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Chemie / Pharma : Bayer hat ein Riesenproblem

  • Aktualisiert am

Bayer-Dämmerung Bild: AP

Die amerikanische Arzneimittelbehörde hat den Tod von 31 Menschen mit einem Medikament des Bayer-Konzerns in Verbindung gebracht. Der Kurs der Aktie brach ein.

          Der Chemie- und Pharma-Riese Bayer wankt und scheint aus der Bahn zu geraten. Die amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) hat in einer Mitteilung am Mittwoch den Tod von 31 Menschen mit dem Cholesterin-Mittel Baycol/Lipobay des Bayer-Konzerns in Verbindung gebracht. Die Behörde begrüßte die Entscheidung von Bayer, das Mittel freiwillig vom Markt zu nehmen. Die Mitteilung der FDA wirkte sich unmittelbar auf den Kurs der Bayer-Aktie aus.

          Die stärkere Ausrichtung auf die Pharmasparte stellte, so gewinnt man nun den Eindruck, den Leverkusener Giganten auf tönerne Füße. Nach der Rücknahme eines seiner umsatzstärksten Medikamente müsse die gesamte Konzernstrategie auf den Prüfstand, kündigte Finanzchef Werner Wenning an. Das Pharma-Geschäft selbst stehe nicht zur Disposition.

          Der Rückruf des Cholesterinsenkers Baycol/Lipobay aufgrund von möglicherweise lebensbedrohlichen Nebenwirkungen wird das Ergebnis von Bayer den Unternehmensangaben zufolge mit mehr als einer Milliarde Mark belasten. Die bisherige Ergebniserwartung werde damit „ganz erheblich“ unterschritten.

          Weckruf für den Übernahmekandidaten

          Das allein wäre schlimm genug, doch schon mehren sich die Stimmen unter den Analysten, die Zweifel an der künftigen Unabhängigkeit des Konzerns hegen. Der Aktienkurs jedenfalls brach innerhalb weniger Stunden um 17 Prozent dramatisch ein - bei einem Dax30-Unternehmen kein alltägliches Ereignis. In Bankenkreisen hieß es, Bayer könnte nun möglicherweise zum Übernahmekandidaten werden. Bisher sei Bayer etwas arrogant immer davon ausgegangen, alleine bleiben zu können, sagte ein Analyst in London. „Aber das ist jetzt ein Weckruf.“

          Unternehmens-Gau

          Am Donnerstag will Bayer zusammen mit der Veröffentlichung der Quartalszahlen ein Restrukturierungsprogramm vorlegen, das nach Angaben Wennings aber schon vor der Ankündigung zu Baycol/Lipobay entwickelt wurde. Die Investoren werden die Worte auf die Goldwaage legen, dessen kann man sicher sein. Denn in der Pharma-Industrie kann das Wegbrechen eines so genannten Blockbusters, als Unternehmens-Gau bezeichnet werden.

          Im Regelfall erwartet man von einem guten Pharma-Unternehmen, dass es immer etliche Medikamente in der Entwicklung hat, die das Zeug zum Massenprodukt haben. Die Entwicklung eines solchen Medikaments fällt nicht leicht, braucht Zeit und kostet Geld. Die Summe, die schnell zusammen kommt, kann sich ohne weiteres auf 500 Millionen Euro belaufen. Acht Jahre Entwicklungszeit sind keine Seltenheit.

          Patent schützen: Count-down läuft...

          Die Kalkulation der Pharma-Unternehmen hängt unmittelbar mit dem Patentschutz für ihre Produkte zusammen. Er gilt 18 Jahre. Schützt also ein Unternehmen die Idee zu einem neuen Medikament, läuft der Countdown. Kommt das Produkt nach Idee, Optimierung im Labor, Tierversuchen, klinischen Tests und Zulassungsverfahren auf den Markt, vergehen leicht acht Jahre. Es bleiben dann zehn weitere Jahre, die Investitionen unter dem Schutz des Patents gewinnbringend zu vermarkten.

          Je später festgestellt wird, dass ein Medikament die Marktreife nicht erlangt oder nicht produziert werden kann, desto teurer wird diese missliche Erfahrung. Im schlimmsten Fall aber muss man das Medikament kurz nach der Markteinführung wieder zurückrufen und hat sich mit Schadensersatzklagen auseinander zu setzen. Im Fall Baycol/Lipobay rechnet Bayer nicht mit Klagen der weltweit sechs Millionen Menschen, die mit dem Präparat behandelt werden. Bis jetzt lägen jedenfalls keine Klagen vor.

          ... und läuft

          Aber selbst wenn Bayer ohne Entschädigungsleistungen davon kommt und selbst wenn das Medikament durch Verbesserungen der Zusammensetzung oder durch zusätzliche geeignete Warnhinweise wieder auf den Markt kommt - die Zeit, bis der Patentschutz fällt, wird immer kürzer. Und der Ruf des Präparats ist erst einmal gründlich ruiniert. Eine Informations- und Aufklärungskampagne, um verlorenes Verbrauchervertrauen wiederzugewinnen, verschlänge zusätzliches Geld.

          Die Ergebnisbelastung durch Baycol werde in diesem Jahr 600 bis 650 Millionen Euro betragen, sagte Finanzchef Wenning. Bayer hatte im vergangenen Jahr mit dem nach eigenen Angaben 636 Millionen Euro umgesetzt und für dieses Jahr einen Anstieg auf eine Milliarde Euro prognostiziert.

          CropScience-Kauf wird schwer zu finanzieren

          „Es sieht wirklich so aus, als ob Bayer länger andauernde Probleme hätte, die gelöst werden müssen", sagte WestLB-Analyst Andreas Theisen. Mehrere Banken nahmen ihre Empfehlungen für die Aktie zurück. Die erneute Gewinnwarnung hat nach Angaben von Bayer jedoch keinen Einfluss auf die Absicht des Konzerns, die Sparte CropScience von Aventis zu übernehmen und wie geplant Ende September an die New Yorker Börse zu gehen, sagte Wenning. In Bankenkreisen hieß es, die Finanzierung des Geschäfts dürfte Bayer jetzt schwerer fallen. Aus unternehmensnahen Kreisen war für die Pflanzenschutz-Sparte von Aventis zuletzt ein Kaufpreis von rund 7,25 Milliarden Euro einschließlich Schulden genannt worden.

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