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iPhone-Streit mit FBI : Apples Doppelmoral

  • -Aktualisiert am

Apple wehrt sich dagegen, für das FBI seine iPhones zu entschlüsseln. Dabei ist das in China faktisch längst Realität. Bild: Reuters

Dass Apple sich im Streit mit dem FBI als Datenschützer gibt, demonstriert die schlichte Doppelmoral des Konzerns. Denn in China hat die Regierung längst Zugriff auf die iPhones. Ein Gastbeitrag.

          Der Aufstand von Apple gegen das FBI macht Schlagzeilen. Endlich, so scheint es, schlagen die IT-Giganten gegen die Überwachungsinteressen der Regierungen zurück. Von Apple-Chef Tim Cook zumindest hört man entsprechende Schwüre auf Freiheit und Demokratie. Man wolle niemals auch nur damit anfangen, das iPhone abhörbar zu machen. Wenn dies in den Vereinigten Staaten gelänge, so Cook und die Apple Anwälte vor kurzem, was würden repressive Regime dann verlangen?

          Sandro Gaycken ist Direktor des Digital Society Institute Berlin. Er zählt zu den führenden Experten im Bereich der IT-Sicherheit.

          Mit dieser Aussage allerdings hat Apple eine rote Linie übertreten, direkt auf die Füße vieler IT-Experten der amerikanischen Regierung. Denn Apple ist in Sicherheitskreisen schon lange dafür bekannt, für seinen Profit eben doch mit repressiven Regimen zu kooperieren. Vor allem mit China, seinem zweitgrößten Markt. Eine Geschichte, die bereits länger zurück geht. Als das iPhone 4S in den chinesischen Markt kam, musste es mit einem chinesischen Wifi-Chip, dem WAPI, ausgestattet werden. Ein Chip, der die Apple-Verschlüsselung ausschaltete und seine eigene nutzte, mit Algorithmen, die nie offengelegt wurden. Und der nebenbei weitere Daten auf unbekannten Frequenzen sendete. Der internationale Markt hat den Chip nie akzeptiert: ein sicherer Kandidat für Hintertüren. Apple verbaute ihn in China ohne Widerworte oder irgendwelche weiteren Ankündigungen.

          Und dabei ist es nicht geblieben. Ein jüngeres Beispiel ist die iCloud. Seit 2014 werden die Daten chinesischer iCloud-Nutzer nur noch in China gelagert. Ein Deal zwischen Apple und Peking, vermutlich um das iPhone 6 verkaufen zu dürfen, das kurz danach freigegeben wurde. Und ein Deal, der nicht wie im heroischen Kampf gegen das FBI öffentlich angekündigt wurde, sondern einer, der erst nach einem Leak überhaupt bestätigt wurde. Apple behauptete dann zur Ehrenrettung im Westen, dass der die Daten vorhaltende Provider aufgrund der Verschlüsselung keinen Zugriff auf die Inhalte hätte.

          Schlichte Doppelmoral

          Aber das ist eine mit Vorsicht zu lesende Aussage. China Telecom mag nicht auf die Daten zugreifen dürfen oder können. Aber die Behörden dürfen dies ganz sicher. Die Gesetze sind da mehr als eindeutig. Und sie sind vermutlich auch dazu in der Lage. Gerüchte aus amerikanischen Sicherheitskreisen besagen, dass Apples Verschlüsselung in China staatlich verordnete Variationen hat über sich ergehen lassen müssen. Doch selbst wenn nicht, dürfte Peking Zugriff haben.

          Hier kommt ein Kuriosum der aktuellen FBI-Anfrage zum Tragen. Apple hat nämlich immer behauptet, selbst sie könnten nicht die eigene Verschlüsselung aufheben. Wenn sie dazu aber nicht in der Lage sind – warum gibt es dann überhaupt den Streit mit dem FBI? Scheinbar lässt sich die Verschlüsselung eben doch appleseitig aufheben. Das wird die chinesische Regierung wissen. Und das wird sie sich auch nicht entgehen lassen.

          Auch mit der Kundenkommunikation ist Apple in China weit weniger liberal und offen als im aktuellen Streitfall. So kam es dort bereits kurz nach dem Verkauf des iPhone 6 zu einem massiven Angriff auf die Datenwege zwischen iPhones und iCloud, bei dem der Angreifer – Hinweise verdichteten sich um die chinesische Regierung – mittels gefälschter Apple-Zertifikate alle Nutzernamen und Passwörter der chinesischen iPhone-Nutzer abgefischt hat. Aller chinesischen iPhone-Nutzer. Apple probte aber keinen Aufstand, sondern schrieb nur eine Beruhigungsmail an die Nutzer: iCloud-Server wurden nicht kompromittiert und sowohl iCloud als auch iOS funktionierten weiter. Dass alle Passwörter auf den Zwischenwegen ausgeleitet wurden, fand man nicht erwähnenswert. Ebenso wenig wie die Hinweise auf die chinesische Regierung.

          Das plötzliche Engagement zu Datenschutz und Menschenrechten ist also eher schlichte Doppelmoral. Der einzige Wert, dem Apple wirklich huldigt, ist Profit. Wenn man dafür im Osten Überwachung einbauen muss, gibt es Überwachung. Wenn man im Westen den Rebellen gegen Überwachung markieren muss, macht man eben das. Dumm nur, wenn zwei so widersprüchliche Verhaltensweisen direkt nebeneinander gelegt werden. Vermutlich aber auch egal. Denn wie schon bei allen anderen fragwürdigen Aktivitäten des Apfelkonzerns werden ihm seine Jünger auch dieses Mal verzeihen. Moral steht im Lifestyle-Werte-Mischmasch durchschnittlicher Apple-Fans chronisch weit unter Design. Gut für Tim Cook.

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