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Clubhouse-App : Willkommen im Vereinshaus

Schon drin? Bild: dpa

Die Berliner Blase hat ein neues Spielzeug: Die Plauder-App Clubhouse verspricht Zerstreuung in schwierigen Zeiten. Ist der Hype von Dauer?

          3 Min.

          Vermutlich liegt es an Corona, dass „Clubhouse“ in Deutschland neuerdings auf solch eine Begeisterung stößt. In Zeiten des Lockdowns fehlt es an Gelegenheiten zum freundlichen Schwätzchen und zur vertieften Diskussion. Beides will die App bieten, interessanterweise sowohl zwanglos als auch exklusiv, wobei Exklusivität im Internet bekanntlich ein dehnbarer Begriff ist. Jedenfalls sind schon erstaunlich viele Leute „drin“ und reden drüber, vornehmlich auf der nun etwas glanzlos wirkenden Kurznachrichtenplattform Twitter. Sie schwärmen von „spannenden Diskussionen“ über Soziale Medien und Demokratie im Audioformat – mit über 1000 Leuten im virtuellen Raum. Beobachter halten den Run auf Clubhouse und die begehrten Einladungen derzeit jedenfalls vor allem für ein Phänomen der wenig ausgelasteten Berliner Politik-Blase.

          Corinna Budras

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Gustav Theile

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch das verkennt den internationalen Ursprung dieses virtuellen Clubhauses, in dem sich zu jeder Zeit neue Chaträume mit immer neuen Teilnehmern öffnen. Die App ist nicht einmal ein Jahr alt, sie wurde im vergangenen April veröffentlicht. Hinter ihr stecken Paul Davison und Rohan Seth und das von ihnen gegründete Unternehmen Alpha Explorations aus der Nähe San Franciscos. Beide Gründer haben sich schon zuvor in der Internetbranche einen Namen gemacht. Davison arbeitete einige Jahre bei der Fotoplattform Pinterest, nachdem sie eine von ihm entwickelte App übernommen hatte, Seth war zuvor bei Google. Mit Clubhouse fanden sie schnell bekannte Geldgeber. Die Wagniskapitalgesellschaft Andreessen Horowitz investierte 12 Millionen Dollar und bewertete das Unternehmen mit 100 Millionen Dollar.

          Mit dabei: Fernseh-Ikone Oprah

          Die App war zunächst vor allem in der Tech-Szene beliebt, Horowitz half dabei, auch zugkräftige Prominenz aus der Unterhaltungsbranche zu interessieren, was der Plattform weitere Aufmerksamkeit brachte. Zu den Mitgliedern gehören der Rapper Drake und die Fernseh-Ikone Oprah Winfrey. Weil die App sich zunächst in solchen Kreisen verbreitete und neue Nutzer bisher nur auf Einladung zugelassen werden, hat sie einen elitären Ruf. Die Gründer dagegen behaupten, Clubhouse sei nicht als „exklusive“ Plattform gedacht. Sie arbeiteten daran, den Dienst so schnell wie möglich für alle verfügbar zu machen, hielten es aber auch für wichtig, die Nutzergemeinden erst langsam aufzubauen. Auf der Internetseite heißt es schon seit einiger Zeit, Clubhouse solle bald geöffnet werden. Nach einem Bericht der „New York Times“ hatte die App zuletzt 600000 Nutzer, verschwindend wenige verglichen mit großen Online-Plattformen wie Twitter und Facebook. Bis heute läuft Clubhouse nur auf iPhones, es gibt noch keine Version der App für Handys mit dem Betriebssystem Android.

          Das erklärt allerdings noch lange nicht, wie das Clubhouse-Wunder in Deutschland so schnell zündete. In den Vereinigten Staaten verlief der Erfolg schleppender und baute sich über Monate gemächlich auf, während hierzulande der Anstieg kometenhafter verlief; seit dem Wochenende scheint es kaum ein anderes Thema zu geben, wenn man von den üblichen Spekulationen zu immer neuen Corona-Maßnahmen einmal absieht. Wie sich die Clubhouse-App in Deutschland seit Anfang Januar exponentiell verbreitete, zeichnet das Fachmagazin „Online Marketing Rockstars“ nach. Demnach hatten es die beiden Podcaster Phillipp Gloeckler und Philipp Klöckner geschafft, Einladungen zu Clubhouse zu ergattern. Die beiden sind Marketingprofis, und sie produzieren einen Podcast, der aufgrund der ähnlich klingenden Namen Doppelgänger heißt und in dem sich die beiden Marketing- und Digitalfachleute über Technik-Themen unterhalten. In diesem exklusiven Ambiente wollte sie mit ihren Zuhörern ins Gespräch kommen, denen sie allerdings selbst erst Zugang verschaffen mussten.

          Medienprofis am Werk

          Dafür gründeten sie eine Telegram-Gruppe, in der die Einladungen koordiniert wurden. Über weitere Influencer und Promis, die Clubhouse beitreten und darüber berichten, wird das Interesse immer größer, so beschreibt es OMR; es werden weitere regionale Telegram-Gruppen eröffnet. Damit entsteht eine digitale Lawine: Am Dienstag ist Clubhouse die am meisten heruntergeladene iPhone-App in ganz Deutschland.

          Ebenso schnell wie die Verbreitung sind auch die Bedenken gegen mögliche Datenschutzverstöße gewachsen, schließlich steht die Behauptung im Raum, man könne die App nur nutzen, wenn man dem Unternehmen auch seine Handy-Kontakte zur Verfügung stellt. Das verleitet den Bundesdatenschutzbeauftragten Ulrich Kelber zu der provokanten Frage, ob die Clubhouse-Nutzer vorher auch ihre Kontakte um Einwilligung gebeten haben.

          Davon ist wohl nur in seltenen Fällen auszugehen, allerdings kann die App auch genutzt werden, ohne Adressdaten zu teilen. In diesem Fall kann man niemanden dazu einladen. Jenseits dieser Bedenken ist Clubhouse auch dafür kritisiert worden, zu wenig zur Moderation von Inhalten zu tun und rassistischen, antisemitischen oder frauenfeindlichen Äußerungen eine Plattform zu bieten. Inzwischen soll die App ein wahrer Tummelplatz dafür zu sein. Clubhouse selbst hat im Oktober versprochen, in die Moderation des Dienstes zu investieren und Verstöße gegen Nutzerregeln nicht zu dulden.

          Was kommt jetzt? 

          Wie nachhaltig der Hype in Deutschland sein wird, muss sich erst noch zeigen. Er wäre nicht der erste, der schnell wieder abebbt. Wenn das Gefühl der Exklusivität verloren gegangen ist, kommt es darauf an, welchen Mehrwert die App tatsächlich bietet. Handelt es sich dann nur noch um digitale Podiumsdiskussionen? Oder reden Politiker und Prominente hier tatsächlich offener als vor TV-Kameras?

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