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Impfstoff : Corona beschert Herstellern von Spezial-Kühlschränken gutes Geschäft

  • Aktualisiert am

In dem Werk von Binder wird in der Montagehalle an Spezialschränken gearbeitet. Bild: Lucas Bäuml

Wegen der Corona-Pandemie werden deutschlandweit Impfzentren aus dem Boden gestampft. Dort müssen die Impfstoffe ordnungsgemäß gelagert werden - also eiskalt oder zumindest kühl. Das beflügelt das Geschäft der deutschen Spezialkühlschrank-Hersteller.

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          Es herrscht Corona-Winter, und angesichts der schmerzhaften Einschnitte im öffentlichen Leben richtet sich die Hoffnung vieler auf die neuen Impfstoffe. Diese stellen jedoch hohe Ansprüche an die Lagerung - was den deutschen Herstellern von Spezialkühlschränken in die Karten spielt. Die Philipp Kirsch GmbH aus der Nähe des badischen Offenburg etwa - nach Firmenangaben deutscher Marktführer bei medizintechnischer Kühlung - verzeichnet beim Auftragseingang einen starken Anstieg, wie Geschäftsführer Jochen Kopitzke sagt. Von Januar bis November habe der Zuwachs 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum betragen. Der Umsatz steige dieses Jahr voraussichtlich um acht Prozent auf etwa 15 Millionen Euro.

          Die neuen Impfzentren, die derzeit überall in Deutschland entstehen, sind nur ein möglicher Bestimmungsort für Kirsch-Kühlschränke. Die Geräte fänden sich neben Impfzentren - etwa in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen - quasi in allen deutschen Krankenhäusern, sagt Kopitzke. „Das Plus stammt auch aus unserem Laborkühlschrank-Segment, weil unsere Geräte verstärkt für die Impfstoff- und Medikamentenforschung eingesetzt werden“, erklärt der Geschäftsführer. So seien die deutschen Unternehmen Biontech und Curevac, die Corona-Impfstoffe entwickelt haben, beliefert worden.

          Kapazitätsgrenzen erreicht

          In der Produktionshalle stehen an diesem Dezembertag unzählige Kühlschränke zur Auslieferung bereit, viele etwa in der Größe eines Haushaltskühlschranks in Metall- und Glasoptik. Das Besondere an den Geräten sei die hohe Temperaturstabilität, erklärt Kopitzke. „Zwischen kältestem und wärmstem Ort im Kühlschrank liegen maximal 1,8 Grad Celsius.“ Zum Vergleich: Bei einem normalen Küchenkühlschrank liege die Spanne schon mal bei bis zu 15 Grad Celsius. Ein eingebautes System überwache und dokumentiere die Temperatur in den Modellen. Bei Abweichungen schlage es Alarm. Curevac etwa empfiehlt für seinen Impfstoffkandidaten eine Lagerung mit Temperaturüberwachung.

          Derzeit stoße sein Unternehmen an Kapazitätsgrenzen, sagt Kirsch-Chef Kopitzke: Es suche Personal, um der großen Nachfrage beizukommen. 2020 sei eine fünfstellige Zahl an Geräten ausgeliefert worden. Für das kommende Jahr rechnet Kopitzke mit weiterem Wachstum: „Die größere Welle kommt erst noch.“ Er glaube, dass auch Hausarztpraxen bei ihrer Kühlinfrastruktur aufrüsten würden - für die Zeit, wenn die Menschen dort dezentral gegen Corona geimpft werden. Außerdem werden sich seiner Einschätzung nach mit der Zeit Impfstoffe durchsetzen, die bei höheren Temperaturen gelagert werden können als der Impfstoff von Biontech und Pfizer, der bei minus 70 Grad aufbewahrt werden muss. Für solch niedrige Temperaturen hat Kirsch keine Geräte im Sortiment - dafür aber das niedersächsische Unternehmen Tritec und die Tuttlinger Firma Binder.

          „Unsere Ultratiefkühlschränke funktionieren im Prinzip wie normale Kühlschränke“, sagt Binder-Vizepräsident Peter Wimmer. „Nur, dass die Temperatur auf bis zu minus 90 Grad runtergeht.“ Starkstrom sei dafür nicht nötig, eine normale Steckdose reiche. Die Isolierung sei bei den Binder-Kühlschränken aber speziell. Diese sichere die Impfstoffe im Kühlschrank auch bei einem Stromausfall für bis zu 30 Stunden ab. Normale Impfstoffe müssten nicht bei so niedrigen Temperaturen gelagert werden. Anders sehe es bei den neuartigen mRNA-Impfstoffen aus, erklärt Wimmer. Diese Impfstoffe enthalten kein Virus, sondern liefern über Boten- oder messenger-RNA einen Teil der Erbinformation des Virus in die menschlichen Zellen und sorgen so für eine Abwehrreaktion des Körpers. Mit diesen Stoffen habe man einfach noch nicht viele Erfahrungswerte, sagt Wimmer. „Um also sicher zu sein, dass die Wirksamkeit und Stabilität der Impfstoffe nicht verloren geht, ist kälter bei der Lagerung besser.“

          Noch keine Lieferengpässe

          Für den Corona-Impfstoff musste das Rad bei Binder nicht neu erfunden werden. Seit zehn Jahren hat das Unternehmen Expertenwissen auf diesem Gebiet. „Die Kühlschränke werden überall dort genutzt, wo geforscht wird“, sagt Wimmer. Die erweiterte Nutzungsmöglichkeit mit der Corona-Pandemie habe die Nachfrage nach den Geräten weltweit deutlich erhöht. Bestellungen kämen aktuell vor allem aus Europa. Das Land Baden-Württemberg etwa hat nach Ministeriumsangaben für jedes seiner 60 Impfzentren einen Binder-Kühlschrank gekauft. Doch die USA zögen nach. Lieferengpässe gebe es aktuell nicht. „Die Lieferzeiten verlängern sich etwas“, so Wimmer.

          Auch bei Tritec in Hannover sind die Auftragsbücher voll. „Unsere Lager sind leergefegt“, sagte Geschäftsführerin Birgitt Nolden Ende November der dpa. Binnen vier Wochen habe sich die Zahl der Aufträge zum Vorjahreszeitraum mehr als verdoppelt. Da erst kurzfristig absehbar gewesen sei, welche Temperaturen die Impfstoffe benötigten, sei es schwierig gewesen, sich auf die höhere Nachfrage einzustellen. Die nächsten Chargen seien frühestens Anfang Januar wieder lieferbar. Bei Binder wurden die Produktionskapazitäten wegen der hohen Nachfrage deutlich ausgeweitet. Momentan würden vier bis fünf Mal so viele Kühlschränke hergestellt wie sonst üblich, so Wimmer. Vor der Pandemie seien es knapp tausend pro Jahr gewesen. Binder freut sich darüber zwar, doch das Geschäft habe auch durch die Pandemie gerade im zweiten Quartal gelitten. „Wir sind auch Zulieferer etwa für die Automobilindustrie. Und da lief es zuletzt ja nicht so gut.“

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