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Zum festen Bestandteil der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft geworden: Betriebsappell bei Continental im Mai 1942

Continental – Zulieferer für Hitlers Krieg

Von SVEN ASTHEIMER, Frankfurt
Zum festen Bestandteil der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft geworden: Betriebsappell bei Continental im Mai 1942 Foto: Continental, Erker-Studie

26. August 2020 · Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, Anpassung an die Kriegswirtschaft und die Veränderung der Unternehmenskultur – der Dax-Konzern Continental arbeitet seine Geschichte auf. Was lässt sich daraus für die Gegenwart lernen?

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en Weg zum Musterbetrieb hat Continental früh eingeschlagen. Der Vorstand des Industriekonzerns begrüßte die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 geradezu euphorisch. Im Gegensatz zu manch anderem Unternehmer, der eher mit Skepsis auf die neue Regierung von Adolf Hitler reagierte, bekundete der Generaldirektor der Continental Gummi-Werke AG, Willy Tischbein, gleich mehrfach öffentlich seine Unterstützung für die Politik der Nationalsozialisten. Tischbein war ein Schwergewicht unter den deutschen Wirtschaftskapitänen der Weimarer Republik, er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Verbands der Automobilindustrie und saß im Aufsichtsrat der Dresdner Bank.

„Continental hat sich lange Zeit vor einer wirklichen Analyse seiner Rolle in der NS-Zeit gedrückt. Als einer der letzten – aber bei weitem nicht der letzte – Dax-Konzerne stellt sich Continental daher nun seiner Geschichte in der NS-Zeit“, schreibt der Historiker Paul Erker in seiner umfangreichen Studie „Zulieferer für Hitlers Krieg“, die er für das Unternehmen erstellt hat. Für Siemens fehle eine solche Aufarbeitung bis heute, moniert Erker. Der Münchner Wissenschaftler hat mit dieser düsteren Epoche der deutschen Geschichte reichlich Erfahrung; er hat Chroniken für Bosch, die Reimann-Familie oder Jägermeister erarbeitet. An diesem Donnerstag präsentiert der Vorstandsvorsitzende von Continental, Elmar Degenhart, das Resultat der Öffentlichkeit. Der F.A.Z. liegt das mehr als 850 Seiten starke Werk vorab vor. Ein solcher Umfang sei auch für ihn ungewöhnlich, sagt Erker. Fast vier Jahre lang hat er an der Studie gearbeitet. Er wisse, so viele Seiten seien eine Herausforderung, sagt der Autor, „aber es muss einfach sein“.

Synthetischer Buna-Kautschuk: Unabhängigkeit für das Regime
Synthetischer Buna-Kautschuk: Unabhängigkeit für das Regime Foto: Continental, Erker-Studie

Für seine umfangreichen Recherchen vertiefte Erker sich nicht nur in die Archive der Hauptverwaltung in Hannover, sein Weg führte ihn auch nach Frankfurt, Berlin, Babenhausen und Hamburg sowie ins polnische Posen. Entgegen seinen Erwartungen seien dabei zahlreiche bislang unentdeckte Quellen zutage gefördert worden. Weil sich seine Forschung nicht nur auf den bis heute unter diesem Namen bekannten Mutterkonzern Continental, sondern auch auf die vier später übernommenen Unternehmen VDO, Teves, Phoenix und Semperit erstreckte, ist eine übergreifende Branchenbetrachtung entstanden. Der Autor spricht deshalb vom „virtuellen Konzern“.

Daneben liegt der Fokus auf der Veränderung interner Strukturen während dieser Zeit. „Es geht um die Selbstreflexion und Selbstvergewisserung des Unternehmens über die eigenen Verstrickungen in das Unrecht der NS-Zeit, die Anfälligkeit der Unternehmenskultur, die aus dem Unternehmen ein gut funktionierendes Teil der NS-Kriegs- und Rüstungswirtschaft gemacht hat, aber eben auch um die damaligen herrschenden politischen wie technologischen Zwänge, denen sich der globalisierte Konzern zum Teil auch heute wieder in einer ganzen Reihe von Ländern gegenübersieht“, heißt es.

