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Wettbewerb der Systeme : China ist ein Scheinriese

Gut inszeniert: chinesische Soldaten auf einem Übungsmarsch. Im Reich der Mitte erwächst ein neuer Stolz auf das eigene Militär. Bild: Imago

Die Volksrepublik strotzt vor Selbstbewusstsein, sieht den Westen im Verfall und ruft den Systemwettbewerb aus. Doch hinter dem stolzen Übermut verbergen sich immense Probleme.

          Der amerikanische Traum ist günstig geworden, aber die klügsten Köpfe aus China zieht er trotzdem nicht mehr an. Es sind heute andere Klienten als früher, die zu Anwalt Zhao kommen. Nur 1500 Dollar müssen sie ihm zahlen, für die Hoffnung, bleiben zu dürfen. Zhao betreibt seine Kanzlei in der Mian Jie, die eigentlich Main Street heißt und in Flushing liegt, einem ärmlichen Stadtteil im New Yorker Bezirk Queens. Jeder Zweite hier ist chinesischer Herkunft, und manche Ecke erinnert an das China vor einem halben Jahrhundert, als die Volksrepublik weltgrößtes Armenhaus war und Amerikas Durchschnittsfamilie noch ein Haus besaß, zwei Autos sowie Geld für Urlaub und Sparkonto.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          In der fensterlosen Kanzlei in der Mian Jie steht Han Junchun und hofft. Vor 55 Jahren wurde sie in Chinas Provinz Hebei geboren und ist vor sechs Monaten mit drei Koffern voller Winterklamotten auf dem John-F.-Kennedy-Flughafen gelandet. Ihr erster Weg führte sie eine steile Treppe in den dritten Stock zu Anwalt Zhao. Englisch ist hier nicht nötig. Ein paar Unterschriften, und die Klientin hatte politisches Asyl beantragt, ein Begriff, den sie, die Frau aus einfachen Verhältnissen, nicht kannte. Im Februar soll ihre Arbeitserlaubnis genehmigt sein. Frau Han sagt, sie hoffe in Amerika auf eine Karriere als Kinderfrau.

          „Die Zukunft liegt in China“

          Früher kamen Leute wie Li Chang – doch der will heute nur noch eins: wieder weg aus New York. Vor drei Jahren kam der Chinese in die Metropole, in Flushing war er bisher nicht. Eine Stunde mit der U-Bahn entfernt sitzt Li, ein Mann im jungenhaften Körper, an der Wall Street im Wolkenkratzer der Deutschen Bank, 29 Jahre alt. Li ist ein Quant, ein Quantitative Analyst, der Börsenrisiken berechnet.

          Li zählt zum Klügsten, was sein Land zu bieten hat. Im chinesischen Hangzhou hat er studiert, der Heimat des weltberühmten Internetkonzerns Alibaba. Er ging an die Eliteuniversität Berkeley und wurde dort rekrutiert von der Bank Goldman Sachs. In New York hat Li eine Wohnung gekauft, zwanzig Bahnminuten von der Wall Street entfernt. Nun will er sie wieder loswerden. Er braucht das Geld für eine Immobilie in Schanghai, Chinas Finanzzentrum und der Ort, an dem seine Frau geboren wurde. Noch liegen die Wohnungspreise dort fünfzig Prozent unter New Yorks Niveau, doch die Lücke schließt sich. Daheim könne er mehr verdienen, sagt Li, in China sei alles möglich. „Die Zukunft ist dort.“

          Kampf um die Vorherrschaft

          Das ist der Eindruck, den der junge Chinese nicht allein hat. China, so scheint es, ist das Land der Stunde. Der Gegensatz zum Traumland des Westens könnte dieser Tage kaum größer sein: Im Fernsehen entsetzt sich Amerika über die Todesopfer der rassistischen Ausschreitungen in Charlottesville und den Mangel an Moral von Donald Trump, der das Land zu zerreißen droht. Zuvor hatte dieser Nordkorea mit dem Atomkrieg gedroht.

          Zu Wochenbeginn machte Trump dann den ersten Schritt zu einem Handelskrieg mit China. Gewinne Amerika die Schlacht um die Vorherrschaft nicht, drohte sein damaliger Berater Steve Bannon, sei China „in 25 oder 30 Jahren der Hegemon“. Es ist eine Furcht, den die China-Beobachterin Jennifer Harris vom New Yorker Council of Foreign Relations teilt, eine frühere Spitzenbeamtin im Außenministerium in der Amtszeit Barack Obamas: „Bannon hat recht.“

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