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Mehr Nahrung für mehr Menschen : Die Chinesen: zum Kartoffel-Essen verdammt

  • -Aktualisiert am

Kartoffeln sollen Chinas drohendes Ernährungsproblem lösen. Bild: Reuters

Für Reis und Weizen gibt es in China eigentlich zu wenig Wasser und zu viele Menschen. Jetzt lässt der Staat Rezepte für Kartoffel-Mahlzeiten verbreiten.

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          „Die armen Bauern dieser Gegend verbringen gut sechs Monate im Jahr nur mit Kartoffeln“, zitiert der Historiker Massimo Montanari die Aufzeichnungen eines Italieners auf Deutschlandreise im 18. Jahrhundert, „und es sind wunderschöne Menschen, stark und gesund“. Das war die Zeit der „Kartoffel-Befehle“ Friedrich des Großen, der gegen den Hunger den Anbau der „auf sehr vielfache Weise dienlichen Erd-Gewächse“ vorantreiben ließ, gegen den Willen der Bevölkerung: wieso sollte die Erdknolle essbar sein?

          Dass die Kartoffel nicht giftig ist, wissen die Chinesen im Gegensatz zu den Preußen, jede vierte Kartoffel auf der Welt wird heute in der Volksrepublik angebaut. Doch wenn die chinesischen Abiturienten in diesen Monaten während der Vorbereitung aufs Examen für eine halbe Stunde in die Garküchen entfliehen, essen sie die Kartoffel nicht als Sättigungsbeilage, sondern in Streifen geschnitten und Öl getränkt als Reis-Beilage wie ein Gemüse.

          Das Ernährungsministerium spricht vom „idealen Nahrungsmittel“

          Das soll sich ändern. Auch China erteilt den „Kartoffelbefehl“: „ideales Nahrungsmittel“, sei diese, teilt das Ernährungsministerium der staunenden Bevölkerung mit. Die Kartoffel gedeihe unter „kalten, trockenen und unfruchtbaren Bedingungen“, könne auf verlassenen Feldern im Süden Chinas während der Wintermonate angebaut werden und wird nun offiziell Sattmacher.

          Nicht weniger als die Bevölkerung retten soll die Kartoffel wie einst in Preußen, hat China doch ein Bevölkerungsproblem. Wenn die Bevölkerung bis  zum Jahr 2020 auf 1,4 Milliarden Chinesen gewachsen ist, muss das Land 50 Millionen Tonnen Nahrungsmittel mehr produzieren, im Jahr 2030 bereits 100 Millionen Tonnen mehr, während die Ausbreitung der Megastädte gleichzeitig Ackerland frisst.

          Reis und Weizen brauchen zu viel Wasser

          500 Millionen Chinesen sind in den vergangenen Dekaden vom Land geflüchtet, heute zählt China 100 Städte mit über einer Million Einwohnern. Um Peking entsteht der siebte Autobahnring. Die entfernteste Stelle misst 175 Kilometer bis zur Verbotenen Stadt. Reis  und Weizen brauchen zum Gedeihen viel Wasser, was China nicht hat. In einem gigantischen Projekt will es die Regierung vom Süden in den Norden pumpen. Längst ist China zum Netto-Importeur von Reis geworden.

          Also bläst die Regierung zur Kartoffel-Propaganda, preist deren hohen Gehalt an Vitamin C und und lässt die Staatsmedien Rezepte für Kartoffel-Gerichte verbreiten. Von derzeit 5 Millionen Hektar soll die Anbaufläche aufs doppelte steigen so wie der Ertrag. Ob es dafür genügend Abnehmer gibt, ist ungewiss.

          Kartoffel ist der Begriff für korrupte Beamte

          Die Kartoffel gilt hier wie einst in Preußen als Arme-Leute-Essen. „Erdbohne“, „Eiwurz“, „ausländischer Taro“ - auch in China sind die Bezeichnungen für die Kartoffel divers und selten appetitlich. Der eigentliche Begriff wird stattdessen oft für korrupte Beamte verwendet. Statt einer Schüssel Reis solle es nur eine halbe pro Mahlzeit geben, fordern chinesische Wissenschaftler, der Rest des Hungers müsse mit Kartoffeln gestillt werden. Im Internet haben Blogger dazu eine klare Meinung: „Das kann ich nicht.“

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