Bislang noch unbeleuchtet: Die Rolle der Familie Opel

In der Tat liegt der Bezug zur Gegenwart auf der Hand. Man denke nur daran, wie schwer sich exportorientierte Unternehmen etwa aus der Automobilbranche im Umgang mit dem autoritären System Chinas tun. Welche Signale werden in die Organisation gesendet, wenn sich die Führung mit solchen Systemen arrangiert? Und wie können Strukturen robust genug gemacht werden, um sich einem möglichen Anpassungsdruck zu widersetzen?

Zwangsarbeiter müssen 1943 eine zerstörte Reifenfabrik aufräumen.
Zwangsarbeiter müssen 1943 eine zerstörte Reifenfabrik aufräumen. Foto: Continental, Erker-Studie
Zwangsarbeiter müssen 1943 eine zerstörte Reifenfabrik aufräumen. Foto: Continental, Erker-Studie

Der Fall Continental zeigt, welche Bedeutung der Haltung des Topmanagements zukommt. Denn Generaldirektor Tischbein signalisierte nicht nur nach außen seine volle Unterstützung für das Hitler-Regime, „sondern verpflichtete auch unternehmensintern sämtliche Vorstandskollegen sowie die Prokuristen beziehungsweise Direktoren der zweiten Führungsebene zum sofortigen Eintritt in die NSDAP und ging mit gutem Beispiel voran.“ Zudem unterstützte die Führung, dass diverse NSDAP-Parteiorganisationen im Unternehmen um Mitglieder warben. Erker schreibt, dass sich die NS-Funktionäre in Hannover die Klinke in die Hand gaben. Flankiert wurde diese Form des Netzwerkens von „Zuwendungen an politische und Wehrverbände“. Wie aus den Bilanzakten hervorgeht, belief sich die Summe in den Jahren 1933 und 1934 auf eine Million Reichsmark. Als Höhepunkt von Tischbeins Anpassung an das NS-Regime bezeichnet Erker den Besuch Hitlers auf dem Continental-Stand anlässlich der Internationalen Automobil-Ausstellung im Mai 1934 in Berlin. „Das Bild signalisierte deutlich die in kürzester Zeit verwirklichte Kongruenz und Komplementarität der Interessen des Unternehmens und des NS-Regimes“, heißt es.

Neue Erkenntnisse über die internen Abläufe konnte der Studienautor auch deshalb gewinnen, weil erstmals die Auswertung der Korrespondenz zwischen dem von der Familie Opel als damaligem Hauptanteilseigner dominierten Aufsichtsrat und dem Vorstand sowie der Vorstands- wie Aufsichtsratsprotokolle möglich war. Damit rückt auch die Rolle von Fritz Opel und seiner Brüder, dem Stamm der Hauptanteilseigner von Continental, in den Blickpunkt. Diese seien bislang quasi unsichtbar gewesen. Obwohl Fritz Opel mit Generaldirektor Tischbein in einem wohldokumentierten Dauerclinch lag, unter anderem wegen der Ausgaben- und Dividendenpolitik, hatten beide doch gemeinsam dafür gesorgt, dass der Aufsichtsrat 1933 entsprechend der neuen politischen Verhältnisse angepasst wurde. „Sämtliche Aufsichtsräte mit jüdischem Familienhintergrund wurden zum ,freiwilligen‘ Rücktritt oder Verzicht auf eine Wiederwahl gedrängt“, hieß es.

Die Continental-Führung war damals bemüht, öffentlich ihre Treue zur politischen Spitze zu dokumentieren. „Bei unserer Gesellschaft handelt es sich um ein christliches und rein deutsches Unternehmen“, wird aus einer Stellungnahme zitiert.


