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Börsenchef Carsten Kengeter : Bremser auf der Überholspur

Gefährdete Fusion zwischen Frankfurt und London: Ist das Rennen für Carsten Kengeter gelaufen? Bild: Helmut Fricke

Mit der Fusion von Deutscher Börse und Londoner Börse wollte Carsten Kengeter alle überholen. Nun schlingert sein Wagen bedenklich. Droht damit das endgültige Renn-Aus?

          Jetzt soll eine gewagte Vollbremsung verhindern, dass Carsten Kengeter aus der Kurve fliegt. Bisher sollten mindestens 75 Prozent der Anteilseigner der Deutschen Börse der Fusion mit der London Stock Exchange zustimmen, und Kengeter war sicher, dass dies eine leichte Übung sein würde. Nun wird die Grenze kurzfristig auf 60 Prozent reduziert – offiziell aus technischen Gründen, aber dies muss niemand glauben. Das Verfahren mag juristisch zulässig sein, aber es wirkt auch mindestens unsouverän. Es scheint, als ob Carsten Kengeter in voller Fahrt bemerkt hat, dass ihm mindestens ein Reifen explodiert ist. Er will retten, was zu retten ist. Und es ist nicht sicher, dass es ihm gelingt.

          Wer hätte dies gedacht, als der smart und energisch wirkende frühere Banker vor kaum mehr als einem Jahr den Vorstandsvorsitz der Deutschen Börse von einem keinerlei Dynamik mehr verströmenden Vorgänger Reto Francioni übernommen hatte? Ein frischer Wind zog ein in ein Unternehmen, das Deutsche Börse heißt, sich angesichts zahlreicher internationaler Aktionäre aber nicht als „deutsch“ empfand und überdies nicht als Börse, sondern als Technologieunternehmen betrachtet werden wollte.

          Und wie hatte der anglophile Kengeter aufs Tempo gedrückt. Nicht nur hatte er den Zustand der Deutschen Börse offen kritisiert und interne Neuordnungen angekündigt. Nein, er wollte schon nach wenigen Monaten das schaffen, womit seine Vorgänger zweimal gescheitert waren: den Zusammenschluss mit einem großen Wettbewerber – in diesem Falle mit der London Stock Exchange. Mit dem ihm eigenen Schwung hatte er fast alle überfahren: die Politik in Berlin und in Wiesbaden ebenso wie die Finanzszene in Frankfurt, in der man sich zwar in einigen Türmen wunderte, aber doch meist nichts sagte. Die Ausnahme war der Privatbankier Friedrich von Metzler, der öffentlich kundtat, was viele am Main dachten, aber nicht sagen wollten: Die Fusion ist an sich eine gute Idee, aber der Hauptsitz in London ist eine schlechte Idee. Kengeter schien dies nicht zu interessieren.

          „Größe ist in unserer Branche das A und O“

          Was ihn motivierte, war der Drang nach Expansion. „Größe ist in unserer Branche das A und O“, sagte er auf der jüngsten Hauptversammlung. „Eine starke deutsche Wirtschaft, eine starke europäische Wirtschaft braucht eine in Europa regulierte, von Europa aus gesteuerte Börsenorganisation“ lautet sein Mantra. Mit der impliziten Warnung vor der amerikanischen oder asiatischen Konkurrenz lässt sich in Europa durchaus spielen. Aber das Spiel hat Grenzen, die nicht zuletzt durch die europäische Konstruktion bestimmt werden.

          Jetzt lernt der ehemalige Investmentbanker mit globaler Erfahrung, dass die Deutsche Börse sowohl deutsch als auch eine Börse ist. Mögen auch ihre Eigentümer mehrheitlich aus dem Ausland stammen, so ist der Betrieb einer Börse in Deutschland auch eine Angelegenheit öffentlichen Interesses. Und so kann die Landesregierung in Wiesbaden, beraten durch das Frankfurter Bankhaus Metzler, Kengeter zumindest einige größere Steine in den Weg werfen. Das Beispiel zeigt auch, dass die Deutsche Börse eben nicht in erster Linie ein Technologieunternehmen ist, wie es vor allem Francioni gerne betonte, sondern ein Kapitalmarktunternehmen, dessen Standort nicht allein nach wirtschaftlichen Kriterien ausgesucht werden kann.

          Vielleicht wäre Kengeters riskantes Überholmanöver gelungen, wenn die Briten mehrheitlich beschlossen hätten, in der Europäischen Union zu bleiben. Mit dem Votum für den Brexit kippte jedoch innerhalb kurzer Zeit die Stimmung. Bei vielen Fachleuten hatte ein Votum für einen Brexit als wenig wahrscheinlich gegolten, aber darauf vorbereitet mussten die Befürworter eines britisch-deutschen Börsenkonzerns sehr wohl sein. Offenbar waren sie es nicht. Die Vollendung des Werkes ist zwar nicht unmöglich, aber nicht mehr selbstverständlich. Dabei wird es ohne britische Hilfe schwer.

          Tiefe Spuren der Niederlage

          Der geplante Sitz der Börse in London, auf dem die Downing Street bestand, wäre für Kengeter kein Problem gewesen. Er hätte im Gegenzug den Vorstandsvorsitz der fusionierten Börse erhalten, und überdies hat er ein Haus im Wimbledon, in dem er mit seiner Familie lebt. In Stil und Auftreten ähnelt der gebürtige Heilbronner längst mehr einem angelsächsischen Investmentbanker als einem deutschen Finanzier. Will er die Fusion retten, muss Kengeter die Briten dazu bewegen, eine deutlich stärkere Rolle für Frankfurt zu akzeptieren.

          Carsten Kengeter war schon einmal mit Vollgas unterwegs – als Investmentbanker. Da hatte er es für die schweizerische Großbank UBS weit gebracht, ehe er in der Finanzkrise brüsk von der Rennstrecke flog. Sollte die Fusion mit der Londoner Börse scheitern, müsste Kengeter vermutlich nicht die Deutsche Börse verlassen. Aber er hätte eine schwere Niederlage erlitten, die dauerhafte Spuren zeigte. So hatte sich sein Vorgänger Francioni nie vom Scheitern der Fusion von Deutscher Börse und New York Stock Exchange erholt. Aber eine Deutsche Börse, die ihres Expansionsdrangs beraubt wäre und warten müsste, was die Konkurrenz tut, mag dem Dynamiker Kengeter nicht mehr viel zu bieten haben. Auch deshalb wird er alles tun, um im Rennen zu bleiben.

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