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Wenn Startups scheitern : Aufstehen, Mund abputzen, weitergründen!

  • -Aktualisiert am

Martin Klässner hat schon drei Unternehmen gegründet Bild: Krüger

Ein Unternehmen fährt krachend an die Wand. Der Gründer macht weiter. Ein Text über das Scheitern.

          Mal ganz ehrlich: Im Grunde ist dieser Text gescheitert. Das Hirn habe ich mir zertrümmert für einen passenden Anfang. Der richtige Einstieg, den braucht es doch, damit der Leser sich mit diesem Text befassen will. Doch mir fiel einfach nichts ein. Ich bin gescheitert, beim Schreiben über das Scheitern und das gleich zu Beginn. Nicht so arg wie der Protagonist, der folgt, aber immerhin ein ganz klein wenig.

          Martin Klässner, 32, kennt sich mit dem Thema aus. Mit 18 Jahren gründet  er neben dem Abitur sein erstes Unternehmen, das interaktive Kiosksysteme herstellt. Die Eltern, der Vater Beamter und die Mutter beim Arzt angestellt, sind nicht begeistert. Doch Klässner ist das egal. Erst zu studieren ist für ihn keine Lösung. Es ist die Zeit des Internetbooms und Gründer verdienen schnell viel Geld. Das ist sein Ziel. Die ersten Aufträge kommen rein, die ersten Projekte laufen an, er stellt seinen ersten Mitarbeiter ein. Es läuft gut, jedes Jahr wächst die Firma um mehr als zehn Prozent.

          Gewinne reinvestiert Klässner in die Entwicklung neuer Innovationen. Geld für schlechte Zeiten legt er nicht zur Seite –ein Fehler, wie sich herausstellen wird. Denn mit der Finanzkrise hat er nicht gerechnet.  „Dann stehst du auf einmal da und bekommst vier Monate einfach gar keinen Auftrag“, erinnert er sich heute.  Seine zwei größten Kunden strichen damals ihre Jahresetats komplett. Die Kosten schluckten die Firma. Die Insolvenz kam im April 2010. Gute zehn Jahre hielt Klässner mit seiner ersten Firma durch. „Dann bist du erst mal vier Wochen komplett am Boden“, sagt Klässner.

          Er hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Sich selbst in einer Firma anstellen lassen, das wollte er nicht mehr. Also musste es irgendwie weitergehen.  Neu denken, eine Idee finden und wieder eine Firma gründen, das war die Devise. Nach acht Wochen stand das neue Unternehmen, ein Hersteller von Ladestationen für Elektrofahrzeuge. Später trennte er sich von diesem Unternehmen und gründete wiederum ein neues. Dieses Mal eine Abrechnungsplattform für Ladestationen, die er jetzt auf der Cebit präsentiert.

          Häme und Spott sind normal

          „Wenn du einmal gescheitert bist, dann reden dich extrem viele Leute blöd darauf an“, sagt Klässner. Häme und Spott seien normal. Für viele Außenstehende sei er bis heute „der Loser“.  Anders sei es unter Gründern. Hier traf Klässner auf viel Respekt für seine Entscheidung, nach der Insolvenz wieder von vorne zu beginnen. Das beobachtet auch der Bundesverband Deutscher Startups. „In der Szene ist es kein Tabu mehr, hier zählt die Erfahrung und die Frage was du gelernt hast“, sagt der stellvertretende Vorsitzende Sascha Schubert. In Deutschland schaffen es nach Angaben des Verbandes nur 30 bis 50 Prozent der Startups, dauerhaft zu bestehen.

          Sich von Ideen zu trennen, die nicht realisierbar sind, sei grundsätzlich schwierig. „Ich glaube, dass solche Entscheidungen nur aus Erfahrung getroffen werden können“, sagt Klässner.  Jeder Gründer müsse eigentlich ein oder zwei Mal mit seinem Unternehmen scheitern, um das zu lernen. Rückblickend hätte Klässner viele Entscheidungen in seiner ersten Firma anders treffen sollen. „Am Anfang ist doch jeder von seinem Produkt überzeugt.“ Jeder empfinde das, was er mache, für das Richtige. Besonders die ersten Jahre seien die Zeit der Fehlentscheidungen. Heute rät er dazu, von Anfang an Eigenkapital aufzubauen – nur so sei die Firma für schlechtere Zeiten gesichert. Doch solche bewussten Entscheidungen treffe ein Gründer eigentlich erst, wenn er mindestens einmal gescheitert ist.

          Und, ist sie nun berechtigt, die Angst vor dem Scheitern? Kann das, was wir da als Niederlage empfinden, überhaupt als „Scheitern“ bezeichnet werden? „Ja und Nein, ein hartes Scheitern mit Insolvenz hat oft gravierende persönliche Konsequenzen“, sagt Schubert. Etwas Neues zu Starten ohne das Risiko des Fehlschlagens ist nicht möglich. Etwas Neues starten. Für Martin Klässner bleibt das die Erfüllung. Sollte er nochmal mit einem Unternehmen, mit einer Idee scheitern, wird er wieder von vorne anfangen. Immer wieder. Und ich mit meinen Texten auch.

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