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Chinas Wirtschaft : Bruch statt Aufbruch

Studenten bei einer Abschlussfeier in Schanghai Bild: Reuters

Chinas Wachstum sinkt, die Bevölkerung scheint den Glauben an die Zukunft zu verlieren: Die Kluft zwischen Propaganda und Wirklichkeit im Reich der Mitte wird immer größer.

          Die Zahl Neun steht für die höchste Stufe in der chinesischen Mythologie. Mit der Neun wurde der Kaiser assoziiert, auf dessen Robe neun Drachen prangten. Nach der Neun kommt nichts mehr, sie symbolisiert Ende und Neuanfang.

          Die Neun im Jahr 2019 steht in China jedoch für den Bruch. Mit den hohen Wachstumsraten aus dem vier Jahrzehnte dauernden Wirtschaftswunder ist es vorbei. Diese Botschaft jedenfalls hat der Volkskongress ausgesendet, das ein Mal im Jahr in Peking tagende Scheinparlament.

          Zwar bedeutet das diesmal verkündete Wachstumsziel von mindestens 6 Prozent bei einer so gewaltigen Volkswirtschaft immer noch, dass diese weiter gewaltig an Größe zulegt. Aber es geht in China nun so langsam voran wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr.

          Milliardenschwere staatliche Investitionen

          Es gibt viele Gründe für die Schwäche. Die Zahl der Chinesen im arbeitsfähigen Alter schrumpft, eine Folge der Ein-Kind-Politik. Die Löhne liegen inzwischen höher als in anderen Schwellenländern und treiben die Exportindustrie aus dem Land. Auch die von den Vereinigten Staaten verhängten Strafzölle hinterlassen ihre Spuren.

          Folglich dürfte auch das niedrigere Wachstumsziel nur mit noch mehr milliardenschweren staatlichen Investitionen in den Bau von Flughäfen, Straßen und Skipisten zu erreichen sein. Dass die Wirtschaft zudem ohne die Bilanzakrobatik vieler Provinzkader aus allen Winkeln des riesigen Landes noch viel schlechter dastünde, war offensichtlich selbst den nicht frei gewählten Abgeordneten in der Großen Halle des Volkes bewusst, deren Applaus diesmal ungewöhnlich spärlich ausfiel.

          Aus Sicht der Führung sollte der Bruch des Jahres 2019 eigentlich zum Aufbruch werden. „Unglaubliches China“ heißt ein Propagandafilm, der die Erfolge in Wirtschaft, Wissenschaft und Technik seit der Machtübernahme von Präsident Xi Jinping feiert und im vergangenen Jahr vor dem Volkskongress auf allen Kanälen lief.

          Hoch verschuldet

          „Made in China“ hatte dieser das Vorhaben getauft, in nur drei Jahrzehnten als führende Industrienation an der Spitze der Weltwirtschaft zu stehen. Dann sollte das Land nicht mehr Werkbank sein, sondern Innovationsmotor der Welt. Zwölf Monate später ist von den großen Zielen keine Rede mehr.

          Während auf dem Volkskongress unablässig vor Risiken gewarnt wird, beargwöhnt die Bevölkerung die offizielle Rate der Arbeitslosigkeit, die seit Jahrzehnten angeblich wie ein Brett bei 4 Prozent liegen soll. Sie passt nicht zu den Meldungen aus Fabriken und Internetkonzernen, die in großem Stil Mitarbeiter entlassen wollen. Also dürfen chinesische Medien darüber nicht mehr schreiben, so hat es das Propagandaministerium kürzlich verfügt.

          Der Staat kauft lieber in Afrika Kohleminen und Elektrizitätswerke auf, die er mit Chinesen besetzt und damit die Arbeitslosigkeit exportiert. Doch auch die Löhne jener, die noch in der Heimat einen Arbeitsplatz haben, steigen längst nicht mehr so stark wie in früheren Jahren. Im Verhältnis zu ihrem verfügbaren Einkommen sind chinesische Haushalte schon so hoch verschuldet wie Haushalte in Amerika.

          Für die Weltwirtschaft bedeutet das nichts Gutes. Ausgerechnet die Chinesen, deren Alltag noch stärker vom mobilen Internet bestimmt wird als anderswo auf der Welt, kaufen seit dem vergangenen Jahr deutlich weniger Smartphones von Samsung und Apple.

          Chinesen verlieren Glauben an die Zukunft

          Die Verkäufe auf dem Automarkt, der seit den Neunzigern Jahr für Jahr mit zweistelligen Raten gewachsen ist, schrumpfen nun ebenso zweistellig. Das trifft die Limousinenhersteller Daimler und BMW, mehr noch Marktführer Volkswagen – und damit weite Teile der deutschen Industrie.

          Deren Aussicht auf ihren einstigen Hoffnungsmarkt wird nicht besser durch die Tatsache, dass Chinas Bevölkerung den Glauben an die Zukunft zu verlieren scheint. So ist in dem Land, in den die Familie traditionell an erster Stelle steht, die Geburtenrate auf den niedrigsten Stand seit Republikgründung gesunken.

          Wang Xing, Gründer des Lieferdienstes Meituan mit 300 Millionen Kunden, bringt die Stimmung sarkastisch auf den Punkt: 2019 könne das schlechteste der vergangenen zehn Jahre werden, schreibt der Multimilliardär. Vielleicht aber stelle es sich auch als das beste des kommenden Jahrzehnts heraus.

          In der Tat ist eine lange Schwächephase nicht ausgeschlossen, zumal Pekings Handelsstreit mit Amerika weiter einer Lösung harrt. Doch Unmut in der Bevölkerung könnte gefährlich werden für Chinas autoritäre Führung, über deren Inkompetenz sich die Chinesen aus der Mittelschicht heute sogar in der Supermarktschlange auslassen.

          Eine harte Landung der Wirtschaft kann sich Peking deshalb nicht leisten. Umfassende Steuersenkungen sollen die Unternehmen wieder in Schwung bringen. Klappt das nicht und die soziale Stabilität gerät in Schieflage, werden wohl noch mehr Flughäfen gebaut, um das Wachstum zu retten, auch wenn das die schon heute riskant hohe Verschuldung noch höher treibt.

          Der Neubeginn, der Aufbruch an die Weltspitze mit einem neuen, modernen Wirtschaftsmodell: Den wird China wohl fürs Erste verschieben.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

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