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Container-Reederei : Kühne und Hamburg wollen für Hapag bieten

Die Containerschiffe von Hapaq-Lloyd könnten im nächsten Jahr einen Verlust einfahren. Bild: Archiv

Seit mehr als einem Jahr sucht die TUI nach einem Käufer für ihren Minderheitsanteil an der Container-Reederei Hapag-Lloyd. Doch nun kommt überraschend ein Angebot auf den Tisch: Der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne und die Stadt Hamburg wollen weitere Anteile übernehmen.

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          Seit mehr als einem Jahr sucht die TUI AG nach einem Käufer für seinen Minderheitsanteil an der Hapag-Lloyd AG. Der hannoversche Reisekonzern hält 38,4 Prozent an Deutschlands größter Container-Reederei. Erst wollte TUI den Anteil an die Börse bringen. Doch dies scheiterte an Fukushima und dem der Atomkatastrophe folgenden Niedergang der Transportpreise (Frachtraten). Auch die Verhandlungen mit Investoren aus dem Oman, China und Chile waren nicht von Erfolg gekrönt (F.A.Z. vom 6. Dezember).

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Doch nun bekommt TUI überraschend ein Angebot auf den Tisch. Nach Informationen dieser Zeitung sind der Logistikunternehmer Klaus-Michael Kühne und die Hansestadt Hamburg bereit, einen weiteren Anteil von mindestens 20 Prozent von Hapag-Lloyd zu übernehmen. Dies wollen sie der TUI in Kürze auch schriftlich mitteilen. Ob dies den Verlauf und die Ergebnisse der mit Spannung erwarteten TUI-Aufsichtsratssitzung an diesem Dienstag in Hannover irgendwie beeinflusst, ist allerdings offen.

          „Albert Ballin“- Konsortium 61,6 Prozent, TUI AG 38,4 Prozent

          Kühne und die Stadt Hamburg sind die mit Abstand größten Gesellschafter im Albert-Ballin-Konsortium, das bereits 61,6 Prozent der Hapag-Lloyd AG besitzt. Hintergrund der erwarteten Offerte ist das vertraglich vereinbarte Andienungsrecht: Bis zum 2. Januar 2012 hat TUI das Recht, dem Ballin-Konsortium 33,3 Prozent der Hapag-Lloyd anzudienen. Mit einer Übernahme von einem größeren Teil dieses Pakets würden Kühne & Co. der TUI dieses Andienungsrecht gleichsam „abkaufen“. Ob der TUI-Vorstand unter Führung von Michael Frenzel darauf eingeht, ist vermutlich vor allem eine Frage des Preises. Kühne hatte im Frühjahr 315 Millionen Euro für 11,3 Prozent der Reederei bezahlt. Demnach wären 20 Prozent mehr als 600 Millionen Euro wert. Allerdings hat sich die Ergebnislage von Hapag-Lloyd seit dem Frühjahr deutlich verschlechtert: Dem Konzern droht 2012 ein Verlust.

          In Kreisen des Albert-Ballin-Konsortiums hofft man, bis zum Jahresende, also noch vor Ablauf der Andienungsfrist, zu einer grundsätzlichen Einigung mit TUI zu kommen. Das heißt aber nicht, dass TUI die Verkaufsoption nicht zieht. Der Reisekonzern wird dieses Faustpfand wohl auf jeden Fall nutzen (und dies womöglich schon in der Aufsichtsratssitzung an diesem Dienstag auch beschließen), um die eigene Verhandlungsposition nicht zu verschlechtern. Selbst wenn das Andienungsrecht aktiviert ist, kann TUI mit dem Ballin-Konsortium über einen Teilverkauf jenseits des bereits vertraglich fixierten Veräußerungsplans sprechen.

          Dabei liegt die Federführung auf Seiten des Konsortiums klar bei Kühne und der Stadt Hamburg, die mit durchgerechnet 24,6 und 23,6 Prozent an Hapag-Lloyd beteiligt sind. Die kleineren Konsortialmitglieder Signal Iduna, M.M. Warburg und HSH Nordbank wollen ihren Anteil an Hapag-Lloyd lieber senken als erhöhen. Allein der Versicherer Hanse-Merkur scheint zu einer kleinen Aufstockung bereit zu sein, verlautete aus gut informierten Kreisen. Keine der genannten Adressen wollte sich auf Anfrage zu dem Thema äußern. Hamburg wird wohl nur unter der Maßgabe aufstocken, einen beträchtlichen Teil der Aktien später im Wege eines Börsengangs von Hapag-Lloyd wieder zu verkaufen.

          Kühne & Co. würden das Andienungsrecht gerne loswerden, um Druck aus dem Kessel zu nehmen. Wenn es so läuft, wie das Ballin-Konsortium 2008 bei der Mehrheitsübernahme von Hapag mit TUI vereinbart hatte, liegt schon Ende Februar ein gutachterlicher Preis für das Paket vor, das TUI dem Konsortium andienen kann. Keiner weiß heute genau, für wen diese Bewertung wohl günstiger ausfällt: den Käufer oder den Verkäufer. An dieser Front hat demnach auch Frenzel ein Risiko. Obendrein weiß der TUI-Konzernchef nicht einmal, ob das Ballin-Konsortium am Ende überhaupt willens und in der Lage ist, das ganze Hapag-Paket zu kaufen. Wenn nicht, muss Frenzel sich von Herbst 2012 an abermals selbst auf die Suche nach einem Käufer machen, wobei er dann über 50,1 Prozent der Anteile verfügen darf. Damit, so hofft man im Hause TUI, könnten dann eher strategische Investoren aus der Schifffahrtsbranche angezogen werden.

          Allerdings könnte eine andere Reederei auch mit einer Mehrheit bei Hapag-Lloyd nicht voll durchgreifen. Denn Kühne und die Stadt hätten weiterhin eine Sperrminorität. Überdies können wichtige Entscheidungen wie eine Sitzverlagerung oder eine Fusion nur mit 90 Prozent der Stimmen gefällt werden. Daher dürfte Frenzel, der auch Aufsichtsratsvorsitzender von Hapag-Lloyd ist, einem ernsthaften Angebot der Kühne-Fraktion grundsätzlich offen gegenüberstehen. Eine schnelle Lösung wäre im Übrigen auch gut für Hapag-Lloyd selbst. Unklare Verhältnisse im Aktionärskreis sorgen nicht dafür, dass wichtige strategische Fragen beantwortet werden. Als Aktionär auf dem Absprung hat TUI zum Beispiel sicherlich kein Interesse daran, größere Investitionsentscheidungen bei Hapag-Lloyd noch mit auf den Weg zu bringen oder gar finanziell zu unterstützen.

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