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Cebit-Partnerland Schweiz : Wo den Tüftlern ein Licht aufgeht

Häuserfront in Zürich: Den Fachkräftemangel bekommen auch Start-ups zu spüren. Bild: Rainer Wohlfahrt

Zwischen Genf und St. Gallen gibt es eine lebendige Start-up-Szene. Doch die Politik baut Hürden auf, die die Jungunternehmer zu teils drastischen Schritten zwingen.

          „Osram und Philips stehen bei uns schon auf der Matte“, sagt Stefanie Turber. Aber noch will sie ihre Erfindung nicht den Giganten im Lichtgeschäft in den Rachen werfen. Zu verheißungsvoll seien die Perspektiven ihrer intelligenten Leuchte. Zusammen mit dem Informatiker Marcus Köhler hat die Betriebswirtin ein Licht mit eingebautem Schutzfaktor entwickelt und - als Spin-off der ETH Zürich und der Universität St. Gallen - die Comfylight AG gegründet. Ihr Produkt kommt im Mai zum Preis von etwa 100 Euro auf den Markt: eine LED-Lampe, die Einbrecher abschrecken soll.

          Johannes Ritter

          Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.

          Und das geht so: In der Leuchte sind Sensoren, die sich das Bewegungsmuster der Hausbewohner (einschließlich Hund oder Katze) merken. Sobald diese das Haus verlassen, schalten sich die Lampen automatisch so ein und aus, als wären die Hausherren noch daheim. Falls ein Ganove einbricht, werden die Bewohner sowie gegebenenfalls auch die Nachbarn via Smartphone alarmiert. Zugleich fangen die Lichter im Haus wie verrückt an zu blinken, um den Eindringling zu verjagen.

          Mehr Texte und Informationen zur IT-Messe CeBIT in Hannover finden Sie auf unserer Themenseite.

          Die mit etlichen Gründer- und Förderpreisen dekorierten Jungunternehmer, die Bosch zu ihren Kapitalgebern zählen, werden ihre schlauen Birnen neben 70 weiteren Schweizer Ausstellern auf der Cebit in Hannover präsentieren. Die Schweiz ist dieses Jahr das Partnerland der IT-Messe. Eine gute Wahl, denn die Eidgenossenschaft steht seit Jahren an der Spitze des „Global Innovation Index“, der von der amerikanischen Cornell University und der französischen Insead ermittelt wird.

          Der Erfindergeist spiegelt sich auch in den mehr als 7000 Schweizer Patenten aus der Schweiz, die allein im vergangenen Jahr beim Europäischen Patentamt angemeldet wurden. Damit steht die Eidgenossenschaft auf Rang 6 in der Welt. Stellt man die Patentanträge ins Verhältnis zur Einwohnerzahl, liegt die Schweiz unangefochten an der Spitze mit großem Abstand vor Deutschland, Japan und den Vereinigten Staaten. Am Kernforschungszentrum Cern in der Nähe von Genf wurde vor einem Vierteljahrhundert das World Wide Web geboren.

          Per iPad zur richtigen Zug-Geschwindigkeit

          Abgesehen von forschungsstarken Konzernen wie Roche, Novartis, ABB und Nestlé zählen die beiden technischen Hochschulen in Zürich (ETH) und Lausanne (EPFL) zu den größten Innovationstreibern. Die ETH, die in der Spitzenforschung einen Ruf wie Donnerhall hat, unterstützt ihre Studenten und Doktoranden dabei, aus Forschungsprojekten marktfähige Unternehmungen zu machen. Zu den weit mehr als 300 Spin-offs, die sich über die Jahre aus dieser Lehranstalt herausgeschält haben, zählt auch Nexiot.

