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Chefarzt im Interview : „Es kommen viel weniger Corona-Fälle als befürchtet“

Deutschlands Krankenhäuser bereiten sich vor. Bild: dpa

Ralf Langhoff ist leitender Mediziner am Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin. Er spricht über die Ausstattung der Isolierstationen, fehlende Schutzmasken und die Ruhe vor dem Ansturm.

          3 Min.

          Herr Langhoff, Sie sind Chefarzt am Sankt-Gertrauden-Krankenhaus in Berlin, einem Lehrkrankenhaus der Charité, das zur so genannten Level-2-Versorgung von Corona-Patienten dient. Wahrscheinlich sind Sie und Ihre Kollegen im Moment völlig überarbeitet, richtig?

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Nein, im Gegenteil, hier ist viel weniger los als sonst. Die Kollegen können endlich ihre Überstunden abbauen. Auch ich finde mehr Zeit für die Familie und habe meiner Tochter gerade Doppelkopf beigebracht. Im Krankenhaus denken wir schon daran, Arbeitsverträge, die zur Entfristung anstehen, nicht zu entfristen, um Geld zu sparen. Es fühlt sich merkwürdig an, wenn uns die Leute auf den Straßen danken und für uns klatschen. Die Ärzte in Spanien und Italien haben das für ihren Einsatz sicher verdient, aber wir sind hier gar nicht im Einsatz.

          Woran liegt das?

          Es kommen viel weniger Corona-Fälle als befürchtet. Wir haben zwei Isolierstationen mit 50 Betten eingerichtet, eine dritte ist in Vorbereitung. Da liegen aber nur vier Covid-19-Patienten. Die zwölf Beatmungsplätze brauchen wir im Moment überhaupt nicht.

          Vielleicht sind Sie ein Einzelfall?

          Das denke ich nicht, denn wir stehen im engen Austausch mit anderen Häusern in ganz Deutschland, zum Beispiel in Heidelberg, da sieht es genauso aus. Auf einer Verlinkung des Robert Koch-Instituts können Sie sehen, dass es in ganz Deutschland gerade 23 Corona-Patienten der Kategorie „serious, critical“ gibt, die also kritisch krank sind. Nicht nur in Italien und Spanien sind es mehr als bei uns, selbst in den Niederlanden, in Dänemark oder Schweden.

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          Das ist doch sehr erfreulich!

          Völlig richtig, aber man fragt sich schon, ob man dafür andere Behandlungen hintanstellen sollte. Es ist ja so, dass wir planbare so genannte elektive Eingriffe absagen müssen, um Platz für Corona-Fälle zu schaffen. Ich bin Gefäßmediziner, um drohende Schlaganfälle kümmere ich mich natürlich trotzdem. Aber in der Augenheilkunde warten Patienten auf eine neue Linse, auf Graue-Star-Operationen, die für sie enorm wichtig sind, und wir können sie nicht aufnehmen, obwohl wir genügend Platz hätten. In der Rückschau muss man sagen, dass wir vergangene Woche noch Vollgas bei unseren normalen Patienten hätten geben können. Aber das konnte natürlich niemand wissen.

          Vielleicht ist das, was Sie jetzt erleben, nur die Ruhe vor dem Sturm.

          Vermutlich. Das Verrückte ist aber, wenn der Sturm dann kommt, haben wir Betten und Personal, aber nicht genügend Schutzausrüstung. Schon jetzt ist es so, dass jemand mit Halsschmerzen und Fieber in unsere Hals-Nasen-Ohren-Abteilung kommt, die Kollegen dort aber keinen Mundschutz haben. Das geht doch nicht!

          Die Bundesregierung lässt doch fleißig Schutzkleidung und Masken verteilen.

          Davon merken wir nichts. Die letzte Lieferung hat uns vor zwei Wochen erreicht. Inzwischen müssen wir die Masken rationieren, in manchen Bereichen auf eine am Tag je Person. Und da reden wir nicht über FFP2-Masken mit Filter, sondern über einen stinknormalen Nasen-Mund-Schutz, von dem das Robert Koch-Institut sagt, der biete keinen adäquate Schutz.

          Was tun Sie dagegen?

          Noch ist ja zum Glück nicht so viel los, wie gesagt. Aber wir müssen natürlich vorbereitet sein. Wir haben einen chinesischen Arzt hier, der versucht gerade, auf eigene Faust Masken in Hongkong zu kaufen.

          Langweilig wird Ihnen also nicht?

          Nein, zumal wir jede Menge Schulungen abhalten, damit wir für Corona gerüstet sind. Die Moral und Arbeitsbereitschaft ist enorm hoch. Jeden Morgen gibt es Einweisungen an den Beatmungsgeräten, auch für Kollegen wie zum Beispiel Augenärzte, die so einen Apparat noch nie bedient haben. Übrigens kann man die Beatmungskapazitäten gar nicht so leicht hochfahren, wir haben noch immer so viele Geräte wie früher. Dafür brauchen Sie Druckluftanschlüsse in der Wand, Sauerstoffversorgung und viele andere bauliche Voraussetzungen. Mit dem Hinstellen der Geräte ist es nicht getan.

          All das kostet viel Geld, ein neues Intensivbett etwa 85.000 Euro. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat den Kliniken gestern 50.000 Euro je Bett zugesagt und will auch sonst einen großzügigen Schutzschirm über dem Gesundheitswesen aufspannen. Reicht das?

          Spahns zweiter Entwurf ist in jedem Falle besser als der erste, und die großen Häuser wie hier in Berlin die Charité oder Vivantes werden sicher über die Runden kommen. Aber wichtig ist, dass auch die kleinen Kliniken nicht in den Ruin laufen. Die größten Umsatzausfälle kommen wirklich von den verschobenen Operationen. Viele Eingriffe werden auch von den Patienten selbst abgesagt, zum Beispiel Brustvergrößerungen. Die sagen dann: „Ich hol mir doch nicht den Tod im Krankenhaus, sondern komme wieder, wenn der Krieg vorbei ist.“

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