https://www.faz.net/-gqe-98gib

Handelsstreit mit Amerika : China pfeift auf Freihandel

Zwei Frauen sitzen auf einer Bank vor einem Laden für amerikanische Bekleidung in Peking. Bild: dpa

Die Regierung in Peking bekommt den Zorn von Donald Trump zu spüren. Kein Wunder. Noch nie hat China sich an die Regeln gehalten.

          Das Staatsgästehaus Diaoyutai westlich der Verbotenen Stadt in Peking hat eine interessante Geschichte. Republikgründer Mao zog von hier aus die Fäden während Chinas blutiger Kulturrevolution. In den neunziger Jahren plante der Abgesandte der Washingtoner Weltbank hier den Übertritt Chinas zur Marktwirtschaft. Werde das bevölkerungsreichste Land erst einmal in die Welthandelsorganisation (WTO) eingegliedert, sagte Weltbank-Präsident James Wolfensohn damals voraus, könne die Volksrepublik im Jahr 2010 die größte Volkswirtschaft der Erde sein.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Weil die Prognose tatsächlich bald eintreffen könnte, eben nur ein paar Jahre später als angenommen, sind an diesem Wochenende die Mächtigen der Weltwirtschaft ins Pekinger Gästehaus gereist, um Chinas Staatsführung die Ehre zu erweisen. Die Chefs von Nestlé und Siemens, Thyssen-Krupp und Evonik sind geladen. Aus Stuttgart ist Daimler-Lenker Dieter Zetsche eingeflogen, seit einem von Mercedes ins Internet gestellten Zitat des Dalai Lama unter verschärfter Beobachtung in China, dem größten Automarkt der Welt. Von der Wall Street sind die Chefs von Blackrock und Blackstone nach Peking gereist, aus dem Silicon Valley der Google-Chef Sundar Pichai, dessen Such- und Kartendienste in China gesperrt sind, und Apple-Chef Tim Cook. Er hat den Vorsitz des „Entwicklungsforum“ genannten Stelldicheins, er ist ja auch ein halbes Dutzend Mal im Jahr hier, seit die chinesische Regierung in immer kürzeren Abständen droht, die Fabriken des Konzerns samt seinen teuren Smartphones aus dem Land zu werfen – was dem Kurs der Apple-Aktie regelmäßig einen Schlag versetzt.

          „China in der neuen Ära“ heißt das Thema der Veranstaltung, es trifft den Nagel auf den Kopf. Allerdings nicht in dem Sinne, der von ihrem Ausrichter angedacht war. Die „neue Ära“, die der chinesische Präsident Xi Jinping vor ein paar Monaten ausgerufen hat, stand für seinen Plan, das Land wieder dorthin zu führen, wo es seiner Ansicht nach hingehört: an die Weltspitze. Tatsächlich aber ist am vergangenen Donnerstag eine andere Ära angebrochen: der Abschied Amerikas, vielleicht sogar des Westens insgesamt, von der Vorstellung, die zweitgrößte Volkswirtschaft China könne Partner sein und nicht Gegner.

          Chinas neues Selbstbewusstsein

          Ein Jahr lang hatte die Welt gerätselt, ob der amerikanische Präsident Donald Trump seine Drohung wahr macht und einen Handelskrieg vom Zaun bricht. Nun hat das Weiße Haus zum Angriff geblasen. Aus Amerikas Drohung gegenüber der ganzen Welt, Verbündete wie Deutschland eingeschlossen, ist allerdings ein Handelskrieg mit nur einer Front geworden: Amerika gegen China. Strafzöllen auf chinesische Importwaren in Höhe von 60 Milliarden Dollar stehen Pekings Vergeltungszölle auf amerikanische Importe mit einem Wert von 3 Milliarden Dollar gegenüber.

          Das Missverhältnis – 3 zu 60 – könnte darauf hindeuten, dass China die Tür noch nicht zuschlagen will, dass Peking weiterhin hofft, Trump von der fixen Idee abzubringen, das riesige amerikanische Handelsbilanzdefizit mit China mit Gewalt reduzieren zu können. Es könnte allerdings auch sein, dass es Chinas Regierung mit der Angst zu tun bekommt, weil sie seit etwa zwei Jahren spürt, dass sich in der Welt die Wahrnehmung des chinesischen Aufstiegs verändert. Nicht nur in den Vereinigten Staaten, dem alten Rivalen, sondern auch in Ländern wie Deutschland, das zuvor dem rasanten Wandel des einstigen Armenhauses der Welt zu deren größtem Wachstumstreiber wohlwollend gegenübergestanden hatte – nicht zuletzt deshalb, weil Volkswagen, Daimler und beträchtliche Teile des deutschen Mittelstands mit der Kauflust der wachsenden chinesischen Mittelschicht bestens verdienten.

          Weitere Themen

          Wo unsere Smartphones herkommen Video-Seite öffnen

          Von Afrika über China zu uns : Wo unsere Smartphones herkommen

          Wir benutzen sie jeden Tag, doch wir fragen uns selten, wo sie herkommen: Der Weg eines Smartphones beginnt in Afrika und Südamerika und führt zu riesigen Fabriken in China. Unsere Grafik nimmt Sie mit auf die Reise.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.