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Kino in der Krise : Der Leinwandstar

Der Kanadier Tim Richards, 61, ist Gründer und CEO der Kinokette Vue mit rund 230 Kinos in zehn Ländern, hinter der zwei kanadische Pensionsfonds stehen. Sein Lieblingsfilm: Apocalypse Now. Bild: Bloomberg

Tim Richards, der Chef der Cinemaxx-Kinos, will nun auch noch den Wettbewerber Cinestar übernehmen. Der Seuche zum Trotz.

          3 Min.

          Apocalypse Now ist keine leichte Kost. Hollywood-Regisseur Francis Ford Coppola schildert in dem Film aus dem Jahr 1979 meisterhaft die Greuel und Ausweglosigkeit des Vietnam-Kriegs. Tim Richards, der Gründer und Vorstandsvorsitzende des Kinokonzerns Vue Entertainment, zu dem in Deutschland die Cinemaxx-Kinos gehören und der angekündigt hat, auch den Wettbewerber Cinestar zu kaufen, verbreitet in geschäftlichen Dingen unbeirrbar Zuversicht. Sein Geschmack als Cineast dagegen ist vielfältig. „Ich mag Horror Movies genauso wie heitere Autorenfilme“, sagt Richards im Gespräch mit dieser Zeitung: „Aber wenn ich mich für einen einzigen Film entscheiden müsste, dann wäre es Apocalypse Now.“

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vieles, was zuletzt über die Kinobranche geschrieben wurde, trug apokalyptische Züge. Da war zuerst der schier unaufhaltsame Siegeszug der TV-Streamingdienste wie Netflix und Disney, die Filme und Serien übers Internet bequem ins Wohnzimmer ihrer Kunden bringen, einen ganzen Monat lang typischerweise zum Preis eines einzigen Kinobesuchs. Dann kam die Corona-Pandemie. Fast überall auf der Welt mussten Kinos schließen, die Streamingdienste dagegen verzeichneten großes zusätzliches Wachstum. Und wo die Kinos jetzt wieder öffnen dürfen, gilt es zum Vermeiden von Ansteckungen Abstandsregeln einzuhalten. Wenn jeder zweite Sitz im Saal frei bleiben muss, wie kann sich ein Kino dann überhaupt noch lohnen? Die Branche, da sind sich die meisten Beobachter einig, steht vor einer Pleitewelle.

          Aber was prophezeit Tim Richards, dessen in Großbritannien registriertes Unternehmen in Deutschland zu den Marktführern zählt und außerdem in neun weiteren Ländern Kinos mit zusammen rund 2000 Leinwänden betreibt? Der 61 Jahre alte Kanadier behauptet allen Ernstes, dass er in den kommenden Monaten Zuschauerrekorde in den Kinos erwartet. Man könnte seine Aussage als typisch nordamerikanischen Zweckoptimismus abtun – wenn Richards nicht auch ein paar stichhaltige Argumente nennen würde. Erstens verfügt sein Konzern über Erfahrung damit, Kino und Seuchenschutz unter einen Hut zu bringen. In Taiwan, wo Vue ein Multiplex-Kino mit 20 Sälen betreibt, waren die Kinos weder wegen Corona noch früher wegen der Sars- und Mers-Epidemie geschlossen. Richards beschreibt die Lehren aus Asien so: „Es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen einem Kinobesuch und, sagen wir, einem Abend im Musicaltheater oder im Fußballstadion. Wir können den Spielplan zeitlich staffeln, bei uns müssen nicht alle Besucher gleichzeitig kommen und gehen.“

          Die deutschen Kinomuffel

          Zweitens hat Vue, hauptsächlich finanziert von zwei kanadischen Pensionskassen und im vergangenen Jahr mit einem Umsatz von 854 Millionen Pfund einer der größten Kinobetreiber der Welt, in der Vergangenheit kräftig in ein modernes Buchungssystem investiert. Das soll nun schon beim Ticketkauf automatisch berücksichtigen, wo im Kino Plätze frei bleiben müssen und wo zum Beispiel Familien so eng wie früher zusammensitzen dürfen. So soll die Kapazität der Kinosäle auch künftig bei mehr als 50 Prozent liegen können. Und drittens kommen vom Spätsommer an eine ganze Reihe von Spielfilmen in die Kinos, die sich tatsächlich als Kassenschlager entpuppen könnten – vom neuen „James Bond“, der eigentlich schon im Frühling starten sollte und verschoben wurde, über den neuen Disney-Film „Mulan“ bis zur Fortsetzung von „Wonder Woman“.

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