„Unser gesamtes Aktienkapital befindet sich unseres Wissens in deutschen Händen. Unter unserer Belegschaft befindet sich nur ein ganz kleiner Bruchteil von Juden oder Mitarbeitern jüdischer Abstammung (maximal 10 von etwa 10.000 Personen). In der Leitung unseres Hauses befinden sich keine Juden.“ Sämtliche Herren des Vorstands seien „Arier“, und auch hinsichtlich des neu gewählten Aufsichtsrats gelte, dass „keiner der Herren Jude ist“.

In seiner institutionellen Ausprägung schlug sich das NS-Regime in Form der neuen Nationalsozialistischen Betriebszellen-Organisation (NSBO) und des Vertrauensrats nieder, die den bisherigen Betriebsrat ersetzten. Der klassische Arbeiter von Continental galt als eher links, weshalb die NS-Betriebszelle vor allem die Angestellten im Blick hatte. Obwohl nach der Betriebsratswahl 1933 von einer Machtergreifung der NSBO innerhalb der Continental-Belegschaft keine Rede sein konnte, tauchten schon auf der Aufsichtsratssitzung vom 10. Mai 1933 anstelle zweier SPD-Betriebsräte die beiden NSBO-Vertreter Hermann Haase und Hans Müller auf. Sie forderten dabei nicht nur eine Erhöhung der an die Belegschaft auszuschüttenden Gratifikationen, sondern auch die Hereinnahme eines ausgewiesenen NSDAP-Parteigenossen in den Continental-Vorstand. Hinweise auf eine von der NSBO und dem Vertrauensrat initiierte oder geforderte politische Säuberung der Belegschaft und etwaige Diskriminierungen gegenüber den früheren politischen Gegnern im Betriebsrat gibt es jedoch nicht.

Kolbenring-Fertigung im Werk Frankfurt 1935
Kolbenring-Fertigung im Werk Frankfurt 1935 Foto: Continental, Erker-Studie

Überhaupt ist das Bild oft nicht eindeutig, lässt sich kein simples Gut-Böse-Schema erkennen. Continental gehörte laut Erker nicht zu den Schlimmsten, aber die Schuld sei mit Blick etwa auf die Zwangsarbeit auch eindeutig belegt. Im virtuellen Continental-Konzern habe man sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem NS-Regime arrangiert, und dabei überlappten sich diverse Interessen und Ebenen. So habe Continental bis 1938 zwei jüdische Leitende Angestellte gehabt, auch der jüdische Aufsichtsratschef blieb im Vergleich zu den einfachen Mitgliedern vergleichsweise lange im Amt. Die „Arisierung“ von Unternehmensleitung und Aufsichtsrat war erst 1938 wirklich abgeschlossen, verglichen mit anderen Großunternehmen war das relativ spät. Die Arisierung der Belegschaft spielte lange nur eine untergeordnete Rolle.

Ganz unterschiedlich verlief auch die Entwicklung in den späteren Tochtergesellschaften. Franz-Josef Messner, der Generaldirektor von Semperit, habe das NS-System zunächst genutzt, um sein marodes Unternehmen zu stärken. Später kooperierte er mit den Amerikanern, was schließlich aufflog und ihn das Leben kostete. Laut Erker sei sein Hauptmotiv für den Verrat gewesen, dass er auf diese Weise seine Fabriken vor dem Bombardement der Amerikaner schützen wollte. Deshalb sei der Mythos von Messner als Widerstandsheld nicht zu halten.

Deutlich stärker auf Distanz zur Hitler-Administration ging Alfred Teves. Der Chef und Namensgeber des Zuliefererbetriebes war mit einer Amerikanerin verheiratet und unterstützte seine jüdischen Mitarbeiter. Weder er noch seine Söhne waren NSDAP-Mitglieder. Teves bot entlassenen SPD-Mitgliedern eine Stelle an, und gerade in Frankfurt konnten sich unter seinem Deckmantel Widerstandszellen formieren. Das rückte ihn schließlich ins Visier der Gestapo. Gleichwohl hat auch Teves seinen Beitrag zur Kriegswirtschaft geleistet und etwa Steuerungsgeräte für Panzer gebaut.

