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Interview mit einem Cyborg : „Ich wurde gehackt und es war gut“

Nein. Das wäre, wie wenn man sagte, blinde Menschen könnten keine guten Musiker sein. Es geht nicht um die Anzahl der Sinne, die man hat. Das hat nichts mit Fähigkeiten und Fertigkeiten zu tun. Die Anzahl der Sinne, die man hat, hat gar keinen Einfluss auf die Chancen, einen bestimmten Job zu bekommen. Das hängt davon ab, wie man seine Sinne benutzt und nicht von den Implantaten. Jemand kann viele Implantate für zusätzliche Sinneserfahrungen haben und sie in einer sehr langweiligen oder bescheuerten Art und Weise nutzen. Das ist der Hauptunterschied zur künstlichen Intelligenz. Bei künstlicher Intelligenz weiß man, was man bekommt. Bei künstlichen Sinnen, weiß man das nicht. Mit künstlicher Intelligenz hätte ich sofort nach der Operation alle Farben benennen können. Mit meinem künstlichen Sinnesorgan musste ich über drei Jahre lernen, meinen Farbsinn regelrecht ausbilden. Und jemand anderes hätte es vielleicht gar nicht geschafft. Oder auf ganz andere Art.

Aber Sie verstehen sich als Künstler, machen Farben hörbar. Gibt es einen Markt für diese Kunst?

Ein Großteil dieser Kunst wird in meinem eigenen Körper wahrgenommen. Also ist das Haupt-Kunstprodukt mein Körper und der neue Sinn. Also nein, es gibt keinen Markt für diese Art Kunst, weil sie innerhalb des eigenen Körpers passiert. Es ist sozusagen „Post-Art“, es geht gegen das ganze System der Kunst. Traditionell gibt es ja den Künstler, das Publikum und einen Raum. Hier bist Du der Künstler und das Publikum, und Du selbst bist auch der Raum. Also nein, da ist kein Markt. Außer natürlich du kreierst einen ganz neuen Sinn. Aber das Ziel ist die Wahrnehmung, nicht ein Produkt.

Und im Alltagsleben - gab es schon Situationen, wo Sie merkwürdig angeschaut wurden?

Das Spektrum an Reaktionen, die ich bekomme ist weit. Viele verschiedene Reaktionen.

Zum Beispiel?

Die Leute rufen mir allerlei Dinge hinterher. „Teletubby“ zum Beispiel oder „Antennenfisch“ oder Cappucinomaschine.

Und wie reagieren Sie?

Ich reagiere da gar nicht drauf. Ich bin gewohnt, dass die Leute über mich lachen. Oder ich denke an Transgender oder Transvestiten und dass es ihnen da noch viel schlechter ergeht. Die kämpfen, wann immer sie draußen auf der Straße sind. Und ich finde es natürlich gut, in New York zu leben. In kleinen Städten ist es viel schwieriger. Übrigens muss ich sehr aufpassen mit Leuten, die versuchen, an der Antenne zu ziehen. Seltsamerweise sind es immer Gruppen betrunkener Frauen, die das versuchen.

Tut das weh?

Nein, es ist nur total lästig. Aber schon komisch, dass es nie ein Mann war, der versucht hat, an der Antenne zu ziehen. In vielen verschiedenen Ländern ist mir das schon passiert und es waren immer betrunkene Frauengruppen.

Es klingt anstrengend, ein Cyborg zu sein. Trotzdem ermuntern Sie die Leute dazu, auch Cyborgs zu werden, selbst wenn sie nicht farbenblind sind oder andere Probleme haben - einfach so. Warum?

Weil es mir nicht darum geht, ein Problem zu lösen. Ich habe das nicht wegen meiner Farbenblindheit gemacht, sondern aus Neugierde. Ich empfinde Farbenblindheit gar nicht als Behinderung. Es gibt sogar Vorteile. Ich kann zum Beispiel nachts besser sehen und ich kann weitere Entfernungen erkennen, ich kann Formen leichter erkennen und Tarnmuster entschlüsseln, die farbbasiert sind. Es war keine Notwendigkeit. Man kann ein komplett normales Leben führen mit Farbenblindheit. Mein Grund für das Implantat war, dass ich gerne mehr Sinneswahrnehmungen haben wollte und das kann man auf Jedermann anwenden.

Sind Sie eigentlich schon mal gehackt worden?

Ich war in einer Fernsehstation von Al Jazeera und ich musste ihre Internetverbindung nutzen, weil ich kein Wifi hatte und Bilder von Freunden empfangen wollte. Also habe ich mich mit dem Internet verbunden und jemand hat ein Bild an meinen Kopf geschickt. Da wusste ich: Das war keiner der wenigen Leute, die die Erlaubnis haben, das zu tun. Es war ein Selfie oder ein Gesicht. Wohl jemand aus den Al Jazeera Büros.

Klingt erschreckend?

Nein, es war eine gute Erfahrung. Es war spaßig. Die Person, die das geschafft hat, war clever. Aber klar: Es wird natürlich eine Art offizielle Regulierung brauchen, in Zukunft, die Cyborgs davor beschützt, physisch gehackt zu werden.

Können Sie die Antenne eigentlich ausschalten?

Nein, es gibt keinen Aus-Schalter. Sie ist immer an. Wie die anderen Sinne. So ähnlich, wie man sich die Augen zuhalten, aber nicht das Sehvermögen ausschalten kann.

Zur Person

Neil Harbisson ist 34 Jahre alt und der erste Mensch mit einer im Schädel implantierten Antenne. Er selbst bezeichnet sich als Cyborg. Harbisson leidet unter Farbenblindheit (Achromatopsie) und kann nur Schwarz, Weiß und Grautöne sehen. Die Antenne „übersetzt“ für ihn Farben in Töne. Für Harbisson ist das ein neuer Sinn, erschaffen durch die Technik; er versteht sich als „Cyborg-Künstler“, der sich durch diesen neuen Sinn ausdrückt. Er unterstützt ferner in einer internationalen Stiftung Menschen, die selbst Cyborgs werden möchten.

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