https://www.faz.net/-gqe-nl5t

Chemie / Anlagenbau : Kajo Neukirchen tritt als Chef der MG Technologies zurück

  • Aktualisiert am

Neukirchen geht Bild: dpa

Kajo Neukirchen hat sich mit dem Aufsichtsrat des Unternehmens über eine vorzeitige Vertragsauflösung geeinigt. Auch Aufsichtratschef Helmut Werner geht. Otto Happel rückt in den Aufsichtsrat.

          3 Min.

          Kajo Neukirchen, seit fast zehn Jahren Vorstandsvorsitzender des Spezialchemie- und Anlagenbaukonzerns, hat sich mit dem Aufsichtsrat des Unternehmens über eine vorzeitige Vertragsauflösung geeinigt. In einer Mitteilung des Unternehmens wird die "veränderte Konstellation unter den Anteilseignern" als Begründung für den Abschied Neukirchens genannt. Damit ist Neukirchens Dauerstreit mit dem größten MG-Aktionär Otto Happel gemeint, der Neukirchen eine verfehlte Unternehmenspolitik, Bilanztricksereien und Vernichtung des Aktionärsvermögens vorwirft. Happel hatte in den vergangenen Wochen seinen Anteil an der MG auf etwas mehr als 20 Prozent verdoppelt. Das dürfte ihn schätzungsweise rund 120 Millionen Euro gekostet haben. Er wird von der Hauptversammlung am 3. Juni aller Voraussicht nach in das Aufsichtsgremium gewählt werden.

          Neukirchens Vertrag wäre noch bis zum Jahr 2006 gelaufen; vor zwei Jahren wurde er verlängert. Jetzt wird Neukirchen, der rund 2 Millionen Euro im Jahr verdienen dürfte, sein Amt zum 30. Mai niederlegen. Mit der Nachfolge von Neukirchen wird sich der neu gewählte Aufsichtsrat "umgehend nach der Hauptversammlung befassen", teilt das Unternehmen weiter mit.

          Der Aufsichtsratsvorsitzende der MG, der ehemalige Mercedes-Manager Helmut Werner, tritt nach der Hauptversammlung ebenfalls zurück. Der Aufsichtsrat hat der Hauptversammlung vorgeschlagen, Otto Happel in das Gremium zu wählen. Daß Happel dann unmittelbar an die Spitze des Aufsichtsgremiums rückt, gilt unter Kennern der MG als eher unwahrscheinlich. Ein möglicher Kandidat wäre der Unternehmer Jürgen Heraeus, der auf der Hauptversammlung in das Kontrollgremium gewählt werden soll.

          Als weitere neue Mitglieder schlägt der Aufsichtsrat der Hauptversammlung Dieter Ammer vor, der von Anfang Juni an Vorstandsvorsitzender der Tchibo-Holding ist. Derzeit ist er noch Vorstandsvorsitzender der Brauerei Beck & Co. Außerdem soll Gerhard Jooss, früher Vorstand bei der Thyssen Krupp AG, in das MG-Aufsichtsgremium gewählt werden. Rolf Krebs, Chef des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim, wird der Hauptversammlung ebenfalls zur Wahl in den MG-Aufsichtsrat vorgeschlagen. Boehringer ist ein großer Kunde der Anlagenbausparte von MG.

          Zur Wiederwahl in das Aufsichtsgremium stehen Jürgen Krumnow (Ex-Vorstand Deutsche Bank), Dietmar Kuhnt (ehemals RWE-Chef), Bernhard Walter (ehemaliger Sprecher der Dresdner Bank), Eberhard Zinn (Vorstand Bayerische Landesbank) und Khaled Al-Sabah (Vertreter des MG-Anteilseigners Kuwait) auf der Vorschlagsliste. Neben Werner werden der Siemens-Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann, Diethart Breipohl (ehemaliger Allianz-Vorstand) und Joachim Funk (früher Mannesmann-Chef) den Aufsichtsrat verlassen.

