https://www.faz.net/-gqe-7n5o5

Zukunft der Computermesse : Die Cebit braucht neue Impulse

Bereit zur Probefahrt: VW-Chef Martin Winterkorn, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil, der britische Regierungschef David Cameron, Kanzlerin Angela Merkel und Bitcom-Präsident Dieter Kempf bei der Cebit-Eröffnungsfeier am Sonntag in Hannover. Bild: REUTERS

Europas führende Computermesse steht am Scheideweg: Wird sie wieder Teil der Industriemesse? Oder bringen Initiativen wie der Start-up-Wettbewerb Code-N den Schwung zurück?

          5 Min.

          Die Computermesse Cebit verliert in der deutschen IT-Industrie ihre Freunde. Beinahe alle großen Unternehmen haben nach Informationen der F.A.Z. in den vergangenen Jahren geprüft, ob es nicht besser wäre, sich den teuren Messestand in Hannover vollkommen zu sparen. Offiziell zu Protokoll geben will es niemand, aber aus der Sicht der Aussteller kommen nicht nur zu wenig Besucher – sondern auch die falschen. „Es kommen eigentlich nur noch Deutsche, und der Vertrieb sagt, die meisten davon kommen davon aus Norddeutschland“, sagt ein hoher deutscher IT-Manager. Und ein anderer überlegt, ob es nicht besser wäre, das Geld für den Cebit-Auftritt in eine eigene Veranstaltung zu investieren.

          Einig sind sich alle in einem Punkt: Die Cebit und die etwas später in Hannover stattfindende Industriemesse wachsen im Zeitalter des „Internets der Dinge“, das alle Maschinen und Produkte digital miteinander vernetzt, thematisch ohnehin zusammen. Platz auf dem Messegelände in Hannover gibt es genug – warum als nicht lieber früher als später beide Messen zusammenlegen? Dann endlich seien auch wieder mehr Besucher aus aller Welt an den Ständen zu erwarten.

          Reine Geschäftskundenmesse

          Die Idee ist nicht ganz neu, spielt die Informationstechnologie doch in zahlreichen Branchen wie dem Maschinen- oder dem Automobilbau eine immer größere Rolle. „IT ist eine Querschnittstechnologie“, sagt Christian Illek, Deutschlandchef von Microsoft. Thematisch komme da vieles zusammen, was zusammen gehöre. Ob das aber logistisch mit einer gemeinsamen Industrie- und IT–Messe zu stemmen sei, bleibe derzeit aber noch fraglich. So haben sich der IT-Branchenverband Bitkom und die Deutsche Messe AG in Hannover als Cebit-Veranstalter bisher stets für die Ausrichtung der Cebit entschieden. Zum einen geht es um viel Umsatz mit einer noch immer wichtigen Messe, zum anderen müsste sich die IT-Branche viel Aufmerksamkeit mit anderen Industriezweigen teilen, ginge sie in der „normalen“ Hannover Messe auf.

          IT-Manager stellen sich aber auch die Frage, ob nicht gerade diese Verzahnung genau das richtige Signal wäre, angesichts der Technik-Trends der Zukunft. Denn die Welt der Wirtschaft steckt mitten in ihrer vierten industriellen Revolution. Es geht um kommunizierende Maschinen, selbstbestimmte technische Systeme, kleine Rechner mit großer Wirkung. Allein in Deutschland setzt die IKT-Industrie, also IT- und Kommunikationsunternehmen zusammen, mehr als 150 Milliarden Euro um und beschäftigt knapp 1 Million Menschen. Und während die Amerikaner mit Unternehmen wie Apple, Google oder Facebook auf weiten Teilen der Konsumseite der Branche den Ton angibt, machen sich die Europäer unter ihrer digitalen Agenda daran, das sogenannte industrielle Internet voranzutreiben.

          Die Halle der Gründer: In Halle 16 ist auf der Cebit das große Treffen der Start-up-Branche des Code-N-Wettbewerbs
          Die Halle der Gründer: In Halle 16 ist auf der Cebit das große Treffen der Start-up-Branche des Code-N-Wettbewerbs : Bild: Frank Stolle

          „Wir haben Maschinen mit Prozessoren und Komunikationssensoren ausgestattet, die eine Menge neuer Daten liefern und untereinander austauschen“, sagt Henning Kagermann, Professor für Physik, einstiger Vorstandsvorsitzender der Softwarekonzerns SAP und heute Präsident der Akademie der Technikwissenschaften (Acatec). „Nun schaffen wir Plattformen, auf denen mit diesen Daten neue Geschäftsmodelle generiert werden können.“ Kagermann gilt als einer der Väter der „Industrie 4.0“. Auf der Cebit wird er Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Strategiepapier für die weitere Digitalisierung der Wirtschaft in die Hand geben.

          Vor diesem Hintergrund will sich auch die Cebit in einem weiteren Rettungsversuch zunächst zu einer zu einer reinen Geschäftskundenmesse mausern. So werden unter dem diesjährigen Messethema „Datability“ Themen wie das Management riesiger Datenmengen, das sogenannte „Big Data“, das Cloud Computing, also die via Rechenzentren zentral gesteuerte und verwaltete Informationen, und eben das industrielle Internet gebündelt. „Die vierte industrielle Revolution ist durch eine noch nie da gewesene Vernetzung über das Internet gekennzeichnet. Bis 2020 – so lauten die Prognosen – werden 6,5 Milliarden Menschen und 18 Milliarden Objekte miteinander vernetzt sein. So entsteht ein Internet der Dinge, Daten und Dienste oder ein Internet of everything“, sagt Kagermann.

          Weitere Themen

          Investor kauft die Ideenschmiede von Daimler

          Lab 1886 : Investor kauft die Ideenschmiede von Daimler

          In seinem Zukunftslabor entwickelte Daimler innovative Geschäftsmodelle außerhalb der klassischen Automobilproduktion. Nun zahlt der IT-Unternehmer Ulrich Dietz 100 Millionen für das „Lab 1886“ und übernimmt auch alle Patente.

          Topmeldungen

          Gute Bekannte: Joe Biden mit dem früheren amerikanischen Außenminister John Kerry, der Sonderbeauftragter für Klimaschutz werden soll

          Team aus alten Weggefährten : Das soll Bidens Kabinett werden

          Mehr Frauen, weniger schillernde Figuren – und ein deutliches Bekenntnis zum Klimaschutz: Joe Bidens künftiges Kabinett bildet einen deutlichen Kontrast zu dem seines Amtsvorgängers.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.