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Weltbank-Chefökonom : Zu viel gesagt

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Paul Romer, ehemals Chefökonom der Weltbank. Bild: dpa

Der Chefökonom der Weltbank, Paul Romer, ist für seine klare Sprache bekannt. Jetzt hat sie ihn offenbar die Stelle gekostet.

          2 Min.

          Der Chefökonom der Weltbank, Paul Romer, tritt bereits nach 16 Monaten von seiner Position zurück. Versuche, die Forschungsarbeit des Entwicklungs-Kreditgebers zu reformieren, waren vermehrt auf Widerstand gestoßen. Wie es aus der Bank hieß, steht Romers Rückzug außerdem im Zusammenhang mit seiner Kritik an dem jährlich veröffentlichten Weltbank-Ranking „Doing Business“.

          Die Weltbank wurde Ende 1945 gegründet, ursprünglich um den Wiederaufbau Europas zu unterstützen. Seitdem hat sie sich zu einem Kreditgeber für Entwicklungsländer etabliert. Gegenwärtig versucht die Bank, ihren Status als führender Entwicklungsgeldgeber beizubehalten, da die Regierungen einiger reicher Länder zunehmend zögern, Entwicklungsinitiativen mitzufinanzieren.

          Romer ist einer der berühmtesten amerikanischen Ökonomen und wird oft als Kandidat für den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften genannt. Seine Ernennung im Oktober 2016 wurde zunächst als großer Erfolg für die Bank gefeiert. Ursprünglich sollte seine Amtszeit im September 2020 auslaufen.

          Wissenschaftler sollten das Wort „und“ seltener vermeiden

          Als Leiter der Forschungsabteilung der in Washington D.C. ansässigen Bank stieß Romer jedoch auf Widerstand. Forscher beschwerten sich anscheinend über seine schroffe Art, als er versuchte, einen klareren Kommunikationsstil in der Abteilung durchzusetzen. Die Agentur Bloomberg berichtet, dass er die Grammatik seiner Angestellten kritisierte und beispielsweise verlangte, dass sie das Wort „und“ in wissenschaftlichen Texten seltener verwenden.

          Laut einer Studie der Wissenschaftler Franco Moretti und Dominique Pestre, welche die Entwicklung der Sprache von Ökonomen seit der Gründung der Weltbank untersucht, wird diese in der Tat immer verschwommener. Romers Bemühungen, dem entgegenzuwirken, stießen innerhalb der Forschungsabteilung wohl auf taube Ohren. Mit seinen Ökonomen geriet er so sehr in Streit, dass er anschließend die Forschungsabteilung nicht mehr leiten durfte.

          Die Chile-Kontroverse

          Eine andere Kontroverse soll ihn jetzt endgültig die Stelle gekostet haben: Der Streit um den globalen Geschäftsklima-Bericht, in dem möglicherweise Chile zu schlecht wegkam. Dieser Bericht wird anhand von zehn Kriterien erstellt. Bewertet werden etwa die Bedingungen für Unternehmensgründer und Kreditvergaben, wie problemlos Firmen Export- und Importgenehmigungen erhalten oder wie schnell sie Strom bekommen. In dem Bericht landen jedoch regelmäßig etwa die zweitgrößte Volkswirtschaft China und aufstrebende Länder wie Brasilien und Indien auf hinteren Plätzen. Die Länder selbst kritisieren immer wieder, dass das Ranking nicht die tatsächlichen Investitionsbedingungen für Unternehmen in den Länder widerspiegele. Organisationen wie Oxfam kamen ihnen zu Hilfe.

          In einem Interview mit dem Wall Street Journal sagte Romer kürzlich, die derzeitige Methodik der Weltbank könne den Eindruck erwecken, die Bank erstelle ihren Bericht auf der Basis politischer Überlegungen. Das habe unter anderem Chile einige Plätze gekostet. Dessen Regierung forderte eine Untersuchung, Weltbank-Ökonomen verteidigten die Methode der Bank. Eine Woche später zog Romer seine Anschuldigung zurück. „Ich wollte eigentlich etwas sagen, dass viele von uns in der Bank denken – dass wir besser erklären müssen, was unsere Zahlen bedeuten", sagte er in einem Blogeintrag.

          Romer werde ab sofort zu seiner Professur an der New York University zurückkehren, sagte Weltbankpräsident Jim Yong Kim dem Finanzdienst Bloomberg. „Paul ist ein fähiger Ökonom und ein scharfsinniges Individuum, und wir hatten schon viele gute Diskussionen über geopolitische Themen, Urbanisierung und die Zukunft der Arbeitswelt ", sagte Kim in seinem Statement. „Ich schätze Pauls Offenheit und Ehrlichkeit und weiß, dass er die Umstände seiner Abreise bedauert.“

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