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Commerzbank : Bettina Orlopp wird den neuen Aufsichtsratschef bald treffen

Commerzbank-Finanzchefin Bettina Orlopp. Bild: Reuters

Noch kennt die Kandidatin für den vakanten Vorstandsvorsitz den neuen Chefkontrolleur nicht. Doch das hindert sie nicht, die Kosten zu senken. Dennoch rechnet die Commerzbank mit dem ersten Jahresverlust seit 2009.

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          Die Aktie der Commerzbank hat am Mittwoch mit einem Sprung um fast 6 Prozent auf 4,79 Euro auf die veröffentlichte Quartalsbilanz reagiert. Es war der höchste Kurs seit März. Dabei steckten in der Bilanz schlechte Nachrichten: Nach einem kleinen Gewinn im zweiten Quartal – der den Verlust im ersten Quartal allerdings nicht ausgleicht – rechnet der Commerzbank-Vorstand nun mit einem Verlust im Gesamtjahr. Es wäre der erste seit 2009.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bisher hatte der Vorstand noch einen Gewinn für 2020 erwartet, aber die Corona-Krise macht einen nochmals höheren Vorsorgebedarf für faule Kredite wahrscheinlich. Für die Risikovorsorge im Gesamtjahr prognostiziert die Commerzbank nun 1,3 bis 1,5 Milliarden Euro nach 1,0 bis 1,4 Milliarden Euro bisher. Und für sich abzeichnende Sanierungsmaßnahmen sind schon in diesem Jahr 200 Millionen Euro eingeplant, wie Finanzchefin Bettina Orlopp Journalisten in einer Telefonkonferenz am Mittwoch erklärte.

          Die 50 Jahre alte Orlopp gilt neben dem 57 Jahre alten Firmenkundenvorstand Roland Boekhout als Kandidat für die Nachfolge des Vorstandsvorsitzenden Martin Zielke, der spätestens zum Jahresende seinen Posten räumt. Über Zielkes Nachfolge bestimmt wesentlich der Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Jörg Vetter, den die Bundesregierung gegen den Widerstand des Aktionärs Cerberus gerade durchgesetzt hat. In Finanzkreisen wird der F.A.Z. bestätigt, dass zuvor auch das Interesse von Wolfgang Kirsch, des langjährigen Vorstandschefs der DZ Bank, am Commerzbank-Aufsichtsratsvorsitz ausgelotet worden war, Kirsch aber abgelehnt hat.

          Hans-Jörg Vetter
          Hans-Jörg Vetter : Bild: dpa

          Vetter wird nun nachgesagt, er hege Sympathien für einen neuen Vorstandschef von außen. Auf die Frage, ob sie eine Kandidatin für den Vorstandsvorsitz sei, sagte Orlopp: „Kein Kommentar.“ Die Frage der F.A.Z., ob sie Herrn Vetter schon kennengelernt habe, verneinte sie, aber das werde „bald, zeitnah“ geschehen.

          Die Führungskrise lähmt die Commerzbank – eigentlich wollte Orlopp gleichzeitig mit den Quartalszahlen umfangreiche Sparmaßnahmen vorstellen. Doch solange kein neuer Vorstandschef oder eine -chefin verpflichtet ist und eigene Vorstellungen eingebracht hat, wird es keinen Sparplan geben. Orlopp machte deutlich, dass sie ihren Fokus ohnehin auf die Kosten richtet. „Wir warten nicht, wir arbeiten weiter“, sagte sie. Ihr neues, leicht gesenktes Ziel für die Kosten im Jahr 2020 liege mit 6,7 Milliarden Euro einschließlich IT-Investitionen 200 Millionen unter der Kostenbasis des Vorjahres.

          Die Risiken durch Corona stellen weiter eine Last dar

          Orlopp gab aber auch zu, dass die im Jahresvergleich abgebauten 1000 Vollzeitstellen noch auf einer alten, der im Jahr 2016 ausgegebenen Strategie „Commerzbank 4.0“ beruhten. Die im September 2019 beschlossene „Commerzbank 5.0“ ist demnach praktisch nicht umgesetzt – zumindest was den darin geplanten Abbau von brutto 4300 von derzeit 39700 Vollzeitstellen angeht. Und die nächste Sparrunde steht schon vor der Tür.

          Währenddessen hatten die Anleger an der Börse durchaus Gründe am Mittwoch die Aktien der Commerzbank zu kaufen. So überraschte der im Vergleich zum Vorjahresquartal um 7 Prozent gestiegene Provisionsüberschuss der Bank. Privatkunden entrichteten für Rekordwertpapiertransaktionen in der Direktbank Comdirect mehr Gebühren und Unternehmen für die Plazierung von Anleihen auf dem internationalen Kapitalmarktgeschäft.

          Während also das „Tagesgeschäft“ besser lief als erwartet, stellen die Risiken durch Corona weiter eine Last dar. Anders als die Deutsche Bank erwartet die Commerzbank im zweiten Halbjahr einen höheren Risikovorsorgebedarf für faule Kredite als im ersten Halbjahr 2020, in dem sie 795 Millionen Euro zurückstellte, dreimal mehr als vor einem Jahr. Darin entfallen im zweiten Quartal 175 Millionen Euro auf einen Einzelfall, vermutlich auf Wirecard, sowie 77 Millionen Euro auf Rechtsrisiken aus Fremdwährungskrediten der polnischen M-Bank.

          Dennoch lieferte die Privat- und Firmenkundensparte einen Gewinnbeitrag von 112 (Vorjahresquartal: 248) Millionen Euro, während die Firmenkundensparte 89 (plus 21) Millionen Euro Verlust einbrachte. Nach einem Quartalnettogewinn von 220 (279) Millionen Euro steht zum Halbjahresende 2020 ein Verlust von 96 (plus 401) Millionen Euro zu Buche.

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