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Steigende Infektionszahlen : Ärzte warnen vor „dramatischem Mangel an Pflegekräften“

  • Aktualisiert am

Eine Pflegerin in Schutzausrüstung am Bett eines Covid-19-Patienten im April 2020 in Langen Bild: Frank Röth

Viele Fachleute sind besorgt: Deutschland habe zwar genug Intensivbetten und Beatmungsgeräte, es fehlten aber Tausende Pflegekräfte. Auch der WHO-Chef warnt für Europa und Amerika vor einer Überlastung der Intensivstationen.

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          Intensivmediziner warnen vor Engpässen bei der Versorgung von Covid-19-Patienten wegen des Fehlens von Pflegepersonal. „Wir haben einen dramatischen Mangel an Pflegekräften“, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, den Zeitungen der Funke Mediengruppe (Dienstag).

          Es gebe inzwischen „ausreichend Kapazitäten an freien Intensivbetten und Beatmungsgeräten“. Das allein helfe aber nicht weiter, „wenn wir kein Personal haben, um die Patienten zu versorgen“. Hierin liege „das viel größere Problem“. Grob geschätzt fehlten bundesweit 3500 bis 4000 Fachkräfte für die Intensivpflege, sagte Janssens.

          WHO-Chef warnt vor Überlastung von Intensivstationen

          Das Problem scheint sich dabei nicht auf Deutschland zu begrenzen: Der Chef der Weltgesundheitsorganisation hat angesichts der rapide steigenden Infektionszahlen vor einer Überlastung von Intensivstationen vor allem in Europa und Nordamerika gewarnt. „Viele Länder auf der Nordhalbkugel sehen derzeit einen besorgniserregenden Anstieg von Fällen und Einweisungen ins Krankenhaus“, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus bei einem Briefing in Genf am Montag. An einigen Orten füllten sich die Intensivstationen schnell.

          Seit Beginn der Pandemie sind auf der ganzen Welt mehr als 40 Millionen Infektionen nachgewiesen worden. Mehr als eine Million Menschen sind in Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung gestorben.

          Tedros äußerte Verständnis dafür, dass viele Menschen eine gewisse „Pandemie-Müdigkeit“ fühlten. Die psychische und physische Belastung durch das Arbeiten von zu Hause aus sowie die Distanz zu Freunden und Familie sei hoch. Dennoch dürften die Menschen jetzt nicht aufgeben. Vor allem aber müssten die Gesundheitssysteme geschützt werden und die Menschen, die für sie arbeiteten. Der WHO-Chef rief die Menschen dazu auf, alle Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, um Ansteckungen zu vermeiden. Nur so könnten auch weitere Lockdowns vermieden werden.

          Für Deutschland rechnen weitere Fachleute damit, dass der Mangel an Pflegepersonal bald deutlich zutage tritt. „Sechs bis neun Prozent der Infizierten von heute werden in zwei Wochen im Krankenhaus behandelt werden müssen“, prognostizierte die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna. „Pro schwer krankem Covid-Patienten auf der Intensivstation wird eigentlich eine Pflegekraft benötigt“, sagte sie den Funke-Zeitungen.

          Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, bezeichnete den Engpass beim Pflegepersonal als „die zentrale Herausforderung, wenn die Patientenzahlen steigen“. Die Kliniken müssen dann Personal umbesetzen und sich wie im Frühjahr auf die Versorgung von dringenden Fällen konzentrieren, sagte Gaß den Funke-Blättern. „Wir werden uns auf Wartezeiten bei der Regelversorgung ebenso einstellen müssen, wie auf die Verlegung von Patienten aus hoch belasteten Standorten in entferntere Krankenhäuser“, sagte Gaß.

          Der DKG-Chef warnte zugleich davor, allein die Lage auf den Intensivstationen zum Kriterium für die Beherrschbarkeit der Pandemie zu nehmen: „Nicht alle Patienten, die mit einer Corona-Infektion ins Krankenhaus kommen, müssen intensivmedizinisch behandelt werden“, nur jeder Fünfte müsse auf die Intensivstation. Doch auch auf den Normalstationen bedeuteten Covid-Patienten eine große Herausforderung für das Personal.

          Die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Claudia Schmidtke (CDU), riet Patienten mit anderen Krankheiten, sich trotz der Corona-Pandemie nicht von einem Klinikbesuch abhalten zu lassen. Niemand müsse sich „Sorgen machen, in einer Notfallsituation wie bei Herzinfarkt oder Schlaganfall nicht versorgt zu werden“, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

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