https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/chance-auf-britischen-premier-was-will-jeremy-corbyn-16368597.html

Jeremy Corbyn : Der Marxist kurz vor der Macht

Jeremy Corbyn Bild: Getty

Jeremy Corbyn hat jetzt Chancen, nächster britischer Premier zu werden. Was treibt den Mann an, der sich als eine Art Robin Hood sieht?

          5 Min.

          Ihre Regierung hat kein Mandat, keine Moral und, seit heute, auch keine Mehrheit mehr“, schmetterte Jeremy Corbyn nach Boris Johnsons Niederlage im Parlament dem konservativen Premier entgegen. Der Brexit-Kurs zerreißt die Konservative Partei, Johnsons Regierung taumelt. Schlägt jetzt Corbyns Stunde? Noch ist unklar, wie dem Labour-Vorsitzenden der Griff nach dem Amt des Premierministers gelingen kann. Johnsons Forderung nach Neuwahlen will er nicht zustimmen. Er will Johnsons Sturz per Misstrauensvotum und dann Premier werden. Die Liberaldemokraten und Tory-Rebellen zögern aber, ihm den Weg in die Downing Street zu bereiten.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Dass der Linksaußenpolitiker überhaupt in Greifweite der Regierungsmacht kommt, hätten Beobachter vor ein paar Jahren für absurd gehalten. Der heute 70 Jahre alte Corbyn war in seiner politischen Karriere die meiste Zeit Außenseiter, auch in seiner Partei, deren New-Labour-Wende in die Mitte unter Tony Blair er nicht mitmachte. Der Abgeordnete, der seit 1983 für den Wahlkreis Nord-Islington im Parlament sitzt, kein Auto besitzt und stets Rad fährt, galt als kauziger Altlinker.

          Auf die große Bühne sprang er vor vier Jahren, als er zu aller Überraschung von den Labour-Mitgliedern – darunter vielen neu eingetretenen jungen Linken – im September 2015 zum Vorsitzenden gewählt wurde. Für seine Kandidatur hatte er nur in letzter Minute die nötigen Unterstützungsunterschriften von 35 Abgeordneten der Labour-Fraktion zusammenbekommen. Das zeigt schon, wie wenig Rückhalt er im alten Parteiestablishment hat.

          Zickzackkurs zum Thema Brexit

          Corbyn hielt sich seitdem an der Spitze, trotz aller Versuche des früheren Parteiestablishments, ihn wieder wegzuräumen. Inzwischen hat er seine Machtbasis gefestigt. Dazu hat er sich mit einer Führungs- und Beraterriege von ähnlich links orientierten Leuten, zum Teil ehemaligen marxistisch-trotzkistischen Weggefährten, umgeben. Zu seinen engen Verbündeten zählen etwa Diane Abbott, die Schatten-Innenministerin mit jamaikanischen Wurzeln, der Stratege und frühere Journalist Seumas Milne, der Gewerkschafter Andrew Murray, der vier Jahrzehnte Mitglied der Kommunistischen Partei war, bevor er 2016 Labour beitrat, sowie der Schatten-Schatzkanzler John McDonnell, der maßgeblich das Wirtschaftsprogramm geschrieben hat.

          Unklar ist, wo Corbyn zum Thema Brexit wirklich steht. Er liebt die EU mit Sicherheit nicht. Vielmehr galt er als Brüssel-Kritiker. Die EU betreibe neoliberale Wettbewerbspolitik, beklagt er. Und er wollte die Brexit-Anhänger unter den Labour-Wählern nicht verlieren. Sein Zickzackkurs nach dem Referendum 2016 kostete ihn Stimmen, nun aber stemmt er sich gegen einen No-Deal-Brexit. Das unterstützt auch die britische Wirtschaft.

          Sein Wirtschaftsprogramm macht hingegen britische Unternehmer hoch nervös. Die in der City vielgelesene „Financial Times“ veröffentlichte eine ganze Artikelserie über „die Corbyn-Revolution“, aufgemacht in grellroter Optik. Corbyn, der sich als „demokratischer Sozialist“ sieht, will nicht nur die Privatisierungen der Thatcher-Zeit rückgängig machen und Eisenbahn, Strom-, Gas-, Wasserversorger, die Post und Teile der Stahlindustrie wieder verstaatlichen.

          Laut Programm sollen zudem alle größeren Unternehmen des Königreichs ein Zehntel ihres Kapitals an die Belegschaft beziehungsweise Fonds übertragen. Das würde sie etwa 300 Milliarden Pfund kosten. Zudem will Corbyn die Körperschaftssteuer um fast 20 Prozent erhöhen, Besserverdienende sollen mehr Einkommensteuer zahlen. Boni für Banker dürfte es gar keine mehr geben. Mit den Steuereinnahmen sollen höhere staatliche Investitionen in Schulen, den Gesundheitsdienst NHS und die Infrastruktur finanziert werden, auch höhere Defizite und Schulden scheut er nicht.

          Weitere Themen

          „Denkt nicht immer nur mit dem Kopf“

          Hellmut Wempe : „Denkt nicht immer nur mit dem Kopf“

          Hellmut Wempe gilt als Grandseigneur der Schmuck- und Uhrenbranche. Nach der erfolgreichen Expansion vergrößerte er den Uhrenservice. Jetzt ist der Hamburger Unternehmer im Alter von 90 Jahren verstorben.

          Topmeldungen

          Russland gedenkt des Sieges in Stalingrad vor 80 Jahren: Der russische Präsident Wladimir Putin bei seiner Rede in Wolgograd.

          80 Jahre nach Stalingrad : Putins große Lüge

          Es stimmt: Von der Ukraine gehen Gefahren aus. Aber nicht für das russische Volk, sondern für Putins Regime.
          Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD)

          Bundesinnenministerin : Faeser geht nur bei Wahlsieg nach Hessen

          Die Bundesinnenministerin will SPD-Spitzenkandidatin in Hessen werden. Ihr Berliner Amt will sie aber nur aufgeben, wenn sie tatsächlich in die Wiesbadener Staatskanzlei einziehen sollte.
          Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) spricht am Mittwoch bei einem Austausch mit malischen Unternehmerinnen und Unternehmern in Bamako.

          Lindner in Mali : Ein Trip wider die Zeitverschwendung

          Der Bundesfinanzminister wäre gerne häufiger bei der Truppe. Im Sahel versichert er den deutschen Soldaten die Bedeutung ihres Einsatzes – und setzt auf die Unterstützung der malischen Militärjunta.
          Beginn einer Kursrallye: Der Porsche-Börsengang in Frankfurt Ende September beim Dax-Tief von unter 12.000 Punkten.

          Nach Zinsentscheid der EZB : Partystimmung an der Börse

          Die Anleger werden trotz warnender Worte von EZB-Präsidentin Lagarde zuversichtlich. Sie hoffen auf ein Ende der Zinserhöhungen in den USA.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.