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Ökonom Luigi Zingales : „Italienischer Euro-Austritt wäre ein Desaster“

Luigi Zingales (links) doziert an der University of Chicago. Bild: Getty

Der bekannte italienische Ökonom wirft Lega-Chef Salvini im F.A.Z.-Interview vor, keine Überzeugungen zu haben. Und der deutsche Star-Ökonom Hans-Werner Sinn schaffe Probleme, wo es keine gibt.

          Herr Zingales, was können wir von der neuen italienischen Regierung in der Wirtschafts- und Finanzpolitik erwarten?

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Die große Frage ist, ob die Lega irgendeinen Anlass schafft, um schon für den Herbst Neuwahlen zu erzwingen. Die muss formal der Staatspräsident ansetzen, deshalb würde es formal nicht reichen, wenn der stellvertretende Ministerpräsident Matteo Salvini die Regierungskoalition sprengte. Aber in der Praxis würde es auf Neuwahlen hinauslaufen, und mit Blick auf die für die Lega sehr günstigen Umfragen wäre es logisch, wenn Salvini bald handelte.

          Wie ernst ist die Idee einer Flat Tax gemeint, für die Salvini eintritt?

          In Italien benutzt man gerne englischsprachige Begriffe, die dort aber eine eigene Bedeutung haben. Die italienische Flat Tax würde mehr als einen Steuersatz haben. Es ist nicht sehr bekannt, dass die Steuerlast italienischer Unternehmen in den vergangenen Jahren bereits gesunken ist.

          Wie wichtig ist finanzpolitische Solidität für Salvini? Wäre er bereit, die Neuverschuldung deutlich steigen zu lassen?

          Ich bin nicht sicher, dass er dazu eine Meinung hat. Ich habe oft mit ihm über Europa debattiert und dabei den Eindruck gewonnen, dass er sehr smart ist, aber keine festen Überzeugungen besitzt. Er ist ein typischer Politiker, den vor allem interessiert, wie er Wählerstimmen gewinnen kann.

          Will Salvini Italien aus dem Euro führen?

          Salvini wird das tun, was in seinem eigenen Interesse liegt. Er hat keine inhaltliche Agenda, das macht ihn so gefährlich. Wenn nach Umfragen auch eine Mehrheit der Italiener den Euro behalten will, so spricht sich nach diesen Umfragen eine Mehrheit der Wähler der Lega gegen den Euro aus.

          Wie stehen Sie zum Euro und Italien?

          Der Euro hatte uns eine gigantische Möglichkeit gegeben, dank der niedrigen Zinsen unsere Staatsverschuldung zu reduzieren. Die haben wir verspielt. Heute wird der Euro vor allem als Zwangsjacke gesehen, der Politiker davon abhält, zu große Fehler zu begehen. Das ist aus politischer Sicht auf Dauer keine befriedigende Begründung.

          Braucht Italien Strukturreformen?

          Italien hat seinen Arbeitsmarkt flexibilisiert, und das Lohnniveau ist niedrig. Was wir brauchen, ist eine Flexibilisierung der Kapitalmärkte. Aufgrund persönlicher Beziehungen ist zu viel Kapital in wenig produktiven Unternehmen gebunden, während junge Unternehmen nur schwer Kapital finden.

          In Deutschland erzeugen die hohen Salden im Target-Zahlungssystem Sorgen. Wie sehen Sie das?

          Dieses Problem ist eine Erfindung des deutschen Ökonomen Hans-Werner Sinn. Im amerikanischen Zahlungssystem regt sich keiner über Salden auf, die es dort auch gibt.

          Gibt es keine Risiken für Deutschland?

          Die Salden sind besichert. Solange kein Land den Euro verlässt, sehe ich kein Problem. Wenn Deutschland den Euro verlässt, was nicht geschehen wird, würde es für Deutschland teuer. Das wäre aber nicht der Fall, wenn Italien den Euro verlässt.

          Das sieht Sinn anders.

          Wenn ich mit einem Zauberschlag die Welt verändern könnte, wäre Italien nicht mehr im Euro. In der realen Welt weiß ich, dass ein Austritt Italiens vor allem für Italien ein Desaster würde, aber insgesamt nicht für Deutschland, auch wenn Forderungen aus Target wertberichtigt werden müssten. Das eigentliche Problem mit der Debatte über Target ist ein ganz anderes.

          Welches?

          Wenn Sinn de facto anregt, wegen der Salden den Zahlungsverkehr innerhalb der Eurozone zu beschränken, bringt er Salvini doch erst recht auf die Idee, über einen Euro-Austritt Italiens nachzudenken. Sinn provoziert genau das, wovor er sich fürchtet.

          In Italien sind Stimmen zu hören, die vor allem Deutschland für die Schwierigkeiten Italiens verantwortlich machen. Teilen Sie diese Ansicht?

          Nein. Für die Probleme Italiens ist vor allem Italien verantwortlich. Deutschland ist in der Verfolgung seiner nationalen Interessen konsequenter als Italien, aber dafür kann man Deutschland nicht kritisieren. Ich würde mir aber wünschen, dass man Italien weniger herablassend behandelt, als es in Teilen der deutschen Öffentlichkeit geschieht. Das erzeugt völlig unnötigen und schädlichen Unfrieden.

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