Das Gummitechnische Prüflaboratorium, Werk Vahrenwald
Das Gummitechnische Prüflaboratorium, Werk Vahrenwald Foto: Continental, Erker-Studie
Das Gummitechnische Prüflaboratorium, Werk Vahrenwald Foto: Continental, Erker-Studie


Von der NS-Freizeitgesellschaft zum Rückgrat der Kriegswirtschaft

Auch für Continental selbst war diese Ambivalenz prägend. Fritz Könecke, von 1940 an Generaldirektor, bescheinigt Erker eine „verhalten opportunistische Anpassung bei gleichzeitiger relativer Distanz zum System“. Continental habe zu jenen Unternehmen gehört, welche die neue NS-Betriebsgemeinschaft nach innen wie nach außen zelebrierten und sich sehr schnell zu nationalsozialistischen Musterbetrieben wandelten, ohne allerdings die Interessen des Konzerns hintanzustellen. Kann der virtuelle Continental-Konzern in den frühen Jahren unter Hitlers Herrschaft durchaus als Lieferant für die nationalsozialistische Freizeit- und Konsumgesellschaft verstanden werden, nahm spätestens mit Kriegsbeginn die Entwicklung zum „Rückgrat“ (Erker) der deutschen Kriegswirtschaft erheblich an Fahrt auf. „Continental war im Bereich der Auto- und Flugzeugreifen sowie Gleiskettenpolster für Panzer, aber auch bei technischen Schläuchen, hydraulischen Bremsen, Präzisionssteuerungs-, Kontroll- und Messinstrumenten für V-1-Marschflugkörper, Panzer und Geschütze einer der wichtigsten Zulieferkonzerne des Dritten Reichs“, schreibt Erker. Dazu sei die Herstellung von Millionen von Volksgasmasken gekommen.

Blick in die Abteilung Arbeit, Verwaltungsgebäude, Werk Vahrenwald, ca. 1938
Blick in die Abteilung Arbeit, Verwaltungsgebäude, Werk Vahrenwald, ca. 1938 Foto: Continental, Erker-Studie

Die NS-Behörden verfolgten die Strategie, die Unternehmen „in einer Mischung aus Zwang und Förderung von Ehrgeiz und Konkurrenzdenken zu immer größeren Entwicklungs- und auch Produktionsleistungen anzustacheln“, heißt es. Dass diese Methode erfolgreich war, zeigt Erker am Beispiel der Flugzeugreifenentwicklung. Das Problem bestand im hohen Verschleiß der sogenannten Jägerreifen. Den Continental-Ingenieuren gelang es, einen Reifen zu entwickeln, mit dem die Messerschmitt-Modelle 109 und 262 die Zahl ihrer Starts und Landungen von bislang maximal 15 auf mehr als 50 steigern konnten.

Dasselbe Wettbewerbsprinzip funktionierte auch bei der Entwicklung von Schuhsohlen. Erker spricht von der „Verstrickung ... in das von der SS betriebene verbrecherische System der ökonomischen Instrumentalisierung der Konzentrationslager“. Das Reichsamt für Wirtschaftsaufbau hatte im Juli 1940 eine zentrale Schuhprüfstelle geschaffen und im KZ Sachsenhausen eine Prüfstrecke errichtet. Im November schickten Continental-Entwickler die ersten zehn Paar Gummiabsätze für Trageversuche dorthin. Einen Monat später kamen die Ergebnisse zurück: Im Durchschnitt waren die Absätze 274 Kilometer getragen worden, manche aber auch mehr als 400 Kilometer.

