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City-Tunnel : Leipzig baut – und wird rechtzeitig fertig

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Erst die Wiedervereinigung bringt den Durchbruch. 1991 erfolgt der vierte Anlauf, geschätzte Kosten: 1 Milliarde Mark. 1996 gründen Stadt, Messegesellschaft, Deutsche Bahn und der Freistaat Sachsen die S-Bahn Tunnel Leipzig GmbH und beauftragen sie mit der Planung. Noch soll der Tunnel nicht nur S-Bahnen, sondern auch Fernzüge aufnehmen. Die Politik macht Druck, 2002 unterzeichnen die Projektträger die Finanzierungsvereinbarung. Die GmbH plant mit 572 Millionen Euro Gesamtkosten und einer Fertigstellung im Jahr 2009. 2005 beginnt der Tunnelbau.

Zusatzkosten von 40 bis 50 Millionen Euro

Der erste Neuanlauf scheitert. „Die damaligen Terminpläne waren sehr ehrgeizig“, sagt Artur Stempel heute. Als Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn kennt der weißhaarige Ingenieur den Tunnel wie kaum ein anderer. „Die politische Zielsetzung hatte das Projekt zusätzlich beflügelt. Man wollte angesichts der langen Vorgeschichte so schnell wie möglich bauen.“ Das war kaum möglich: „Unwägbarkeiten gibt es bei so großen Projekten immer“, sagt Stempel. „Zum Beispiel mussten wir feststellen, dass die erst kürzlich erneuerten Stützen unter dem Hauptbahnhof schadhaft waren.“ Zusatzkosten von 40 bis 50 Millionen Euro und eine mehrmonatige Bauzeitverlängerung waren die Folge. Die Probleme häuften sich, ab 2006 musste der Zeit- und Kostenrahmen mehrmals angepasst werden. Die Projektträger Bund, Bahn und Land stritten über die Finanzierung – was den Bau weiter verzögerte. Das Projekt drohte zum Debakel zu werden.

Einer, der sich zugutehält, dass es nicht so weit gekommen ist, ist Sven Morlok. Der FDP-Politiker ist sächsischer Staatsminister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Sein Amt trat er im September 2009 an, als seine Partei die SPD als Juniorpartner der regierenden CDU beerbte. Morlok, der frühere Geschäftsführer eines Unternehmens, das Pipelines baut, sagt, er habe den City-Tunnel zur Chefsache gemacht. „Als ich antrat, war das Budget gerade erhöht worden. Und dennoch teilten mir Beamte mit, dass abermals Kostensteigerungsrisiken von 20 Millionen Euro in den Akten stünden, die man bisher nicht veröffentlicht habe. Da läuteten meine Alarmglocken“, sagt der Wahl-Leipziger, dem man die Stuttgarter Herkunft anhört. In der Folgezeit habe er Bauablaufpläne und Verträge studiert. „Mein Eindruck war, dass man das Projekt ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr bis zum Ende durchdacht hat.“ Wegen fehlender Rückendeckung seien Mitarbeiter mit Problemen nicht mehr zur Hausspitze gekommen.

Morlok schaltet den Rechnungshof ein. Dessen Gutachten fällt ein vernichtendes Urteil. Die entstandenen Mehrkosten führen die Prüfer unter anderem auf die „unzureichende Planungstiefe“ zurück, verantwortlich machen sie die S-Bahn Tunnel Leipzig GmbH. Diese habe „dem Grunde nach bekannte kostenrelevante Sachverhalte nicht in Ansatz gebracht“. Dazu gehörten Risiken und zu niedrig angesetzte Kostenpauschalen, auf deren Einrechnung der Freistaat Sachsen als Gesellschafter hätte „hinwirken müssen“.

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