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Werbung mit dem Dalai Lama : Daimler entschuldigt sich in China

Der Dalai Lama in Indien im Dezember 2017 Bild: EPA

In Daimlers größtem Absatzmarkt empören sich Privatleute und Medien. Daraufhin zeigt sich der Konzern reumütig für ein Zitat des Staatsfeindes Nummer eins.

          Den Hashtag #MondayMotivation setzen viele Unternehmen unter ihre montäglichen Posts auf Twitter: Lufthansa berichtet unter dem Schlagwort über die „aufregende Woche“ seiner neuerdings ganz in Blau gehaltenen Flieger. Der FC Bayern zitiert darunter seinen kolumbianischen Mittelfeldstar James Rodríguez mit einer holprigen Behauptung: „Wenn Du an dich selbst glaubst, ist nicht mal der Himmel die Grenze.“

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Eigentlich könnte auch der Inhalt jenes Spruchs harmloser kaum sein, den der deutsche Autobauer Daimler am Montag auf dem Fotonetzwerk Instagram unter dem Hashtag #MondayMotivation vor dem Bild eines weißen Mercedes-Coupés zum Besten gab: „Look at situations from all angles, and you will become more open.“ (Sieh dir Situationen aus allen Blickwinkeln an, und du wirst offener werden.)

          Das Problem mit dem Spruch ist allerdings weniger der Inhalt, sondern vielmehr die Tatsache, wem Daimler das Zitat zuordnete: „Starte Deine Woche mit einer frischen Lebensperspektive vom Dalai Lama“.

          Geld über Moral

          Das im Exil lebende geistige Oberhaupt der Tibeter betrachtet China als gefährlichen Separatisten. Gemessen an Härte und Fülle von Pekings öffentlichen Anfeindungen ist der Dalai Lama Staatsfeind Nummer eins.

          Wer sich auf der Welt auch dem Dalai Lama nur nähert, den trifft der Bannstrahl von Chinas Kommunistischer Partei. Der frühere britische Premierminister David Cameron etwa wurde in Peking zur persona non grata erklärt, nachdem er 2012 den Dalai Lama in London empfangen hatte.

          Nach der Drohung, der britischen Wirtschaft das Geschäft in China zu entziehen, unternahm Cameron ein Jahr später einen Bittgang nach Peking. Dafür wurde er nicht nur von sehr vielen westlichen Beobachtern verhöhnt, sondern auch vom Dalai Lama selbst, der dem Briten vorwarf, Geld über Moral zu stellen.

          Verbeugung vor China

          Chinesische Internetnutzer, die das frei stehende Zitat aus Daimlers Instagram-Eintrag gegoogelt hatten, brachen an diesem Dienstag eine Welle der Empörung gegen Daimler los. Der Konzern reagierte schnell und leistete am Nachmittag auf dem Kurznachrichtenkanal Weibo Abbitte, Chinas Gegenstück zu Twitter: Daimler entschuldige sich „aufrichtig“ dafür, mit dem Instagram-Eintrag eine „extrem falsche Botschaft“ ausgesendet zu haben.

          Mit dem Zusatz „in den internationalen sozialen Medien“ wollte Daimler wohl auf die Tatsache verweisen, dass Instagram wie so viele andere Dienste und Seiten in China eigentlich offiziell gesperrt ist. Allerdings hat dies bisher die Chinesen nur bedingt daran gehindert, mittels eines VPN genannten Tunneldienstes Instagram und Facebook trotzdem zu nutzen.

          Dann verbeugte sich Daimler vor dem Reich der Mitte, dem mit Abstand größten Automarkt der Welt: Man habe den Eintrag „sofort“ gelöscht. Das Unternehmen sei sich „vollkommen bewusst“, dass dieser „die Gefühle des chinesischen Volkes zutiefst verletzt“ habe, „unsere chinesischen Kollegen eingeschlossen“.

          Entschuldigung hilft nicht

          Das allerdings nahmen viele chinesische Internetnutzer dem Konzern nicht ab. „Sie wollen sich nicht aufrichtig entschuldigen, sie sind nur besorgt um ihren Autoabsatz“, wütete Nutzer „Luoyang Laoyang“ auf Weibo, stellvertretend für viele.

          Auch Nachrichtenportale im Internet nahmen die Entschuldigung nicht an. Die mächtige Seite „Sina News“ schrieb, Daimler enhalte den Chinesen „Schlüsselinformationen“ über den Skandal vor und fragte: „Hilft eine Entschuldigung wirklich?“ 

          Auch die Staatspresse greift an

          Noch gefährlicher könnte für Daimler werden, dass praktisch unverzüglich die einflussreiche Staats- und Parteipresse auf den Zug aufsprang, die oft das widerspiegelt, was Regierung und Parteiführung denken.

          Der für seine ultranationalistischen Kommentare so berühmte wie gefürchtete Chefredakteur der parteieigenen „Global Times“, Hu Xijin, schrieb noch am Nachmittag auf Weibo, dass das Zitat des Dalai Lama „Daimlers Image auf dem chinesischen Markt beschädigen“ werde. Er hoffe, Daimler werde in Zukunft „vorsichtiger“ sein.

          Auf der Internetseite der „Global Times“ ließ Chefredakteur Hu den ganzen Vorgang ausführlich ausbreiten, inklusive dem Hinweis, chinesische Internetnutzer hätten ein Verkaufsverbot von Mercedes-Fahrzeugen in China gefordert.

          Damit setzen Medien und Regierung ihre Angriffe gegen westliche Unternehmen wegen angeblicher „Verstöße“ gegen chinesische Befindlichkeiten fort, die seit Jahresbeginn ein auch für China beachtliches Ausmaß angenommen haben.

          Weil sie die Insel Taiwan, die China als abtrünnige Provinz ansieht, in einem Fragebogen als eigenständiges Land aufführte, musste sich die amerikanische Hotelkette Marriott öffentlich entschuldigen – insgesamt fünf Mal. Auch die Modekette Zara und der amerikanische Medizingerätehersteller Medtronic hatten Taiwan als Land aufgeführt und wurden von der Regierung kritisiert. Die amerikanische Fluglinie Delta bekam ebenfalls Ärger, nachdem sie Taiwan und Tibet im Internet als „Länder“ geführt hatte. Jüngst hatte es dann schließlich die japanische Kette Muji erwischt, die in einem Katalog eine Landkarte Chinas gedruckt hatte, auf der eine Inselgruppe fehlte, die sowohl von China als auch von Japan beansprucht wird.

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