          Die 2015 in Zürich gegründete Firma hat ein Gerät entwickelt, das bereits testweise in der Seeschifffahrt eingesetzt wird. Das handgroße Teil wird auf einen Container geklebt und liefert dem Reeder laufend Informationen darüber, wo sich die Box mit welchem Inhalt gerade genau befindet. Praktikabel ist dieses System, das ein bessere Steuerung und Auslastung der Kapazitäten verheißt, deshalb, weil der elektronische Helfer nicht auf hoher See aufgeladen werden muss. „Das Gerät verbraucht so wenig Energie, dass es mindestens fünf Jahre durchhält“, sagt der Nexios-Manager Daniel MacGregor. Mit Hilfe von Solar- oder Vibrationsenergie lasse sich die Laufzeit auf zehn Jahre verdoppeln. Das System, ein Paradebeispiel für das Internet der Dinge, eigne sich auch für den Güterverkehr auf der Straße und der Schiene.

          Mit der Digitalisierung ihres rollenden Materials hat die Schweizer Bahn (SBB) bereits sehr gute Erfahrungen gesammelt. Dass sie zu den pünktlichsten Bahngesellschaften der Welt zählt (wohl nur übertroffen von den Japanern), beruht nicht zuletzt auf ihrem „Rail Control System“ (RCS). Dahinter steckt eine selbst entwickelte Software, welche die Verkehrsabläufe auf dem 3000 Kilometer langen Schienennetz präzise erfasst und sekündlich optimiert. „Unser System macht automatisch Vorschläge, wie man unsere 10.000 Züge am besten steuern und nutzen sollte“, erläutert der SBB-Vorstand Peter Kummer.

          Das System meldet dem Lokomotivführer via iPad die optimale Geschwindigkeit, damit dieser gar nicht erst vor einem roten Signal zum Stehen kommt. Wenn weniger gebremst und beschleunigt wird, wird auch weniger Material verschlissen und weniger Energie verbraucht. „Wir sparen damit 20.000 Franken pro Tag“, sagt Kummer. Stolz berichtet er, dass „die große Deutsche Bahn“ beschlossen habe, „der kleinen SBB“ diese Software abzukaufen. Es werde aber wohl noch drei Jahre dauern, bis die Deutsche Bahn es voll einsetzen könne.

          Standortverlagerung ins Ausland

          Also eitel Sonnenschein in der digitalen Schweiz? Nein. Der Mangel an Fachkräften macht vielen innovationsgetriebenen Unternehmen - ob jung oder alt - schwer zu schaffen. Dabei gibt es ganz spezifische Schweizer Hürden, wie der Aufschrei des leitenden Google-Ingenieurs Julien Borel jüngst zeigte. Google beschäftigt in Zürich 1600 Mitarbeiter; es könnten aber noch mehr sein: Borel beschwerte sich in der „NZZ“ darüber, dass es inzwischen sehr schwierig sei, Arbeitsbewilligungen für Ausländer zu bekommen, die nicht aus der EU kommen. In der Folge habe Google die Mitarbeiter vermehrt in Großbritannien angesiedelt anstatt in der Schweiz. In seiner Abteilung habe es 2015 zwei Zugänge in Zürich gegeben, aber 20 in London.

          Für Leute aus sogenannten Drittstaaten wie Amerika, Indien oder Japan gibt es in der Schweiz bestimmte Kontingente, die im vergangenen Jahr um rund ein Drittel reduziert wurden. Wenn die Schweiz die 2014 angenommene Initiative „gegen Masseneinwanderung“ eins zu eins in die Praxis umsetzt, könnte es künftig auch Kontingente für EU-Bürger geben. „Das wäre eine absolute Katastrophe“, sagt Andreas Kaelin, Geschäftsführer des IT-Dachverbands ICT Switzerland. Die Branche sei dringend auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Ohne diese würden gewisse technologische Entwicklungen künftig im Ausland stattfinden. „Für die IT- und Hightech-Industrie der Schweiz wäre das ein schwerer Schlag.“

          Die Standortverlagerung hat de facto bereits begonnen, wie das Beispiel Comfylight zeigt: Die Jungunternehmerin Stefanie Turber brauchte dringend Softwareentwickler. Gefunden hat sie diese aber nicht in Zürich, sondern in München. Dort hat das Start-up jetzt einen zweiten Standort aufgemacht.

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