber einen Teilbetrag zum Lohnersetz dazu zahlen. Spätestens dann dürften Entlassungen zunehmen.

          James Reed, Chef der gleichnamigen großen Personalvermittlungsagentur, rechnet dann mit einem „Tsunami von Job-Verlusten“, wie er der F.A.Z. sagte. Die Notenbank rechnet mit einem Anstieg der Arbeitslosenquote auf 9 Prozent im Sommer. Das Forschungsinstitut NIESR prognostiziert einen Anstieg auf über 10 Prozent. Das wäre die höchste Arbeitslosigkeit seit der Rezession im Jahr 1993.

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