China : Die Renaissance der Kohle
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China verbraucht heute doppelt so viel Kohle wie vor zehn Jahren Bild: REUTERS
In Rio diskutieren die Minister auf dem Umweltgipfel der Vereinten Nationen über Ressourcenschonung in der Weltwirtschaft. In China hat der Kohle-Hunger zu einer Renaissance des schmutzigsten aller fossilen Brennstoffe geführt. Fachleute warnen vor verheerenden Folgen für das Weltklima.
Am Wochenende fliehen Pekings Einwohner vor der schlechten Luft gern in die nahegelegenen Berge. Im Norden, wo sich die Große Mauer malerisch über die Kämme schlängelt, kann man noch durchatmen, hier zwitschern Vögel, hüpfen Eichhörnchen, es gibt Wälder, Bergbäche, Plantagen mit saftigem Obst. Auf dem Weg in das hübsche Bergdorf Mutianyu unterqueren die Erholungssuchenden eine Eisenbahnbrücke, die fast rund um die Uhr befahren ist. Aus dem Norden schleichen vollbeladene Kohlezüge vorüber Richtung Peking. Die endlose Kette der Waggons kommt aus den Gruben der Inneren Mongolei und endet an den Kraftwerken rund um die Metropole.
Während in Rio de Janeiro noch bis Freitag mehr als 100 Staats- und Regierungschef auf dem Nachhaltigkeits-Gipfeltreffen der Vereinten Nationen über Umwelt- und Klimaschutz debattieren, erlebt in China der schmutzigste aller fossilen Brennstoffe eine bedrohliche Renaissance. Das Land ist der mit Abstand größte Kohleverbraucher der Welt. Jedes Jahr gehen in China dutzende neue Kohle-Kraftwerke in Betrieb. Die schwarzen Brocken sind der wichtigste Treibstoff der aufstrebenden Wirtschafts-Supermacht – und die Folgen für das Weltklima sind gravierend: Ein Kohlekraftwerk stößt mehr als doppelt so viel klimaschädliches Kohlendioxid aus wie ein modernes Erdgaskraftwerk.
Nach Schätzung der Internationalen Energieagentur (IEA) in Paris stiegen die globalen Kohlendioxid-Emissionen vergangenes Jahr – nicht zuletzt wegen der chinesischen Kraftwerksschlote - um 3,2 Prozent auf ein neues Rekordhoch. In China, das der größte Emittent ist, legten sie fast dreimal so stark zu. IEA-Chefvolkswirt Fatih Birol warnt vor „verheerenden Folgen für den Planeten.“
Chinas Energiehunger nach dem einstigen Auslaufmodell steigt immer weiter
Der in der vergangenen Woche veröffentlichte jährliche und an diesem Mittwoch vorgestellte Energy Review des britischen Ölkonzerns BP zeigt das Ausmaß des Kohlebooms: Der Anteil der Kohle am globalen Energieverbrauch war 2011 so hoch wie seit 1969 nicht mehr. Bei keinem anderen fossilen Brennstoff steigt die Nachfrage so rasant wie bei der Kohle. In den vergangenen zehn Jahren wuchs der Kohlebedarf der Welt um 56 Prozent und damit annähernd doppelt so stark wie die Erdgasnachfrage und viermal so stark wie der globale Erdöldurst. Die Hälfte der globalen Kohleförderung wird in China verheizt.
Der Aufstieg Chinas hat den globalen Energiemix auf den Kopf gestellt. Noch vor 15 Jahren schien der Brennstoff, der schon vor zwei Jahrhunderten die Dampfmaschinen der Industrialisierung befeuerte, ein Auslaufmodell zu sein. Inzwischen erwartet die Energieagentur in Paris dagegen, dass die Kohle in den kommenden Jahrzehnten das Erdöl als wichtigste Energiequelle der Welt verdrängen könnte. Selbst in der Europäischen Union ist 2011 die Kohleförderung erstmals seit 1995 wieder gewachsen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Kohlehunger Chinas weit mehr als verdoppelt, denn dieser Brennstoff ist noch immer vergleichsweise günstig. Anders als bei Öl und Gas verfügt China außerdem über große eigene Vorkommen. Das Reich der Mitte holt jedes Jahr so viel Kohle aus dem Boden wie kein anderes Land der Welt - und ist trotzdem seit 2009 auf zusätzliche Importe angewiesen.