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Christine Lagarde : Die EZB-Präsidentin betritt die Berliner Bühne

Der ehemalige Finanzminister Wolfgang Schäuble (rechts) und die EZB-Präsidentin Christine Lagarde bei einer Preisverleihung in Berlin Bild: AFP

Kaum im Amt reist die Chefin der Europäischen Zentralbank in die deutsche Hauptstadt – nur über die Geldpolitik will Christine Lagarde nicht reden. Stattdessen rühmt sie Wolfgang Schäuble.

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          Frisch im Amt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) tritt Christine Lagarde in Berlin auf – nicht um ihre geldpolitische Strategie zu erläutern, sondern um Wolfgang Schäuble zu rühmen, ihren früheren Amtskollegen und Freund, es ist eine enge Verbindung, wie sie beide gern betonen. „Guten Abend, ich freue mich, bei Ihnen hier zu sein“, sagt die Französin zur Begrüßung auf Deutsch. Anschließend wechselt sie ins vertraute Englisch, nicht ohne anzukündigen, dass sie an ihren Sprachkenntnissen arbeiten wolle.

          Manfred Schäfers
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Nach wenigen einführenden Sätzen, macht sie eines klar: Sie werde nicht über die EZB reden und nicht über die Geldpolitik. „Wer nur dran interessiert ist, sollte den Raum verlassen.“ Es werde keinen Hinweis dazu geben, nicht heute. „Vergiss es.“ Auf Mahnungen in Richtung Bundesregierung, mehr gegen die Konjunkturschwäche im Euro-Raum zu tun, verzichtet sie ebenfalls. Kurz zuvor hatte sie Deutschland in einem Interview mit dem französischen Radiosender RTL zu mehr Investitionen aufgefordert.

          Es ist die Nacht der Zeitschriftenverleger, also ein glanzvoller Rahmen für die erste Frau an der EZB-Spitze, die die schwere Aufgabe übernommen hat, der Institution in der größten Volkswirtschaft des Euroraumes wieder mehr Ansehen zu verschaffen. Niedrigzinspolitik, eine – vorsichtig formuliert – nicht immer ideale Kommunikation unter ihrem Vorgänger Mario Draghi und ein zuletzt tief zerrissener Zentralbankrat haben die Europäische Zentralbank in Deutschland viel Zustimmung gekostet.

          „Umsetzung, Umsetzung“

          Dass Lagarde reden kann, weiß man. In Berlin hat sie die Aufgabe übernommen, die Laudatio auf Schäuble zu halten, der die Ehren-Viktoria des Bundesverbands Deutscher Zeitschriftenverleger erhielt. Für den Deutschen sei der Euro stets mehr gewesen als nur eine Währung, betont sie. Schäuble habe eines stets im Auge behalten: Wenn eine Lösung gut sei für Europa, sei sie auch gut für Deutschland. Und umgekehrt: Wenn etwas nicht für Europa gut sei, könne es nicht für Deutschland gut sein. Gleichzeitig habe er die Linie vertreten, Risiken könne man teilen, müsse sie aber reduzieren.

          Die frühere geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds nennt Schäuble einen rigiden Intellektuellen, der gleichsam forensisch arbeite. Ihn zeichne eine starke Kombination aus: Einerseits sei er Staatsmann, andererseits habe er Interesse an Details wie ein Steuerfachanwalt. Lagarde sagt, sie habe von dem CDU-Politiker und früheren Finanzminister oft die Worte „Umsetzung, Umsetzung“ gehört.

          Schäuble sei sich stets bewusst gewesen, dass nur durch vertrauensvolle Umsetzung und Respekt für die Regeln Vertrauen unter den Staaten wachsen könne. Die Französin mit neuem Arbeitsplatz in Frankfurt hebt hervor, welche Bedeutung dies nach ihrer Einschätzung für die weitere Integration Europas hat. Sobald sich Vertrauen unter den Mitgliedstaaten entwickele, könnten weitere Hoheitsrechte auf die Gemeinschaft übertragen werden. Dies wiederum bedeute auch eine Stärkung der Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten.

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