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Virus-Ärger in Australien : „Eine der größten Enttäuschungen in Krisenzeiten“

„Was immer wir für Maßnahmen ergreifen, sie werden nicht auf zwei Wochen angelegt sein können“, sagt Australiens Regierungschef Scott Morrison in einer Ansprache Bild: EPA

Australiens Ministerpräsident Scott Morrison untersagt Auslandsreisen, verdammt das Hamstern und lässt mit seiner kritischen Sicht den Markt weiter schmelzen. Für Donnerstag wird ein großes Rettungspaket erwartet.

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          Der australische Ministerpräsident hat seinen Landsleuten gehörig den Kopf gewaschen. Nachdem es über Tage kein Toilettenpapier, keine Nudeln und kein Desinfektionsmittel zu kaufen gab, sagte er am Mittwochmorgen: „Hören Sie auf zu hamstern. Es ist nicht angemessen, es hilft niemandem und es ist eine der größten Enttäuschungen im australischen Verhalten in Krisenzeiten, die ich erfahren habe. Das Horten steht nicht für das, was wir als Volk sind. Und es ist nicht nötig.“

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Aufgrund der sehr ernsten Ansprache des Ministerpräsidenten gab der australische Aktienmarkt einen großen Teil des Bodens, den er bei der Rallye am Dienstag gut gemacht  hatte, wieder ab. Am Nachmittag notierte er 6,4 Prozent unter dem Wert des Vortages. Die Indizes in Japan, Hongkong und Schanghai legten unterdessen bis Mittag alle leicht zu. Der australische Dollar fiel gegenüber dem amerikanischen Dollar auf den tiefsten Stand seit 17 Jahren.

          Für den morgigen Donnerstag wird erwartet, dass Regierung und Notenbank gemeinsam ein umfassendes Rettungspaket vorlegen werden. Unter anderem sollte es eine weitere Zinssenkung um 25 Basispunkte auf einen Leitzins von dann 0,25 Prozent enthalten. Zugleich dürfte die Reserve Bank of Australia die quantitative Lockerung vorantreiben und Staatsanleihen kaufen. Die Geschäftsbanken hoffen darauf, dass ihre Reserveanforderungen gelockert werden, um so die Kreditvergaben erhöhen zu können. Australien dürfte derzeit auch über die britische Idee verhandeln, alle Kredite an Kleinunternehmen von der Regierung absichern zu lassen, um die Firmen am Leben zu halten.

          Studenten sollen aus dem Ausland zurückkommen

          Erstmals in seiner Geschichte verhängte Canberra am Dienstag einen Bann über Auslandsreisen. Der Nationale Sicherheitsrat machte keine Angabe über die Dauer des Verbots. Australier, die sich noch im Ausland befänden, sollten sofort zurückkehren und dafür die verbleibenden Flüge in Anspruch nehmen.

          Leere Regale in einem Supermarkt in Australien

          Praktisch zeitgleich ordnete auch die Regierung des Stadtstaates Singapur all ihre Studenten auf, aus dem Ausland zurückzukehren. Sie werde dafür in den nächsten Tagen auch Flüge bereitstellen. Singapurer Studenten besuchen vor allem Universitäten in Amerika, Großbritannien und Australien. Seit dem Wochenende muss jeder Ankömmling in Australien 14 Tage in Selbst-Quarantäne gehen. Morrison warnte davor, dass das weitere Abschotten des Landes „ziemlich ernste wirtschaftliche Konsequenzen“ nach sich ziehen werde. Die Regierung untersagte alle  Veranstaltungen mit mehr als hundert Teilnehmern.

          Schulen werden nicht geschlossen

          Morrison schwor sein Land auf ein länger währendes Leiden ein. Seine Regierung arbeite auf der Grundlage, dass die Krise ein halbes Jahre währte. „Es könnte aber deutlich länger werde.“ Morrison fuhr fort: „Was immer wir für Maßnahmen ergreifen, sie werden nicht auf zwei Wochen angelegt sein können.“ Deshalb würden die Schulen in Australien auch nicht geschlossen. Das nämlich habe unter anderem zur Folge, dass „Zehntausende Arbeitsplätze, wenn nicht mehr, gefährdet“ seien. Zudem würden daraufhin rund 30 Prozent aller Arbeitskräfte im Gesundheitssektor nicht mehr zur Verfügung stehen, weil sie sich um ihre Kinder kümmern müssten. „Das würde Menschenleben in Gefahr bringen“, warnte Morrison. „Es gibt ein öffentliches nationales Interesse daran, die Schulen auf zu halten.“ Auch müssten nun die rund 20000 ausländischen Krankenpflegeschülerinnen und –schüler in die Arbeit in Krankenhäusern mit einbezogen werden.

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