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Impf-Strategie : Auch Indien steigt in die „Spritzen-Diplomatie“ ein

Medizinisches Personal wird in Indien geimpft. Bild: Reuters

Nach Peking will nun auch Neu Delhi strategisch wichtige Nachbarländer kostenlos mit Impfstoff versorgen. Noch aber gibt es viele Fragen – vor allem mit Blick auf die Wirksamkeit der eigenen Impfstoffe.

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          Indien folgt der chinesischen Impf-Diplomatie und will im Land hergestellte Vakzine gegen Corona in Südasien kostenlos verteilen. Der indische Außenminister Subrahmanyam Jaishankar erklärte: „Die Apotheke der Welt wird liefern, um die Covid-Herausforderung zu meistern.“ Zunächst werden die indischen Nachbarländer Bhutan, die Malediven, Bangladesch, Nepal, Burma (Myanmar) und die Seychellen Impfampullen erhalten. Nicht auf der Liste steht der verfeindete Nachbar Pakistan. In Indien wird rund die Hälfte aller Impfstoffe der Welt produziert. Die Regierung unter Ministerpräsident Narendra Modi war rund um die Welt kritisiert worden, weil sie zunächst ein Exportverbot für die in Indien abgefüllten Dosen des Impfstoffes Covishield von Astra-Zeneca und der Universität Oxford verhängt hatte. Indien zählt derzeit offiziell fast elf Millionen Corona-Infizierte, die zweithöchste Zahl nach Amerika. 

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Neu Delhis Gegenspieler Peking bietet seit Monaten vor allem in Asien Hilfsgüter gegen Corona an. Auch Indien bekam in den frühen Tagen der Pandemie Masken und Beatmungsgeräte aus China geliefert – sie aber wurden mehrfach als fehlerhaft kritisiert. Zugleich bieten die Chinesen Ländern wie Pakistan oder Indonesien aber auch Burma und Serbien ihren Impfstoff Sinovac an (F.A.Z. vom 29. Dezember 2020). Der  philippinische Präsident Rodrigo Duterte sprach mit Blick auf die Lieferungen aus China schon von der „einzigen Erlösung, die der Menschheit zur Verfügung steht“. Zwar befinden sich alle insgesamt vier Impfstoffe aus China noch in unterschiedlichen Phasen der Tests, auch in Ländern wie Brasilien, Marokko oder Pakistan. 

          Doch kündigte der chinesische Ministerpräsident Xi Jinping schon an, die chinesische Impf-Entwicklung sei „Welteigentum“. Peking wird seit Wochen freilich zunehmend dafür kritisiert, die für viele ärmere Länder überlebensnotwendigen Impfampullen einzusetzen, um weitere Abhängigkeiten zu schaffen. „China nutzt die Corona-Krise klug und strategisch, um seine Beziehungen in der Region auszubauen“, sagt Dino Patti Djalal, Indonesiens früherer Botschafter in Washington. Es herrschen große Lücken, die es zu füllen gilt: Denn die weltumspannende Impfmission Covax der Vereinten Nationen tut sich schwer, Impfstoffe in ausreichendem Maße zu liefern. 

          Lieferung derzeit nur an Indien

          Indien scheint dem chinesischen Beispiel nun zu folgen. Jaishankar bezog sich mit seinen Äußerungen auf die riesigen Herstellungskapazitäten auf dem Subkontinent: Das Serum Institute of India (SII) gilt als der größte Hersteller von Impfdosen weltweit. Das Unternehmen hat seine Kapazitäten aufgrund von Corona massiv erweitert (F.A.Z. vom 17. August 2020). Das SII war ausgewählt worden, eine Milliarde Impfdosen für Entwicklungsländer herzustellen. Dann aber ordnete Delhi an, die Produktion des Impfstoffes Covishield zunächst nicht zu exportieren. SII-Vorstandschef Adar Poonawalla erklärte Anfang des Monats: „Derzeit können wir sie nur an die indische Regierung ausliefern.”  

          Der zweite Impfstoff, auf den Indien setzt, stammt vom heimischen Hersteller Bharat Biotech International. Er hat bislang nur die Notfallzulassung für seinen Impfstoff Covaxin erhalten, aber kräftig gegen die anderen Impfstoffe ausgeteilt. Die Politiker wollten Covaxin ursprünglich zum Nationalfeiertag Mitte August vergangenen Jahres fertig sehen, um damit zu werben, was sich aber wie erwartet zerschlagen hatte. Bis Juli sollen nun 150 Millionen Dosen Covaxin produziert sein. 

          Das Mittel ist freilich umstritten. Genauso wie das chinesische Sinovac – Brasilien sprach gerade von nur gut 50 Prozent – wird dem indischen Covaxin ein geringer Wirksamkeitsgrad nachgesagt. Die Rede ist jeweils von nur gut 60 Prozent. Allerdings sind beide Stoffe wohl für Entwicklungsländer ohne Kühlkette geeignet, anders als der wirksamere Stoff von Pfizer und der deutschen Biontech, der tiefgekühlt werden muss. Einige Fachleute warnen zudem vor unvorhergesehenen Nebeneffekten von Covaxin. 

          Bis zum Sommer 300 Millionen Geimpfte

          Zunächst sollen nun laut dem indischen Außenministerium zwei Millionen Dosen Covishield ins benachbarte Bangladesch mit seinen mehr als 160 Millionen Menschen gehen, mit dem Indien schon länger seine Beziehungen ausbaut. 150.000 Dosen werden ins Königreich Bhutan geliefert, weitere 100.000 auf die Malediven – in beiden Staaten hatte China seit langem versucht, tiefer Fuß zu fassen. Das winzige Bhutan hoch im Himalaja, an dessen Grenze es immer wieder zu einem Tauziehen mit chinesischen Truppen kommt, bezeichnete das Außenministerium in Neu Delhi als „Schlüssel-Partnerland“ für Indien. Chinesen und Inder haben auch etwa nach dem verheerenden Erdbeben im strategisch wichtigen Nepal schon um Einfluss und einen guten Auftritt miteinander gerungen. Für Lieferungen der Impfstoffe nach Sri Lanka, Afghanistan und Mauritius brauche es noch einige regulatorische Freigaben, hieß es. 

          In den Empfängerländern wolle Indien auch das Impfpersonal schulen. Indien selber hat gerade mit seiner eigenen Impfaktion begonnen. Bis zum Sommer sollen rund 300 Millionen Menschen geschützt werden, weniger als ein Viertel der fast 1,4 Milliarden Einwohner. Einer Studie zufolge glauben bislang nur gut 46 Prozent der Inder, eine Corona-Impfung sei effektiv. 

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