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Cola, Koks und Ritalin : Wie die Deutschen sich im Büro dopen

Um im Job leistungsfähig zu bleiben, greifen immer mehr Menschen zu Tabletten Bild: picture-alliance/ dpa

Konzentriert, kreativ und dabei immer heiter. Wer immer perfekt sein will, dröhnt sich im Job oft mit Pillen zu. Die helfen, selbst einen 18-Stunden-Tag erfolgreich durchzustehen. Doch das Glück ist nicht von Dauer: Irgendwann sind die Ressourcen verbraucht.

          Der Absturz beginnt in Rio de Janeiro. Zweimal im Monat jettet der Manager aus Hamburg zu Übernahmeverhandlungen nach Brasilien. Die langen Flüge, die Verhandlungsmarathons, das stresst den 40 Jahre alten Familienvater. Abends an der Hotelbar trinkt er zu viel Wein. Gegen den Jetlag nimmt er ein Aufputschmittel, vor dem Flug ein Beruhigungsmittel, meist Valium, das verschreibt ihm sein Hausarzt. “Der weiß ja, was ich für einen Job mache.“

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anne-Christin Sievers

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Und vor den wichtigen Terminen wirft er eine kleine Pille ein, ein Wundermittel namens Ritalin, das ihm die Sicherheit verleiht: “Ich bin ganz konzentriert, auch wenn wir die ganze Nacht verhandeln.“

          Eine praktische Sache. Zunächst. Denn irgendwann ist er abhängig von seinem Cocktail. Anfangs nimmt er eine Dosis Pillen, dann zwei, dann immer mehr. Über Monate hinweg, so lange ziehen sich die Verhandlungen. Seine Frau findet ihn auf einmal aggressiv, teilnahmslos, sie entdeckt die Tablettenschachteln und stellt ihn vor die Wahl: die Drogen oder wir.

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          Der Griff zum Lifestyle-Medikament

          Da fährt der Manager nach Bad Tönisstein in die Suchtklinik. Dort wundert sich niemand über den wohlsituierten Klienten im Anzug. “Die Drogenabhängigkeit unter Geschäftsleuten in führenden Positionen nimmt definitiv zu“, sagt Chefarzt Hubert Buschmann.

          --- Bild für Bild: Womit sich Angestellte aufputschen ---

          Sie greifen zu Glückspillen wie Ecstasy, zu Kokain oder zu Beruhigungsmitteln, die abhängig machen können. Oder sie dopen sich mit Lifestyle-Medikamenten wie Ritalin. Das ist eigentlich für Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom gedacht. Doch auch bei manchen gesunden Erwachsenen steigert es die Konzentration und Leistungsfähigkeit. Dabei ist Methylphenidat, der Wirkstoff des Ritalin, nicht ohne. In Deutschland fällt er unter das Betäubungsmittelgesetz - wegen Suchtpotentials. In der Apotheke benötigt man spezielle Rezepte, um ihn zu erstehen.

          Antidepressiva sind besonders beliebt

          Doch in Südamerika bekommt man ihn auch ohne Rezept, im Internet sowieso. Und auch auf ganz legalem Weg steigt die Nachfrage. Allein 2007 verordneten die Ärzte 16 Prozent mehr Tagesdosen Methylphenidat als im Vorjahr. Ähnlich sieht es für andere Mittel aus, die anregen und wach machen. Etwa für Modafinil, einen Wirkstoff gegen die Schlafkrankheit Narkolepsie. Von 2005 auf 2006 stiegen die verordneten Tagesdosen um 23,5 Prozent an.

          Daneben sind Antidepressiva beliebt. Vom Wirkstoff Fluoxetin, in Amerika unter dem Namen Prozac bekannt, wurde 2007 in Deutschland rund ein Viertel mehr verschrieben als im Jahr zuvor. Die meisten Rezepte gehen zwar wohl an Menschen, die tatsächlich Depressionen haben. Doch auch gesunde Berufstätige nutzen Antidepressiva, um schlechte Gedanken zu vertreiben und sich zu motivieren. Nebenwirkungen werden ignoriert. Dass ein abrupter Entzug zu Absetzsymptomen führen kann, wird verdrängt.

          So dopen sich die Manager durch den Stress eines 18-Stunden-Tages: ein Mittelchen gegen Angst, eins für gute Laune, eins, um Verhandlungsmarathons durchzustehen, und eins, um danach wieder einschlafen zu können. Ein Teufelskreis.

          Das geht nicht ewig gut

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