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Chemiefirmen stoppen Betrieb : „Sehr viele schreien buchstäblich um Hilfe“

Schlüsselbranche: Mitarbeiterin in einem Chemielabor (Archivbild) Bild: dpa/dpaweb

In der Chemieindustrie stoppen viele Mittelständler ihre Produktion, weil ihre Energieverträge auslaufen. Salzsäure, Adblue und Ammoniak fehlen. Das ist auch für die Pharmaindustrie verheerend.

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          In der Chemieindustrie macht sich Angst breit. „Wir haben lange davor gewarnt, dass Produktion stillgelegt wird und Unternehmen ganz aussteigen. Und genau das findet jetzt statt“, sagt Wolfgang Große Entrup. Der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) schildert die Lage im Gespräch mit der F.A.Z. dramatisch. Vor allem im Mittelstand stünden Unternehmen mit dem Rücken zur Wand. „Wir haben sehr viele, die schreien buchstäblich um Hilfe.“

          Bernd Freytag
          Wirtschaftskorrespondent Rhein-Neckar-Saar mit Sitz in Mainz.

          Die meisten Lieferverträge für Gas und Strom laufen nach seinen Worten zum Jahresende aus, Anschlussangebote seien häufig schlicht nicht mehr zu finanzieren. Die nötigen Preise für die Endprodukte seien auf dem Weltmarkt nicht zu erzielen. Die Gaspreise der amerikanischen Konkurrenz seien gerade mal so hoch wie die geplante Gasumlage in Deutschland. So würden immer mehr Unternehmen gezwungen, weitere Produktion stillzulegen. „Nicht temporär, wenn die weg sind, sind sie weg“, sagt er.

          Wenn die Lieferketten reißen

          Nach Große Entrups Worten beginnen jetzt Wertschöpfungsketten zu reißen. Ammoniak, Harnstoff, Adblue, Salzsäure, Vorprodukte für die Pharmaindustrie, selbst Basischemikalien würden schon knapp. „Die Zusammenhänge werden offensichtlich und klar“. Trotzdem werde die Lage in der Politik noch immer unterschätzt. Es gebe viel Aktionismus, viele Kommissionen, aber die nötigen Hilfen kämen nicht an. Und vieles, was versprochen worden sei, etwa der unbürokratische „Fuel Swap“, der Unternehmen ermöglicht, ihren Betrieb kurzfristig auf Öl umzustellen, funktioniere noch nicht.

          Der Branchenverband will sich diesen Montag mit seinem dramatischen Appell und einem ganzen Forderungskatalog nach Berlin wenden. Um Zeit zu gewinnen und die Strompreise zu dämpfen müssen nach seinen Vorstellung zunächst alle Kraftwerke ans Netz. Auch die bestehenden Kohle- und Atomkraftwerke. Auch wenn ein kurzfristiges Überschreiten des nationalen CO-2-Budgets nicht zu vermeiden sei, wie Große Entrup sagt.

          Damit nicht genug. Weitere Hilfen seien dringend nötig. So müsse die Gasumlage überdacht und aus dem Bundeshaushalt mitfinanziert werden. Zusammen mit anderen Umlagen führe sie zu Mehrkosten von 4 Milliarden Euro für die chemische Industrie.

          In Not geratene Versorger sollen nach dem Willen des VCI mit einer Beteiligung des Staates „zielgerichtet und temporär“ gestützt werden. Die angekündigte Strompreisbremse für den Basisverbrauch müsse auf industrielle Verbraucher ausgedehnt werden. Das schon beschlossene Energiekostendämpfungsprogramm sollte zudem verlängert und auf den Mittelstand angepasst werden. Betreiber von Chemieparks – Kern der Chemieproduktion in Deutschland – würden davon aktuell nicht profitieren.

          Wie teuer die Hilfsmaßnahmen würden, darüber könne man heute nur spekulieren, sagt Groß Entrup. Klar sei aber, dass die Politik Unternehmen und Wertschöpfungsketten nur „von vorne“ retten könne. „Das Geld wird der Staat sowieso ausgeben müssen. Besser jetzt in die Struktur als nächstes Jahr zur Finanzierung der Arbeitslosigkeit.“

          Aus dem bestehenden Haushalt werde der Bund diese Mittel nicht finanzieren können, darüber sei man sich im klaren. „Wir werden über eine temporäre Aussetzen der Schuldenbremse nicht herumkommen“. Das jetzt nicht zu tun, gefährde die gesamte Industriestruktur. Arbeitslosigkeit und Sozialtransfers müssten dann mit noch höheren Beträgen finanziert werden.

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