https://www.faz.net/-gqe-9z5ck

Chaos in Indien : Schnaps, Schläge und hohe Steuern

Endlich wieder Alkohol: Ein Inder kommt beladen aus einem Geschäft in Neu-Delhi – im Hintergrund hat ein Polizist den Schlagstock schon zur Hand. Bild: EPA

Die Wiedereröffnung der Alkoholläden führt in Indien zu Tumulten – vielerorts greifen Polizisten zu Schlagstöcken. Die Regierung verfolgt damit ein Kalkül. Betten für Corona-Kranke werden indes knapp.

          2 Min.

          Steuern wirken abschreckender als Schläge. Deshalb hat Indien die Abgaben auf Alkohol sprunghaft erhöht. Zuvor hatte das Wiedereröffnen der Alkohol-Geschäfte zu größerer Unruhe geführt: Obwohl die Ausgangssperre auf dem Subkontinent noch bis mindestens zum 14. Mai dauern wird, lässt die indische Regierung ausgewählte Branchen nun wieder arbeiten. Dazu gehören erste Alkohol-Verkäufer.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Der Andrang auf ihre Geschäfte war zur Wiedereröffnung nach 40 Tagen so groß, dass sich etwa in Delhi tausende Menschen in Schlangen von mehreren Kilometern früh morgens vor den Ladentüren anstellten. In der Hauptstadt öffneten gut 150 der insgesamt 850 Alkoholgeschäfte der Stadt. Um dem Andrang Herr zu werden, rückte die Polizei an. Indische Zeitungen schrieben von „absolutem Chaos“ vor den Läden.

          Die Polizisten zückten die Knüppel und schlugen auf die drängenden Menschen ein, um die Abstandsregeln in Coronazeiten durchzusetzen. Einige der Geschäfte sahen sich gezwungen, ihre Türen daraufhin wieder zu schließen.

          Brauereien profitieren an der Börse

          In der Wirtschaftsmetropole Bombay (Mumbai) entschied die Polizei, dass die Alkoholgeschäfte aufgrund des Chaos bis auf weiteres an die Wartenden nur noch Gutscheine ausgeben dürften, um das Drängen zu unterbinden. Zuvor hatte die Regierung den Einkauf pro Person auf neun Liter Alkohol und eine Kiste Bier beschränkt. Im Bundesstaat Goa wurde die Regel „Ohne Maske kein Alkohol“ verhängt, während in anderen Orten Hunderte ohne Schutz oder Abstand über Stunden drängten. Die Aktien der börsennotierten Brauerei- und Abfüllunternehmen legten nach der Wiedereröffnung um bis zu 8 Prozent zu.

          Gedränge vor einem Laden in Neu-Delhi
          Gedränge vor einem Laden in Neu-Delhi : Bild: AFP

          Am Dienstag verhängte die Finanzverwaltung in Delhi dann eine zusätzliche Steuer, genannt „Special Corona Fee“, von 70 Prozent auf den Verkaufspreis von Alkohol. Die Alkoholsteuer ist eine der wichtigsten Einnahmequellen für die meisten der 36 Staaten. Später erhöhte Indien dann auch die Steuern auf Benzin und Diesel.

          Die Verbraucher spüren davon nichts, weil die Regierung schlicht den extrem gefallenen Einkaufspreis nicht an sie weiterreiche, hieß es. So aber füllen sich die Geldkoffer der Regierung. In vielen Bundesländern wird das Geld knapp, weil die Ausgangssperre das wirtschaftliche Leben in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft zum Erliegen gebracht hat, die Ausgaben aber steigen.

          Auf nicht genug Abstand stehen Stockhiebe: Zivilpolizist in Bombay
          Auf nicht genug Abstand stehen Stockhiebe: Zivilpolizist in Bombay : Bild: dpa

          Die offizielle Zahl der Ansteckungsfälle nähert sich derweil der Marke von 50.000 im Land der fast 1,4 Milliarden Menschen. Am Dienstag meldete Indien mit 3900 neuen Fällen die bislang höchste Zahl täglicher Ansteckungen. Die Testrate bleibt auf dem Subkontinent freilich weiterhin stark hinter derjenigen andere Länder zurück.

          Die Wirtschaftszeitung Economic Times meldet, in Bombay würden die Krankenhausbetten und die Betten auf den Intensivstationen für die rund 20 Millionen Menschen in der Stadt knapp, weil täglich mehr als 400 Fälle hinzukämen. Einige Infizierte müssten schon über Nacht auf der Straße ausharren, bis sie einen Platz bekämen. Sie zitiert Beamte mit dem Satz: „Jetzt für mehr Betten zu sorgen gleicht einem Pflaster auf einer gebrochenen Hand. Es fehlt an Ärzten, Schwestern und Pflegern.“

          Weitere Themen

          Wirtschaftsforscher senken Konjunkturprognose deutlich Video-Seite öffnen

          Anstieg von nur 2,4 Prozent : Wirtschaftsforscher senken Konjunkturprognose deutlich

          Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Prognose für das Wachstum der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr noch einmal deutlich abgesenkt. In ihrem Herbstgutachten gehen die Expertinnen und Experten nun von einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,4 Prozent in diesem Jahr aus – nach prognostizierten 3,7 Prozent im Frühjahr.

          Topmeldungen

          Innen nur 2-G: Und trotzdem bleibt, auch in diesem Braunschweiger Gasthaus, die Ansteckungsgefahr relativ groß.

          Vorschlag von Forschern : Acht Parameter gegen Corona

          Trotz 2-G-Regeln bleibt die Gefahr für eine Corona-Ansteckung in Innenräumen groß. Wissenschaftler um den Virologen Hendrik Streeck haben eine Checkliste entworfen, wie sich die Gefahr etwa in Restaurants verringern lässt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.