Die große Rivalität mit dem Weinheimer Unternehmen Freudenberg um die optimale Schuhsohle führte in der Folge dazu, dass sich die beiden Unternehmen immer ausgiebiger der Prüfstrecke bedienten – ohne sich über die dortigen Zustände Gedanken zu machen. Erker beschreibt die Zuspitzung: „Tatsächlich herrschten dort inzwischen mörderische Bedingungen. Igelit-Sohlen zeigten eine Leistungsfähigkeit bis zu 2200 Kilometer, was Rückschlüsse auf die Verhältnisse bei den Trageversuchen auf der Schuhprüfstrecke zulässt. Die bei den Trageversuchen eingesetzten Häftlinge wurden gesundheitlich zugrunde gerichtet, viele kamen als direkte oder indirekte Folge ihres Einsatzes um. Die jeweiligen Leiter der Schuhprüfstrecke waren für ihre Brutalität bekannt, und es gab zahlreiche Fälle vorsätzlicher Ermordung von dort eingesetzten Häftlingen.“ Gelaufen wurde unter dem strengen Regime der SS-Aufseher von 6 Uhr früh bis 17 Uhr nachmittags, nur von einer Mittagspause unterbrochen. Legten die durchschnittlich 170 KZ-Insassen anfangs noch insgesamt rund 4000 Testkilometer am Tag zurück, waren es später gut 8000.

Tachometer-Fertigung bei VDO ca. 1934, VDO-Werk in Frankfurt a. M.
Tachometer-Fertigung bei VDO ca. 1934, VDO-Werk in Frankfurt a. M. Foto: Continental, Erker-Studie

Ein eigenes Kapitel widmet der Historiker Erker der Zwangsarbeit. „Bei Continental ergaben sich keine unheilvollen Konstellationen eines systematischen Unterdrückungssystems, aber dennoch kam es zu Eigendynamiken einzelner dieser Funktionsträger“, lautet die Bilanz. Dabei profitierte Continental sowohl in eigenen Werken als auch in Beteiligungswerken von Zwangsarbeit. Insgesamt lag deren Zahl den Quellen zufolge bei rund 10.000. Auch hier zeigt sich ein vielschichtiges Bild: Die Anwerbung belgischer Facharbeiter war zum Beispiel noch gekoppelt an eine Bezahlung über Tariflohn. Zwangsarbeiter wurden ohne rassische oder nationale Differenzierung durchaus als Teil der Gefolgschaft/Betriebsgemeinschaft betrachtet. Sowjetische Zivilarbeiter wurden dagegen nach Regeln der NS-Behörden und der Gestapo anders behandelt und separiert. Im August 1942 wurden die ersten französischen Kriegsgefangenen eingesetzt. Diesen und den italienischen Militärinternierten war es phasenweise möglich, in ein ziviles Arbeitsverhältnis übernommen zu werden. Erker kommt zu dem Schluss, dass Continental keine nennenswerten Lohnkosteneinsparungen durch den Einsatz der Kriegsgefangenen machte. Es existierte ein engmaschiges Disziplinierungs- und Leistungsförderungssystem, das der Historiker als verhältnismäßig moderat beschreibt.

Katastrophale Zustände herrschten dagegen in den sogenannten Rohbetrieben, wo die schwersten und schmutzigsten Arbeiten verrichtet wurden und der Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen besonders hoch war. Ausführlich wird das brutale Verhalten von Dr. Hans Odenwald beschrieben, dem für die Rohbetriebe zuständigen stellvertretenden Vorstandsmitglied. Dieser sei als sadistischer Menschenschinder bekannt gewesen. Von deutschen Arbeitern wurden später Aussagen über die schrecklichen Zustände aufgenommen: „Die ausländischen Arbeiter mussten täglich zwölf Stunden arbeiten, dazu auch noch an den Sonntagen. Wenn Ausländer, besonders Russen, wirklich nicht mehr konnten und die Aufsicht bei Dr. Odenwald und dessen Assistenten Thierry wegen besserer Verpflegung baten, wurde von beiden Herren geantwortet, nehmt nicht so viel Rücksicht auf diese Bolschewisten. Wenn sie tot sind, gibt’s neue.“

