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Nachfolgerin Holsboers : Regionalchefin könnte in die Bundesagentur für Arbeit aufsteigen

Ein Logo der Bundesagentur für Arbeit wird gereinigt Bild: dpa

Kurz nach der Abberufung der Personalchefin der Bundesagentur für Arbeit kristallisiert sich mit der NRW-Chefin Schönefeld bereits eine Nachfolgerin heraus.

          Eineinhalb Stunden – so lange musste Valerie Holsboer vor dem großen Sitzungssaal der Bundesagentur für Arbeit noch warten, während drinnen 21 Verwaltungsräte über ihre Eignung als Führungskraft diskutierten. Dann war das Urteil gefällt: Die erste und bisher einzige Frau im dreiköpfigen Vorstand der Nürnberger Behörde muss ihren Posten nach nur zweijähriger Amtszeit vorzeitig räumen. Mit 14 zu 7 Stimmen hat das Aufsichtsgremium am Freitagvormittag beschlossen, die Zusammenarbeit mit Holsboer zu beenden. Wer ihr nachfolgt, soll sich im September klären. Vieles laufe nun auf Christiane Schönefeld zu, langjährige Geschäftsführerin der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur, wie zu hören war.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Die Bundesagentur ist mit fast 100 000 Beschäftigten und einem durch Sozialbeiträge finanzierten Jahresetat von 35 Milliarden Euro die größte deutsche Behörde. Die offizielle Begründung für den ungewöhnlichen Einschnitt im Vorstand lieferte kurz nach der Abstimmung die Verwaltungsratsvorsitzende Annelie Buntenbach, die auch Spitzenvertreterin der sieben Arbeitnehmervertreter in dem Gremium ist: Die (ebenfalls siebenköpfige) Gruppe der Arbeitgeber habe „das Vertrauen zu dem von ihr selbst vorgeschlagenen Mitglied im BA-Vorstand für unwiderruflich zerrüttet erklärt“, teilte sie mit. Damit habe es „keine tragfähige Grundlage für die weitere Arbeit des Vorstandes mehr gegeben“.

          Damit ist offiziell, was sich zuvor herumgesprochen hatte: Treibende Kraft hinter der vorzeitigen Ablösung der 42 Jahre alten Juristin Holsboer waren die Vertreter der Arbeitgeber im Verwaltungsrat – auf deren Vorschlag Holsboer im Jahr 2017 ihr Vorstandsamt mit Zuständigkeit für Finanzen und Personal bekommen hatte, nachdem sie zuvor selbst Arbeitgebervertreterin im Verwaltungsrat gewesen war.

          Der Anführer der Arbeitgeber, Peter Clever, erklärte am Freitag: Holsboers Abwahl sei „der Schlusspunkt eines leider notwendig gewordenen Konfliktes“. Es sei bedauerlich, dass Holsboer Gespräche über eine „einvernehmliche Lösung“ abgelehnt habe. Die Gewerkschaften haben die Entscheidung dem Vernehmen nach mitgetragen, weil sie das im umgekehrten Fall von den Arbeitgebern auch erwarten würden.

          Hinter den Kulissen waren zuvor zwei Erzählungen zu hören gewesen. Die ihrer Kritiker lautete, dass Holsboer ihre Aufgaben im Vorstand schlicht nicht mit der erwarteten Konsequenz und Klarheit angepackt und damit strategische Veränderungen verschleppt habe. Ihre Unterstützer, darunter auch etliche Behördenmitarbeiter, vermuten indes, dass Holsboer im Vorstand nicht die von ihren früheren Fürsprechern erwartete Loyalität zum Arbeitgeberlager gezeigt habe.

          Keine Zustimmung zu der umstrittenen Abwahl gaben am Freitag die sieben Vertreter der öffentlichen Hand im Verwaltungsrat. Für diese erklärte Elisabeth Neifer-Porsch, Vertreterin des Bundesarbeitsministeriums: „Wir halten die Entwicklung für sehr bedauerlich und danken Frau Holsboer für die gute Zusammenarbeit.“ Theoretisch könnte das Ministerium der Abberufung noch widersprechen, doch gilt dies als faktisch ausgeschlossen.

          Holsboer selbst betonte in einer eigenen Erklärung, sie habe in den zwei Jahren „alles daran gesetzt, die Bundesagentur für Arbeit fit für die Zukunft zu machen“. Sie bedaure das Ergebnis der Abstimmung und „dass es so unnötig und schädlich laut zustande gekommen ist“. Ungewöhnlich ist der Einschnitt nicht nur, weil Holsboer als erste Frau in den Behördenvorstand eingezogen war.

          Zugleich ist sie nun die erste Führungskraft seit 15 Jahren, die vor Ablauf ihres Vertrags den Vorstand verlassen muss. Im Jahr 2004 hatte Vorstandschef Florian Gerster sein Amt räumen müssen, allerdings wegen einer Affäre um fragwürdige Beraterverträge.

          Über die Nachfolge Holsboers will der Verwaltungsrat nun auf einer Sondersitzung im September entscheiden, wie aus dessen Kreisen zu hören war. Nach Informationen der F.A.Z. gilt die Leiterin der NRW-Regionaldirektion, Schönefeld, fast schon als gesetzt. Im Unterschied zu Holsboer, die zuvor einen Arbeitgeberverband geleitet hatte, wie auch zu Vorstandschef Detlef Scheele (SPD) hat Schönefeld fast ihr ganzes Berufsleben in der Arbeitsverwaltung verbracht und kennt sie entsprechend gut von innen.

          Nach Stationen in Nürnberg und Duisburg wurde sie 1999 Vizepräsidentin des Landesarbeitsamts in Düsseldorf und 2004, nach den Hartz-Reformen, leitende Geschäftsführerin in der neu strukturierten Regionaldirektion.

          Da Schönefeld gerade 62 Jahre alt geworden ist, wird sie aber wohl nur eine Übergangslösung sein. Womöglich wird dann Jutta Cordt ihren Platz einnehmen. Cordt war bis 2016 Leiterin der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg und dann Präsidentin des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, wo sie wegen eines Skandals um manipulierte Asylbescheide in der Bremer Außenstelle gehen musste.

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