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Hotelübernahme : Chinesen erobern den europäischen Tourismus

Juwel der Hotellerie: Das traditionsreiche Waldorf-Astoria gehört einem chinesischen Konzern. Bild: AFP

Erst Club Med, dann der Reiseriese Thomas Cook und jetzt der europäische Hotelkonzern Accor – Investoren und Mischkonzerne aus dem Reich der Mitte wittern neue Marktchancen in Europa.

          In der europäischen Tourismusindustrie und Hotellerie setzt sich der Einkaufsreigen von Investoren und Mischkonzernen aus dem Reich der Mitte fort. Nachdem im vergangenen Jahr der Fosun-Konzern erst den französischen Ferienclub-Anbieter Club Med übernahm und sich danach am britischen Reisekonzern Thomas Cook beteiligte, sind jetzt auch seine chinesischen Konkurrenten HNA Group und Jin Jiang in Europa auf Einkaufstour: Während sich der HNA-Konzern, zu dem auch Fluggesellschaften gehören, die Hotelbetreiber Carlson und NH Hotels einverleibte, ist Jin Jiang jetzt am Ausbau seines Engagements bei der französischen Accor-Gruppe interessiert.

          Christian Schubert

          Wirtschaftskorrespondent in Paris.

          Ulrich Friese

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Wird jetzt also auch Accor, Europas größte Hotelgruppe, chinesisch? Diese Frage alarmierte am Freitag in Frankreich Politiker, Manager und Arbeitnehmer des Konzerns. Denn der staatliche Hotelbetreiber Jin Jiang aus Schanghai, der in seiner Heimat auch Restaurants und Reisebüros betreibt, strebt bei Accor eine umfassende Beteiligung mit weitgehenden Kontrollrechten an. Jin Jiang hat ihre Beteiligung an Accor in den vergangenen Monaten schrittweise auf 15 Prozent erhöht und will sie nach einem Bericht der Tageszeitung „Le Figaro“ auf 29 Prozent aufstocken. Damit bliebe sie knapp unter der Grenze von 30 Prozent, von der an ein Übernahmeangebot für alle Aktionäre zwingend wäre.

          Accor wollte zu dem Bericht keine Stellung nehmen, doch die Aktionäre schenkten der Darstellung Glauben und sorgten an der Pariser Börse für einen Anstieg des Accor-Aktienkurses um zeitweise mehr als 5 Prozent. Doch die französische Regierung will eine Mehrheitsübernahme des führenden Hotelbetreibers, zu dem Marken wie Ibis, Sofitel oder Mercure gehören, durch die Chinesen partout verhindern.

          Unbekannte strategische Ziele

          Die strategischen Ziele von Jin Jiang sind nicht bekannt. Doch das unternehmerische Interesse der Chinesen an einem Zugriff auf Accor mit seinen fast 3900 Hotels mit mehr als 500.000 Zimmern gilt als sicher. Zum einen sorgen die stark wachsenden Tourismusströme zwischen China und Europa für den starken Drang ins Ausland. Dabei steht der Kauf eines europäischen Konkurrenten ganz oben auf der Agenda der chinesischen Tourismuskonzerne: „Der Kauf einer westlichen Hotelkette mit einer bekannten Marke ist dabei der effizienteste Weg der Internationalisierung“, sagt Yi Sun, Partnerin der Beratungsgesellschaft Ernst & Young in Düsseldorf, die seit Jahren Kunden aus dem Reich der Mitte berät.

          Darüber hinaus könnten die Hotelbetreiber aus der Volksrepublik von den langjährigen Erfahrungen ihrer europäischen Pendants bezüglich Kundenpflege oder nationaler Expansion profitieren, ist Sun überzeugt. Dank hoher Liquidität sind viele Konzerne aus Fernost in der Lage, in Europa oder Amerika auf Einkaufstour zu gehen. „Das Interesse konzentriert sich auf große Hotelketten, aber auch auf das Betreiben von Boutique-Hotels in Metropolen wie Paris, Berlin oder London“, weiß die Beraterin zu berichten.

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