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Computermesse Cebit : 40 Prozent weniger Besucher – „ein voller Erfolg“

Das Kind im Mann: Spielerisches auf der Cebit Bild: dpa

Zwar besuchen die Cebit deutlich weniger Menschen, doch dafür kommen die „Influencer“ – und es gibt sogar ein neues Konzept. Das lockt nicht nur anderes Publikum an, sondern lässt die Messe auch ein positives Fazit ziehen.

          Wie Wandel aussieht, zeigt Nina Schwichtenberg mit zwei Fotos. Auf dem einen steht sie irgendwo auf dem Bürgersteig einer deutschen Stadt. Sie trägt eine viel zu große Sonnenbrille, einen beigen Schal und eine Jacke. Ein Schnappschuss, Schwichtenberg sieht darauf aus wie eine normale Passantin. Auf dem zweiten Bild posiert sie zwischen Palmen im Joshua-Tree-Nationalpark in Kalifornien, mit Hut und langem weißen Rock. Das Bild könnte glatt aus einem Modekatalog stammen. Zwischen den beiden Fotos liegen sechs Jahre und mehr als 200.000 Follower auf der Fotoplattform Instagram. Schwichtenberg ist hauptberuflich Modebloggerin, mit ihrem Freund Patrick Kahlo hat sie die Plattform Fashiioncarpet gegründet. „Wir hatten keine Ahnung von nichts“, sagt Kahlo, heute gehört das Pärchen zu den bekanntesten Modebloggern in Deutschland. Sie sind das, was man heute Influencer nennt.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Jonas Jansen

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für die „Netzwirtschaft“.

          Schwichtenberg, 27 Jahre alt, ist genau das, was man auf der Cebit nicht erwartet. Deshalb wurde sie gebucht an diesem Freitag, dem letzten Tag der Computermesse in Hannover. Sie ist einer von vielen Influencern und Marketingfachleuten, die auf der Bühne in Halle 27 erklären, wie es heutzutage gelingt, auf Plattformen wie Instagram oder Youtube erfolgreich junge Menschen anzusprechen – und damit auch für Unternehmen interessant werden, die immer nach ihrer Zielgruppe jagen. So sieht auch das Publikum anders aus als in den vorigen Tagen. Vor allem junge Frauen interessieren sich für die Vorträge.

          Das hat die Cebit dringend nötig. Die Messe war eigentlich schon tot. Seit Beginn des Jahrtausends verlor sie drei Viertel ihrer Besucher. Im vergangenen Jahr waren es noch 200.000. 2018 ging die Zahl noch einmal drastisch auf 120.000 Gäste zurück. Trotzdem ist vom Veranstalter, von Ausstellern und Besuchern kaum ein kritisches Wort zu hören.

          Digitalisierung erfordert radikale Schritte

          „Die neue Cebit ist ein voller Erfolg“, sagt etwa Heiko Meyer, Vorsitzender des Cebit-Messeausschusses und Chef von Hewlett Packard Enterprise Deutschland. Mutig sei eine radikale Transformation umgesetzt worden. Es sei gerade ein Zeichen der Digitalisierung, radikale Schritte zu gehen. Die Unternehmen stünden „voll hinter diesem Konzept“, und man freue sich schon auf die Cebit 2019. Der Hauptgeschäftsführer des Digitalverbandes Bitkom, Bernhard Rohleder, sekundiert: „Unsere Erwartungen wurden übertroffen. Die im Bitkom organisierten Unternehmen sind zufrieden. Sie wollen mehr Cebit als weniger.“

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          Mit dem Prädikat Computermesse ist die Cebit inzwischen falsch beschrieben. Vielmehr handelt es sich inzwischen um ein Technikfestival, in dem Geschäft und Unterhaltung eine Symbiose eingehen sollen. Messevorstand Oliver Frese sagt im Gespräch mit der F.A.Z., das alte Format einer reinen Geschäftsmesse aus den Jahren 2014 bis 2016 habe nicht mehr funktioniert, deshalb habe man das System auf den Kopf gestellt. Die „neue“ Cebit sei nicht mehr mit der „alten“ vergleichbar, betont Frese und verbittet sich Vergleiche mit früher. Inzwischen spielen andere Faktoren eine Rolle. 90 Prozent der Besucher seien Fachbesucher gewesen, ein Drittel sei aus dem Topmanagement gekommen, 25 Prozent aus dem Ausland, und insgesamt sei die Veranstaltung „jünger“ und „weiblicher“ geworden. Das Durchschnittsalter liegt inzwischen bei 35 Jahren – früher waren es „40 plus“.

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