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Contra : Es braucht vorbildliche Chefs!

Ursula von der Leyen etabliert in ihrem Ministerium Regeln gegen Handy-Stress. Doch Arbeitszeitgesetze gibt es schon; das Problem ist eher, überehrgeizige Kollegen zu stoppen. Dafür braucht es vor allem eine gute Unternehmenskultur.

          Ursula von der Leyen möchte mit gutem Beispiel vorangehen: Künftig gibt es in ihrem Ministerium die Ansage, dass niemand mehr nach Dienstschluss aufs Smartphone schielen muss. Kein schlechtes Gewissen mehr, wenn man die Mail vom Chef einfach mal nicht beantwortet, weil man mit der i-Phone-freien Hand gerade eine Sandburg für die Kinder baut. Herrlich!

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Wirklich? Dass wir außerhalb der gesetzlichen Höchstarbeitszeit nicht arbeiten müssen, ist in Deutschland schon lange festgelegt. Das Problem ist ein anderes und es hat einen Namen: Selbstausbeutung. Wer sich schon einmal gefragt hat, warum er Mails im Sandkasten beantwortet oder einen späten Telefontermin mit Amerika ausmacht, obwohl die Familie lieber gemütlich beim Abendbrot zusammensäße, kommt oft zu der Antwort: Weil ich es möchte. Viele Arbeitnehmer wollen sich engagieren, weil sie Freude daran finden, die Arbeit gut zu erledigen. Da kommt schnell das Gefühl auf, das Projekt, der Text oder die Berechnung müsse einfach noch fertig werden. Und wenn das innerhalb der Arbeitszeit nun mal nicht zu schaffen ist, dann eben außerhalb.

          Zweifellos – wenn Menschen sich überfordern, kann das tragisch enden, mit Burnout und Schlimmerem. Bloß: Werden diese Menschen wirklich einen Gang zurückschalten, nur weil eine neue Ansage von oben kommt, die im Kern das gleiche besagt, wie die Arbeitszeitregeln, die es ohnehin schon gibt? Zugegeben: Es hilft, wenn der Arbeitgeber und die Kollegen nach Dienstschluss einfach keine Mails mehr verschicken. Dann kommt nichts an im Postfach und die Versuchung weiterzuarbeiten wird kleiner. Doch gibt es natürlich auch Mails und Anrufe von Geschäftspartnern von außen. Solange nicht eine kritische Masse an Unternehmen mitmacht, wird sich also kaum etwas ändern.

          Die Handy-Regeln werden auch dann nicht helfen, wenn Mitarbeiter in ihrer Freizeit arbeiten, weil sie das Gefühl haben, besser als die Kollegen sein zu müssen oder mindestens gleich gut. Was ist sonst mit der nächsten Beförderung, Gehaltserhöhung oder schlimmer: bei der nächsten Kündigungswelle? Gegen solche Ängste hilft ein Bekenntnis wie das der Arbeitsministerin wenig. Denn überehrgeizige Arbeitnehmer werden immer Wege finden, trotz aller Regeln weiterzumachen: Wenn der Sicherheitsdienst um Mitternacht das Gebäude absperrt, nehmen sie den Laptop und arbeiten daheim weiter. Wenn auf dem Smartphone keine Mails mehr ankommen, kommunizieren sie über Facebook oder heben sich für den Abend andere Aufgaben auf.

          Entscheidend dafür, ob Menschen ein gesundes Maß finden, ist – neben dem Einhalten der bestehenden Gesetze – die Unternehmenskultur. Sie kann Mitarbeitern das Gefühl geben, dass nach Dienstschluss wirklich Schluss ist. Wenn der Chef es vorlebt. Wenn die Kollegen mitmachen. Ob das im Hause von der Leyen der Fall ist? Zweifel daran weckt die Tatsache, dass die Ministerin Regeln gegen den Handy-Stress von der Wirtschaft schon vor einem Jahr forderte. Im eigenen Ministerium etabliert sie sie mit reichlich Verspätung. Ob das am Wahlkampf liegt?

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