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China : Mit Verordnungen gegen die Immobilienblase

Der Kern der Misere nicht berührt: Bauarbeiter in auf dem Weg zu einer Baustelle in Schanghai Bild: AFP

Über nichts wird in China mehr gestritten, als über den Immobilienmarkt. Immer schärfer geht der chinesische Staat gegen Spekulanten vor. Solange sich aber Kommunen über hohe Landpreise finanzieren, ist ein Erfolg zweifelhaft.

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          In China können sich selbst Bürgermeister keine Wohnung mehr leisten. Deshalb ist Jiang Zongfu, der stellvertretende Vorsteher von Linxiang in Maos Heimatprovinz Hunan, überglücklich darüber, dass er schon vor zwei Jahren eine Immobilie gekauft hat. „Heute wäre das für mich auf keinen Fall mehr drin“, bekennt er in der populären Fernsehsendung Yihu Yixi Tan. Das Programm des Hongkonger Senders Fenghuang Weishi (Phönix) gehört zu den wenigen offenen Diskussionsforen für Festlandchinesen. Es ist eine besonders lebhafte Sendung, denn über kein anderes Thema wird in China derzeit so gestritten wie über den Immobilienmarkt.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Im März stiegen die Häuserpreise den offiziellen Zahlen zufolge um einen Rekordwert von 11,7 Prozent. Da frühere Abkühlungsversuche auf dem heiß gelaufenen Markt nicht viel bewirkt haben, hat die Regierung die Auflagen drastisch verschärft. Die Hypothekenzinsen wurden erhöht, der Eigenkapitalanteil der Käufer heraufgesetzt. Banken sind gehalten, Darlehen für die dritte oder weitere Wohnung zu verweigern. Die Berichtspflichten der Bauträger sind strikter als je zuvor. Die Wertpapieraufsicht hat die Pläne Dutzender Immobiliengesellschaften zur Aufnahme frischen Kapitals auf Eis gelegt.

          Am vergangenen Wochenende erhöhte die Zentralbank zum dritten Mal die Mindestreserve der Banken, wodurch Milliarden dem Kreditmarkt entzogen werden. „Das ist das strengste Programm, das wir je erlebt haben“, sagt Wang Zhe, der stellvertretende Direktor des Pekinger Immobilienverwalters Aolinpike Huayuan. „Aber sicher folgen noch schärfere, wenn sich in drei oder vier Monaten am Markt nichts tut.“ Da kein Vermögenswert den Chinesen so am Herzen liegt wie die eigene Wohnung, reden sie in der Diskussion Klartext – selbst wider die Regierung. Die neuen Verordnungen seien ein „Flächenbombardement“ und schadeten einfachen Hauskäufern, schimpft Yang Leyu, Sekretär des Verbands der Immobilienverwalter in der Fernsehsendung.

          Milliarden dem Kreditmarkt entzogen: Apartmentsiedlung in Peking
          Milliarden dem Kreditmarkt entzogen: Apartmentsiedlung in Peking : Bild: AFP

          „Die Regierung will doch gar nicht, dass der Preis sinkt“

          Sun Fei, Chefökonom von Guoju Venture Capital, findet wiederum, dass die Regeln genau jene träfen, gegen die sie gerichtet seien: die Spekulanten. Er ist sich mit vielen Beobachtern einig, dass am Immobilienmarkt eine Blase entstanden ist, aufgebläht durch Abermilliarden an billigem Kredit, die eigentlich zur Krisenbekämpfung gedacht waren. Dafür spreche, dass die Mieten nicht so steil stiegen wie die Verkaufspreise. Der Staatsrat versuche eine „sanfte Landung“, um das Platzen der Blase zu verhindern. Alles andere hätte wohl eine riesige Kapitalvernichtung, eine Welle fauler Kredite und Konkurse zur Folge. „Eine Katastrophe wie in Japan oder in Amerika darf sich nicht wiederholen“, appelliert Sun.

          Eine Zuschauerin im Studio bekennt sich offen als Spekulantin. Von den Regierungsauflagen will sie sich nicht aufhalten lassen – im Gegenteil. Noch am Tag der ersten Kaufbeschränkung hat sie in Huzhou südwestlich von Schanghai sieben Objekte erworben. Dass sie nicht die Einzige war, zeigt der Preis: Er stieg von 13.000 auf 17.000 Yuan je Quadratmeter (1400 bis 1900 Euro). „Wir können damit weiter viel Geld verdienen“, sagt die Dame zuversichtlich.

          Ein weiterer Gast bezweifelt schlichtweg die Ernsthaftigkeit des Vorstoßes. „Die Regierung will doch gar nicht, dass der Preis sinkt“, kritisiert er. Schließlich hänge ein wesentlicher Teil der Wirtschaft vom Bau ab. Moderator Hu Yihu, der selbst Prominente kumpelhaft „Bruder“ („Xiong“) nennt, stürzt gestikulierend auf den Mann zu: „Ich bin froh, dass du es wagst, die Wahrheit zu sagen.“

          Kritiker halten die Bemühungen für Kosmetik

          Trotz aller Zweifel glaubt eine knappe Mehrheit der Zuschauer an die Wirksamkeit der Bestimmungen. Tatsächlich belegen erste Zahlen, dass die Umsätze der Bauträger zurückgehen und die Preise zu fallen beginnen. Dem China Index Research Institute zufolge sind die Verkäufe seit der Ankündigung stark gesunken: in Hangzhou um 70 Prozent, in Peking um 45 Prozent, in Schanghai um fast 40 Prozent. „Noch hat sich bei den Preisen nicht viel getan, aber die Tendenz zeigt nach unten“, sagt Huang Yu, die stellvertretende Direktorin des Instituts. Die Centaline Property Agency erwartet, dass die Preise in Peking zwischen 10 und 30 Prozent zurückgehen werden. Die Hälfte der Spekulanten werde versuchen, ihre Gebäude in den kommenden drei Monaten loszuschlagen.

          Zweifelhaft ist, wie lange die Effekte andauern. Kritiker halten die Bemühungen für Kosmetik, da sie den Kern der Misere nicht berührten. Das Land gehört den Kommunen, die die Grundstücke meistbietend verkaufen. Damit erzielen sie den Großteil ihrer Einnahmen – und machen manchen Funktionär zu einem reichen Mann. Erfahrungen zeigten, dass Verordnungen die Preise nur kurzfristig senken könnten, sagt Tao Ran, Ökonomieprofessor an der Renmin-Universität in Peking. Da die Lokalverwaltungen das Landmonopol innehätten, seien sie an fallenden Preisen nicht interessiert.

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