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Commerzbank übernimmt Dresdner : Zehn Tage und ein Sonntag

Die Entscheidung ist gefallen Bild: AP

Die Vorstände der Allianz und der Commerzbank haben nach allen Regeln der Kunst um den Verkauf der Dresdner Bank gepokert - und dann den größten Bankenzusammenschluss seit Ende der neunziger Jahre unter Dach und Fach gebracht. Die chinesische Karte machte das Spiel erst so richtig spannend.

          Es ist Sonntag; der Blick schweift über das Frankfurter Bankenviertel, das von der Spätsommersonne beschienen wird. Es ist das Wetter, das die silberfarbene Fassade des Hochhauses der Dresdner Bank eher matt als strahlend erscheinen lässt. Gerade in den Mittagsstunden, wenn die Sonne am Himmel ganz oben steht, sieht das benachbarte, viel jüngere Gebäude der Commerzbank dynamischer aus. Es ist kurz vor 12 Uhr; das Telefon klingelt – und die Skyline bekommt eine neue Perspektive. Denn der Anrufer hat Neuigkeiten: „Halten Sie in der Zeitung Platz frei, die Entscheidung des Allianz-Vorstands zugunsten der Commerzbank ist gefallen. Der Aufsichtsrat der Allianz tagt früher als geplant.“

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Damit ist nach monatelangen Verhandlungen klar: Die Commerzbank wird die von der Finanzkrise gebeutelte Dresdner Bank, die eine Tochtergesellschaft der Allianz ist, übernehmen. Darüber hatte der Vorstand der Commerzbank bis zum Sonntagvormittag keine Gewissheit. Im Gegenteil: Der Commerzbank-Vorstandsvorsitzende Martin Blessing und seine Mitstreiter waren sich zwar sicher, der einzige Bieter mit einem wirklich belastbaren Vertragswerk zu sein. Aber bis zuletzt war dennoch niemandem klar, ob nicht doch noch alles auf einen Verkauf an die ebenfalls mitbietende China Development Bank (CDB) zulaufen würde.

          Die Chinesen machten das Rennen nochmal spannend

          Denn die hatte am vergangenen Dienstag das Rennen um die Dresdner noch einmal richtig spannend gemacht – und für Verwirrung unter Vorständen, Mitarbeitern und Aktionären gesorgt. In den zehn Tagen vor der Verkaufsentscheidung werden die Spieler in diesem Poker nicht mehr viel Schlaf bekommen haben.

          Es ist Freitag, der 22. August, als klar wird, dass eine Entscheidung näherrückt. Es ist zu hören, dass die Commerzbank für die folgende Woche eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung plant. Der Vorstandsvorsitzende der Allianz, Michael Diekmann, habe mit Blessing über offene Fragen des Zusammenschlusses beraten. Und dieser Unterredung sollten in den kommenden Tagen noch weitere folgen, denn im Allianz-Vorstand ist man sich offensichtlich nicht einig. Immer wieder – und vor allem aus München, dem Sitz der Allianz – sind deshalb warnende Stimmen zu hören: „Es ist noch nichts entschieden“, heißt es.

          Zu Beginn der vergangenen Woche werden gleichwohl die ersten Verhandlungsdetails kolportiert. So wird klar, dass die Dresdner Bank von der Commerzbank in zwei Etappen übernommen werden soll. Die Commerzbank werde zunächst nur einen niedrigen Mehrheitsanteil an der Dresdner Bank erwerben. Anschließend müsste eine außerordentliche Hauptversammlung der Commerzbank über eine weitere Aufstockung entscheiden. Letztlich würde der Anteil der Allianz an der neuen Bank 29 Prozent betragen. Zudem stellt sich heraus, dass die Fondsgesellschaft der Commerzbank, die Cominvest, zur Allianz kommen soll. In der Allianz verfolgt unterdessen Finanzvorstand Paul Achleitner mit immer mehr Argwohn, dass der Öffentlichkeit als Lösung für die Dresdner Bank der Verkauf an die Commerzbank schon wie eine Selbstverständlichkeit vorkommt.

          Das Wort „Transaktionsunsicherheit“ machte die Runde

          Deshalb passt es ihm sehr gut, dass die Chinesen am Dienstag ein konkretes Angebot vorlegen. Anders als die Commerzbank wollen sie nicht mit Aktien bezahlen und auch nicht in zwei Schritten. Die CDB bietet Bargeld und will damit auf einen Schlag die gesamte Bank erwerben, die Allianz würde nur Minderheitsaktionär der Dresdner bleiben. Zudem, so wird kolportiert, böten die Chinesen einige hundert Millionen Euro mehr als die Commerzbank. Es wird auch darauf verwiesen, dass die Chinesen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht so viele Stellen streichen müssten: Wenn die Dresdner Bank an die Commerzbank gehe, drohe möglicherweise der Abbau von mehr als 10 000 Arbeitsplätzen, heißt es. Zudem macht das Wort „Transaktionsunsicherheit“ die Runde. Achleitner habe in dieser Hinsicht Sorge. Seine Befürchtungen kreisen um die außerordentliche Hauptversammlung, die für die Commerzbank nötig ist, um die Dresdner Bank schließlich komplett übernehmen zu können. Diese Versammlung mache das Geschäft unsicher.

          Am Donnerstag wird es dann offiziell: Der Aufsichtsrat der Allianz wird am Sonntag über die Zukunft der Tochtergesellschaft Dresdner Bank entscheiden. Auch die Commerzbank bestätigt, dass sie ihre Aufsichtsräte für Sonntag zu einer außerordentlichen Sitzung zusammengerufen habe. Es heißt aber auch: „Die Chancen der CDB sind in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen.“

          Doch den Beteiligten läuft angesichts der Einladungen zu den Aufsichtsratssitzungen die Zeit davon. Diekmann und Blessing finden deshalb in der Nacht von Donnerstag auf Freitag wieder näher zueinander. Am Freitagmorgen erfährt man, die Commerzbank stehe kurz vor der Übernahme der Dresdner.

          Doch schon bald gibt es neue Verwirrung: Es passt zur Stimmung der Verhandlungen, dass es nun wieder heißt, ein Scheitern der Gespräche sei nach wie vor nicht auszuschließen. Die Commerzbank äußert sich nicht. Im Umfeld der Allianz ist vermutlich auf Drängen Achleitners zu hören: Die Chinesen müssten Gas geben; die Qualität der Angebotsunterlagen stimme noch immer nicht. Aber bis zum Wochenende hat es für die Chinesen dann doch nicht gereicht. Der Zuschlag geht wohl an diesem Sonntag an die Commerzbank.

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