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Contra : Google beißt nicht

Wenn wir uns über Street View aufregen, lenken wir uns nur von den anderen Gefahren ab, die sich nicht so leicht verbieten lassen. Deshalb müssen wir lernen, auf unsere Daten selbst aufzupassen.

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          „Sei nicht böse!“ Das war einmal Googles Leitspruch - und heute glaubt kaum noch jemand, dass das wirklich gilt. Google fotografiert unsere Häuser, es kennt unsere Internetsuchen, es analysiert unsere Klicks. Und keiner weiß, was mit den Daten geschieht. Das kann einem schon Angst machen. Und doch macht das Google noch nicht zu einem Bösewicht. Denn Google selbst analysiert nur die privaten Daten, die wir ihm überlassen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich ist „Google“ nur ein griffiges Wort für unsere Angst vor Computern. Sie können heute Informationen über Milliarden Menschen durchforsten. Jetzt sind alle hinter unseren Daten her: Facebook, Werbeagenturen, Geheimdienste. Selbst die Versicherungen tauschen aus, was sie über unsere Krankheiten wissen. Google kennt unsere Krankheiten nicht mal.

          So ist die Welt jetzt. Es hilft nichts, sich in eine frühere Zeit zu wünschen. Denn die Computer bringen uns Segen. Das beste Beispiel ist die Technik, die beim Online-Buchhändler unsere Lieblingsbücher durchleuchtet. Die gleiche Technik hilft auch Medizinern, klinische Studien zu analysieren und das nächste Medikament gegen Demenz zu finden.

          Lernfähigkeit

          Nun müssen wir lernen, die Folgen zu kontrollieren. So wie wir gelernt haben, im Auto den Gurt anzulegen. Google-Chef Eric Schmidt erinnert uns daran. „Wer etwas zu verbergen hat, sollte es vielleicht einfach nicht tun“, sagte er. Das ist natürlich Unsinn. Aber Schmidt ruft uns ins Gedächtnis, dass es uns manchmal eben wichtig ist, dass wir ein paar Geheimnisse behalten. Wir merken uns: Wer etwas zu verbergen hat, der sollte es eben auch verbergen. Das geht heute noch. Es ist gar nicht so schwer. Selbst 14-jährige Mädchen haben schnell gelernt, dass sie ihre Unterwäsche-Fotos besser für sich behalten, als sie ins Netz zu stellen.

          Ähnlich ist es mit Google. Der Konzern macht uns nur ein Angebot, das wir ablehnen können. Wer Angst vor dem Riesen hat, lässt seine E-Mails eben bei T-Online oder GMX. Das Internet durchsucht er künftig mit Microsoft. Wer ganz anonym bleiben will, findet auch dafür die richtige Technik.

          Zugegeben, Googles Street View entkommt man kaum. Aber es zeigt nur die Hausfassade - und wir müssen uns bewusst werden, dass diese eben öffentlich ist. Heute schon kann jeder unser Haus von der Straße ansehen. Und ein Foto schießen. Dieses Risiko steigt durch Street View nicht. Statt des Google-Autos könnte auch die Polizei vorbeifahren oder der Chef vorbeischlendern - auch damit müssen wir rechnen. Tatsächlich fotografieren heute schon ungezählte unbekannte Firmen die Fassaden Deutschlands, um die Bewohner nach Kreditwürdigkeit und Kaufkraft zu klassifizieren. Gefragt haben die auch nicht.

          Ablenkung

          Google ist auch nicht schlimmer. Es gibt uns im Gegenzug wenigstens eine Internetseite, die wir gerne nutzen: Wir schlendern damit durch fremde Städte oder sehen uns schon mal die Umgebung unseres nächsten Urlaubshotels an. Google macht uns Angst, weil es ein großer Konzern ist - aber genau das schützt uns auch. Google ist bekannt und kann deshalb viel besser kontrolliert werden als viele kleine Firmen, die keiner kennt.

          Wenn wir uns jetzt über Street View aufregen, lenken wir uns nur von den anderen Gefahren ab, die sich nicht so leicht verbieten lassen. Deshalb müssen wir lernen, auf unsere Daten selbst aufzupassen. Wie dringend das ist, das beweisen die Google-Gegner in Düsseldorf: Die ärgerten sich über die Fotos von ihren Häusern so sehr, dass sie ihren Protest in die Zeitung trugen. Dazu ließen sie sich vor ihren Häusern fotografieren. Jetzt stehen sie im Internet. Unverpixelt, mit Hausfassade und vollem Namen - viel besser erkennbar als auf Street View.

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