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Contra : Pünktlich und billig kann er nicht

An seinen vorherigen Großprojekten hat sich schon gezeigt: Er kann es auch nicht besser.

          3 Min.

          Wenn man mit Berlinern redet, hört man oft, zwei Dinge hätten ihre Stadt vollkommen durcheinander gebracht: Der Fall der Mauer. Und die Art, wie der frühere Bahnchef Hartmut Mehdorn die S-Bahn saniert hat. Kann man den Berlinern also verübeln, dass sie sich wundern, dass ausgerechnet ihm jetzt die Leitung ihres Flughafens übertragen wird?

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hartmut Mehdorn ist ein sympathischer Kerl. Gerade wegen seiner direkten Art. Aber der Richtige für den Berliner Flughafen ist er nicht.

          Als Bahnchef seinerzeit war er nicht für jeden Zug persönlich verantwortlich, der zu spät kam. Aber die politische Verantwortung für das S-Bahn-Debakel hatte er schon. Ende der neunziger Jahre hatte die Bundesregierung Mehdorn aufgetragen, die Bahn fit für einen Börsengang zu machen. Dem ordnete er alles unter. So forderte er auch von der Tochtergesellschaft S-Bahn Berlin GmbH einen hohen Ergebnisbeitrag. Heute ist klar, dass die Schraube dabei überdreht wurde: Es wurde zu viel Personal abgebaut und die Wartung der Züge vernachlässigt. Folgen spüren die Berliner bis heute.

          Auch was Großprojekte anbelangt, ist Mehdorns Bilanz bestenfalls durchwachsen. Der Berliner Hauptbahnhof, eines seiner Vorzeigeprojekte, wurde später fertig als ursprünglich geplant - und auch deutlich teurer. Statt 700 Millionen Euro kostete er am Ende stolze 1,2 Milliarden Euro.

          Dasselbe gilt für neue Hochgeschwindigkeitsstrecken wie die ICE-Linie von Frankfurt nach Köln. Sie sollte ursprünglich 7,75 Milliarden Mark kosten. Am Ende verschlang Mehdorns Großbaustelle mehr als zehn Milliarden Mark, die der Steuerzahler berappen musste. Geht so Großprojekt-Management à la Mehdorn? Pünktlich und billig kann Mehdorn nicht, war der Eindruck, der zurückblieb.

          Wer jetzt verteidigend für den früheren Bahnchef einwirft, so seien Großprojekte nun mal, und man dürfe mit dem armen Kerl nicht so streng sein, der sollte bedenken: Die Ansprüche an den neuen Flughafenchef für Berlin sind ohnehin schon bei Null angekommen.

          Beim Berliner Flughafen wäre man ja schon froh, wenn dort überhaupt irgendwann mal Flugzeuge fliegen, starten und landen könnten. Im Augenblick ist Berlin ja die einzige Großstadt mit einem Flughafen, der nur auf dem Landweg zu erreichen ist.

          Schlimmer kann es eigentlich nicht mehr kommen. Dabei wohnen doch gerade am Prenzlauer Berg inzwischen viele Schwaben. Und die könnten sich womöglich an ein anderes Großprojekt in ihrer Heimat erinnern, an dem Hartmut Mehdorn beteiligt war: Es geht um einen Tunnel, der dort gebaut wird und einen unterirdischen Bahnhof: Stuttgart 21. Der heutige Bahnchef Rüdiger Grube hat den Ärger damit - aber der größte Teil der Planung geschah unter Mehdorn. Noch kurz bevor er die Bahn verließ, brachte er die Verträge in trockene Tücher.

          Als Musterbeispiel für Großprojekt-Management gilt das Vorhaben nicht unbedingt: Wenn heute alle Beteiligten sagen, damals wären mehr Fingerspitzengefühl und eine stärkere Einbeziehung der Bevölkerung notwendig gewesen, dann meinen sie auch Mehdorn. Diplomatisch kann er nicht so gut.

          „Diplomat wollte ich nie werden“ ist der Titel eines Buches über ihn. Der frühere Bahnchef machte nie ein Hehl daraus, dass er lieber allein entscheidet, als sich mit anderen abzusprechen. In jedem zweiten Interview erzählte er, sein Vorbild sei Napoleon, und er lese viel über ihn.

          Die Politiker im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages sagten nach dem Wechsel an der Bahnspitze von Mehdorn auf Grube: Das sei der größte Vorteil des Neuen - dass er überhaupt mal mit ihnen rede. Ob sich die Politiker in Brandenburg und Berlin einen solchen Stil gefallen lassen werden?

          Mehdorn kann forsch führen. Um die Bauarbeiter auf der Berliner Flughafenbaustelle anzutreiben, mag das gut sein. Zu seinen Hauptstärken gehört es aber nicht, sich mit unterschiedlichen politischen Akteuren abzusprechen und auf die jeweiligen Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Das aber ist in einem Unternehmen mit öffentlichen Eigentümern vermutlich notwendig.

          Vorbildlich darin war Wilhelm Bender, der frühere Frankfurter Flughafenchef. Seine Amtszeit ist, bei allen Schwierigkeiten mit der Flughafen-Erweiterung, als erfolgreich in Erinnerung geblieben. Den Berliner aber hat er abgesagt.

          Mehdorn war nach seiner Zeit als Bahnchef Sanierer der Fluggesellschaft Air Berlin. Richtig gut geht es dem Unternehmen immer noch nicht. Aber vielleicht wäre es ohne ihn tatsächlich nicht mehr da. Bemerkenswert ist, dass Mehdorn als Air-Berlin-Chef den Flughafen wegen der Verzögerungen bei den Bauarbeiten verklagt hat. Ob er in seiner neuen Tätigkeit als Flughafenchef jetzt diese Prozesse gegen sich selbst führen muss?

          Spötter sagen, Mehdorn sei schließlich schon 70, und es sei unwahrscheinlich nach den bisherigen Erfahrungen mit dem Berliner Flughafen, dass er dessen Fertigstellung überhaupt noch erleben werde. Wünschen wir ihm, dass er alle eines Besseren belehrt.

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