          Wie das Unternehmen weiter mitteilt, hat der Aufsichtsrat die Vereinbarung mit Neukirchen "mit großem Bedauern und unter sorgfältiger Abwägung der Unternehmensinteressen getroffen." Der Aufsichtsrat tagte gestern ohne seinen Vorsitzenden Werner, der seit Montag wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus liegt. Die Sitzung leitete Walter. Das Gremium dankte Neukirchen für seine erfolgreiche Arbeit. Der Vorstandsvorsitzende habe 1993 die Führung der kurz vor dem Konkurs stehenden ehemaligen Metallgesellschaft übernommen, das Unternehmen schnell wieder in die Profitabilität zurückgeführt und auf neue Wachstumsmärkte ausgerichtet. "Nach der Führung durch Dr. Neukirchen zählt der Technologiekonzern heute wieder zu den ersten Adressen der deutschen Industrie" heißt es in der Mitteilung des Unternehmens weiter.

          In einer persönlichen Erklärung nennt auch Neukirchen "veränderte Konstellationen unter den Anteilseignern" als Grund für seinen Rückzug. Neukirchen dankte den Aktionären und den Mitgliedern des Aufsichtsrates, "an der Spitze Helmut Werner, dessen Prinzipientreue und Klugheit den Aufschwung der neuen MG zuverlässig gestützt haben". Die Erklärung hat Neukirchen nur mit seinem Nachnamen unterschrieben.

          An der Börse stieg der Kurs nach den Personalmitteilungen um 6,8 Prozent auf 6,90 Euro, nachdem er am Tag zuvor, als die Verdopplung von Happels Anteil bekannt wurde, bereits um 20 Prozent zugelegt hatte. Analysten nannten Übernahmespekulationen und Zerschlagungsphantasien als Begründung für diese Kursentwicklung. Finanzexperten monierten in der Vergangenheit immer wieder, daß eine Trennung der Sparten Anlagenbau (Lurgi, Gea, Zimmer) und Spezialchemie (Dynamit Nobel) den Wert des Konzerns steigern würde.

          Früheren Angaben zufolge bietet das Geschäftsjahr 2003 bei der MG wenig Anlaß zu Optimismus. "Angesichts der wenig erfreulichen Szenarien werden wir uns noch stärker auf die Umsetzung von Maßnahmen zur Steigerung der Ertragskraft konzentrieren", kündigte Neukirchen angesichts der allgemeinen Konjunkturschwäche Ende März an.

          Er sei zuversichtlich, im Unternehmen erneut ein höheres Ergebnisniveau zu erreichen. Das ist bei der MG bei einer Vorsteuerrendite von 4 Prozent, wie sie im Geschäftsjahr 2001/2002 erreicht worden sei, der Fall. Im diesem letzten vollen Geschäftsjahr - von diesem Jahr an ist das Geschäftsjahr gleich dem Kalenderjahr - erzielte die MG einen Umsatz von 8,5 Milliarden Euro. Für das laufende Geschäftjahr wurde ein leichter Umsatzanstieg in Aussicht gestellt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Medizinisches Personal bei der Vorbereitung von Corona-Impfungen am 8. Januar in Neapel

          Nichts ohne die 3-G-Regel : Das italienische Impfwunder

          Kein Land in Europa hat die 3-G-Regel so strikt angewandt wie die Regierung von Ministerpräsident Draghi in Rom. Das Ergebnis: Italien hat eine Impfquote, von der Deutschland nur träumen kann.
          Präsident Erdogan in seinem Präsidentenpalast in Ankara mit dem chinesischen Außenminister Wang Yi und dem türkischen Außenminister Mevlut Cavusoglu

          Erdogans imperiale Ambitionen : Supermacht Türkei

          Frieden zu Hause, Frieden in der Welt – das war Atatürks Leitspruch. Erdogan sieht das ganz anders. Die Türkei ist ihm als Bühne längst zu klein. Eine Analyse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.