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Jeremy Corbyn : Der Marxist kurz vor der Macht

Jeremy Corbyn Bild: Getty

Jeremy Corbyn hat jetzt Chancen, nächster britischer Premier zu werden. Was treibt den Mann an, der sich als eine Art Robin Hood sieht?

          5 Min.

          Ihre Regierung hat kein Mandat, keine Moral und, seit heute, auch keine Mehrheit mehr“, schmetterte Jeremy Corbyn nach Boris Johnsons Niederlage im Parlament dem konservativen Premier entgegen. Der Brexit-Kurs zerreißt die Konservative Partei, Johnsons Regierung taumelt. Schlägt jetzt Corbyns Stunde? Noch ist unklar, wie dem Labour-Vorsitzenden der Griff nach dem Amt des Premierministers gelingen kann. Johnsons Forderung nach Neuwahlen will er nicht zustimmen. Er will Johnsons Sturz per Misstrauensvotum und dann Premier werden. Die Liberaldemokraten und Tory-Rebellen zögern aber, ihm den Weg in die Downing Street zu bereiten.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Dass der Linksaußenpolitiker überhaupt in Greifweite der Regierungsmacht kommt, hätten Beobachter vor ein paar Jahren für absurd gehalten. Der heute 70 Jahre alte Corbyn war in seiner politischen Karriere die meiste Zeit Außenseiter, auch in seiner Partei, deren New-Labour-Wende in die Mitte unter Tony Blair er nicht mitmachte. Der Abgeordnete, der seit 1983 für den Wahlkreis Nord-Islington im Parlament sitzt, kein Auto besitzt und stets Rad fährt, galt als kauziger Altlinker.

          Auf die große Bühne sprang er vor vier Jahren, als er zu aller Überraschung von den Labour-Mitgliedern – darunter vielen neu eingetretenen jungen Linken – im September 2015 zum Vorsitzenden gewählt wurde. Für seine Kandidatur hatte er nur in letzter Minute die nötigen Unterstützungsunterschriften von 35 Abgeordneten der Labour-Fraktion zusammenbekommen. Das zeigt schon, wie wenig Rückhalt er im alten Parteiestablishment hat.

          Zickzackkurs zum Thema Brexit

          Corbyn hielt sich seitdem an der Spitze, trotz aller Versuche des früheren Parteiestablishments, ihn wieder wegzuräumen. Inzwischen hat er seine Machtbasis gefestigt. Dazu hat er sich mit einer Führungs- und Beraterriege von ähnlich links orientierten Leuten, zum Teil ehemaligen marxistisch-trotzkistischen Weggefährten, umgeben. Zu seinen engen Verbündeten zählen etwa Diane Abbott, die Schatten-Innenministerin mit jamaikanischen Wurzeln, der Stratege und frühere Journalist Seumas Milne, der Gewerkschafter Andrew Murray, der vier Jahrzehnte Mitglied der Kommunistischen Partei war, bevor er 2016 Labour beitrat, sowie der Schatten-Schatzkanzler John McDonnell, der maßgeblich das Wirtschaftsprogramm geschrieben hat.

          Unklar ist, wo Corbyn zum Thema Brexit wirklich steht. Er liebt die EU mit Sicherheit nicht. Vielmehr galt er als Brüssel-Kritiker. Die EU betreibe neoliberale Wettbewerbspolitik, beklagt er. Und er wollte die Brexit-Anhänger unter den Labour-Wählern nicht verlieren. Sein Zickzackkurs nach dem Referendum 2016 kostete ihn Stimmen, nun aber stemmt er sich gegen einen No-Deal-Brexit. Das unterstützt auch die britische Wirtschaft.

          Sein Wirtschaftsprogramm macht hingegen britische Unternehmer hoch nervös. Die in der City vielgelesene „Financial Times“ veröffentlichte eine ganze Artikelserie über „die Corbyn-Revolution“, aufgemacht in grellroter Optik. Corbyn, der sich als „demokratischer Sozialist“ sieht, will nicht nur die Privatisierungen der Thatcher-Zeit rückgängig machen und Eisenbahn, Strom-, Gas-, Wasserversorger, die Post und Teile der Stahlindustrie wieder verstaatlichen.

          Laut Programm sollen zudem alle größeren Unternehmen des Königreichs ein Zehntel ihres Kapitals an die Belegschaft beziehungsweise Fonds übertragen. Das würde sie etwa 300 Milliarden Pfund kosten. Zudem will Corbyn die Körperschaftssteuer um fast 20 Prozent erhöhen, Besserverdienende sollen mehr Einkommensteuer zahlen. Boni für Banker dürfte es gar keine mehr geben. Mit den Steuereinnahmen sollen höhere staatliche Investitionen in Schulen, den Gesundheitsdienst NHS und die Infrastruktur finanziert werden, auch höhere Defizite und Schulden scheut er nicht.

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