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Google Glass auf der Cebit : Der Computer im Gesicht - eine Befreiung?

Bild: dpa

Auf der Cebit bemühte sich ein Google-Mitarbeiter, die Vorteile von Google-Glass herauszuarbeiten. Es gehe darum, die Kontrolle über unsere Daten zurückzugewinnen. Was das bedeutet, konnte man live beobachten.

          Vor etwa einem Monat verbreitete sich ein Foto via Twitter: Zu sehen sind ein normaler Bahnsteig und normale Menschen, die auf den Zug warten. Die Ironie liegt im Detail: Bis auf einen jungen Mann im Hintergrund schauen alle auf ihr Smartphone. Der Fotograf markierte seinen Kopf und schrieb: „Was zum Teufel ist mit dem Typen nur los?“

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik.

          Ausgerechnet dieses Bild führte ein Google-Mitarbeiter heute bei der Vorstellung von Googles neuer Informations-Allzweckwaffe als Beispiel an. Das Google-Glass, sagte der junge Mann in einem kleinen Vorführraum und im Beisein einer Handvoll Besucher, habe zum Ziel, ähnliche Momentaufnahmen ins Reich der Vergangenheit zu verbannen. Google wolle erreichen, dass niemand mehr auf sein Handy schauen müsse oder auf unnatürliche Weise nach unten. Es gehe darum, den Menschen einen Computer im Gesicht zu installieren, damit er aus ihrem Leben verschwinde.

          Das Argument erinnert an jene Etikette, die der Konzern vor kurzem für seine zahlreichen Tester in den Vereinigten Staaten formuliert hat: Das Google Glass, heißt es dort, befreie seinen Benutzer und ermögliche es ihm, nach oben zu schauen und sich mit der Welt zu beschäftigen, statt sich von ihr abzulenken: „Triff Dich mit Deinen Freunden, lass Dich zu einem fantastischen neuen Restaurant leiten und hol Dir ein Update für den verschobenen Flug.“

          Das klingt wie eine Befreiung. Als wolle uns Google erlösen von der Last der Daten, die wir täglich verarbeiten müssen, und uns einen Teil der Kontrolle zurückgeben. Aber ist das wirklich so? Ist nicht eher das Gegenteil der Fall, wenn unsere Computer mit unseren Gesichtern verschmelzen, nämlich dass sie dann überall sind, statt nirgendwo? Ende des vergangenen Jahres gelangte der Berliner Philosoph Byung-Chul Han in seinem Buch „Im Schwarm. Ansichten des Digitalen“ zum Schluss, das Google Glass rücke uns so sehr auf den Leib, dass es als Teil des Körpers wahrgenommen werde. „Es vollendet die Informationsgesellschaft, indem es das Sein mit der Information vollständig zusammenfallen lässt.“

          Der Google-Mitarbeiter betonte derweil die Vorteile der Brille. Unter dem Hashtag „#ifihadglass“ hätten potentielle Nutzer Vorschläge machen können, wie man das Google Glass nützen könne, und es sei ein Kaleidoskop an Einsatzmöglichkeiten herausgekommen, dass die Techniker allein nie für möglich gehalten hätten. Feuerwehrmännern könnte die Brille zum Beispiel verraten, welches Automodell sie vor sich haben, um eingeklemmte Personen daraus freizuschneiden. Und sogar von einem Tennisprofi in Wimbledon sei sie schon getestet worden. Dem Trainer hätten die Videoaufnahmen der Vorbereitungsspiele einmalige Einblicke in die Perspektive seiner Schülerin geboten. Leider, fügte der Google-Mitarbeiter mit vielsagendem Lächeln hinzu, gebe es da noch diesen alten Paragraphen, der die Benutzung der Brille im Wettkampf unmöglich gemacht habe.

          Google: Auch die Erfindung der Fotografie hat früher viele verängstigt

          Die Sorgen der Datenschützer verglich er mit der Angst vor dem Kodak-Mann kurz nach der Erfindung der Fotografie. Damals sei ein als Automat verkleideter Mann durch die Städte getingelt, um den Leuten die Vorzüge der neuen Technik nahezubringen und ein kostenloses Foto von ihnen zu schießen. Doch nicht nur habe es wütende Leitartikel in fast allen Zeitungen gegeben, er sei auch mehrfach auf offener Straße angegriffen worden.

          Seine Kritik an der immer noch weit verbreiteten Technikfeindlichkeit mochte einen wahren Kern haben und die Vorteile von Google Glass liegen auf der Hand, nur richten sich die Einwände der Datenschützer nicht gegen die Brille selbst, sondern seine Einsatzmöglichkeiten. Die Fotografie ermächtigte seine Nutznießer, den Gesichtsausdruck ihrer Menschen festzuhalten. Aber um sie zu teilen, musste das Bild erst entwickelt, vervielfältigt und auf dem Postweg versandt werden. Das Google Glass kann Videos aufnehmen und verbreitet sie per Knopfdruck oder Sprachbefehl über die sozialen Netzwerke in der ganzen Welt.

          Aber vielleicht ist das auch gar nicht mehr problematisch? Erst vor wenigen Tagen ließ Google-Manager Eric Schmidt auf der SXSW-Konferenz in Texas durchblicken, Privatspähre sei ein eher zweitrangiges Problem. Und während die Besucher der kleinen Vorstellung abwechselnd das Google-Glass und seine Befehle ausprobierten („Wo bin ich?“), wurde ein weiteres Modell in Orange herumgereicht, das nicht an den Strom angeschlossen war, sich also nur zum Selbstportrait eignete: Eine Bloggerin setzte die Brille auf, schoss ein Selfie, postete es auf Twitter und beobachtete anschließend ostentativ, wie die Zahl ihrer Retweets nach oben schnellte. Wenn die Fähigkeit zur Selbstaustellung so ausgeprägt ist, stört es dann überhaupt noch, wenn man durch das Google-Glass auch von anderen jederzeit ausgestellt werden kann?

          Nachdem das Bahnsteig-Foto sich verbreitet hatte, sagte der Fotograf in einem Interview, er habe einen zufälligen Moment einfangen können. Normalerweise schaue er doch genauso auf das Smartphone. „Erst kürzlich habe ich einen Artikel auf dem Telefon gelesen und mit der anderen Hand in der Hosentasche nach dem Telefon gesucht“.

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