Entnazifizierung: Von Widerstandsmythen und Nachkriegskarrieren

Anders dagegen die Lage beim Continental-Konzern selbst. Dort deuten die Quellen darauf hin, dass Unterkunft und Versorgung der Fremdarbeiter durchaus vorbildlich waren, heißt es, zumindest bis Mitte des Jahres 1942. Die Unternehmensleitung nahm die Steuerung der Leistungserbringung allein über Lohn und Verdienst vor. Andere Maßnahmen, gerade in Bezug auf die Situation der Zwangsarbeiter, spielten nur ganz am Rand eine Rolle. Vom Frühjahr 1944 an kam es dann schließlich zum Einsatz von KZ-Häftlingen – es war das letzte Stadium der Radikalisierung des Arbeitseinsatzes. Rund 500 weibliche Häftlinge mussten im Werk in Limmer unter sehr prekären Bedingungen Gasmasken fertigen: Zwölfstunden-schichten am Fließband bei großer Hitze und aggressiven Dämpfen. Konnten sie ihre Arbeit nicht erledigen, erfuhren sie Drangsalierung durch Aufseherinnen. Doch Erker fand auch Hinweise auf Solidarisierungseffekte mit deutschen Arbeiterinnen, welche dieselben Tätigkeiten verrichteten. Nach einer Intervention der Werksleitung hörten die Misshandlungen durch die SS-Aufseherinnen auf dem Werksgelände schließlich auf. Erker führt in seiner Chronik weitere Beispiele an, die zeigen, wie stark die Verflechtungen zwischen dem KZ-Außenlager und Continental waren und sich das Unternehmen mit dieser Akzeptanz tiefer in die Verbrechen des NS-Regimes verstrickte.


Luftaufnahme-Werk-Vahrenwald-März1945
Luftaufnahme-Werk-Vahrenwald-März1945 Foto: Continental, Erker-Studie
Luftaufnahme-Werk-Vahrenwald-März1945 Foto: Continental, Erker-Studie

Im Schlussteil beleuchtet Erker die Schicksale der Topmanager des virtuellen Continental-Konzerns. Für fast alle endete das Entnazifizierungsverfahren mit einer Entlastung, indem sie allenfalls als „Mitläufer“ eingestuft wurden, und einer Anschlusskarriere im Nachkriegsdeutschland. Continental-Chef Könecke hatte sich kurz vor dem Kriegsende noch abgesetzt. „Zu seiner Verteidigung und Erklärung erfand er später eine geradezu abenteuerliche Geschichte, in der er sich als Held und Opfer gleichermaßen stilisierte. Demnach habe er einen angeblichen Befehl des Gauleiters zur Sprengung des Werks Hannover verhindert und sei dafür von Lauterbacher zum Tode verurteilt worden.“ 1945 wurde er von Continental entlassen, 1948 als „nicht betroffen“ vom Entnazifizierungsverfahren eingestuft. Zwar war eine Rückkehr ausgeschlossen, doch nur ein Jahr später wechselte er nach Hamburg zur Phoenix AG. 1952 berief in Daimler in den Vorstand, dessen Vorsitzender er sogar noch wurde, bevor sich der Träger des Bundesverdienstkreuzes 1960 aus dem Berufsleben zurückzog.

Der virtuelle entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zum tatsächlichen Continental-Konzern, der mit der Übernahme von VDO im Jahr 2007 abgeschlossen war. Mit einem Jahresumsatz von mehr als 44 Milliarden Euro gehört das Dax-Mitglied aus Hannover zu den wichtigsten Automobilzulieferern der Welt.

Paul Erker: Zulieferer für Hitlers Krieg: Der Continental-Konzern in der NS-Zeit, De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2020, 868 Seiten, 49,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 26.08.2020 20:12 Uhr