https://www.faz.net/-gqe-9ttvo

Die CDU und die schwarze Null : Wie viel Fetisch darf’s denn sein?

Der Fetisch der CDU: die schwarze Null Bild: Getty

Die schwarze Null erregt Deutschland, nicht nur politisch. Jeder sagt nun, wie er dazu steht. Die CDU gerät gar in Wallung.

          2 Min.

          Muss man sich für einen Fetisch schämen? Die Antwort auf diese Frage kann sehr unterschiedlich ausfallen. Ist man selbst der Fetischist, kann der Reiz gerade darin bestehen, Schamgefühle in den Wind zu schlagen und mit seinen Vorlieben hausieren zu gehen. Ist man Betroffener, will man manches über seinen Mitmenschen am liebsten gar nicht so genau wissen. Scham und Fremdscham gehen nicht immer Hand in Hand. Aber es ist, wie so oft, eine Frage des Umfelds.

          Dass es in der Politik in puncto Umfeld zu bierernst zuginge, um über Einblicke in das dunkle Seelenleben zu sinnieren, konnte noch niemand glaubhaft vertreten. Auch Menschen der Zeitgeschichte haben ihre Vorlieben, und mit ihnen die Parteien, die sie vertreten. Zumal irrt, wer unter einem Fetisch stets das Lüstern-Sexuelle vermutet: Der Brockhaus definiert ihn allgemein als „Gegenstand, dem eine außernatürliche Macht persönlicher oder unpersönlicher Art innewohnt“.

          Diese könne man durch Geschenke oder Opfer aktivieren, zum eigenen Vorteil und/oder zum Schaden anderer, heißt es weiter. Und dann dieser durchaus entscheidende Satz: „Jeder Gegenstand kann zum Fetisch werden.“

          Die – mittlerweile – um die Pflege der sozialen Netzwerke bemühte Abteilung der CDU ließ sich das nicht zweimal sagen. Weil zwar nichts muss, aber alles kann, gestand sie kurzerhand auch im strengen Spiel mit Zahlen und Finanzen ihren Fetisch ein. „Solide Finanzen ohne neue Schulden“, der Volksmund sagt dazu längst „schwarze Null“. Dafür und darauf stehe die CDU, das sei praktizierte Generationengerechtigkeit und zudem die beste Voraussetzung für Investitionen in die Zukunft.

          „Wir stehen zu unserem Fetisch“, heißt es nun in jungfräulichem Weiß auf schwarzem Grund, ruft man den Twitter-Account der CDU Deutschland auf.

          Schämen ja oder nein? Jenseits des Atlantiks witterte eine Kommentatorin die Verwendung sexueller Anspielungen; Fetisch und Finanzen, wie kann man nur. Diesseits solcher Prüderie wurde es wieder bierernst. „Warum ist ein ausgeglichener Haushalt bei gleichzeit [sic] angehäuftem Sanierungsstau bei der öffentlichen Infrastruktur von 160 Mrd. Euro generationengerecht?“, zürnte ein bekannter Jungsozialist, der seinen Fetisch für Verstaatlichungen längst gestanden hat. Auch einer profilierten Klimaschützerin war nach Fremdschäden zumute. Weil ihr diese schwarze Null nicht grün genug ist, behalf sie sich mit Ironie und twitterte: „lol“.

          Doch auch bei den CDU-Fetischisten wusste man nicht so recht, ob es ihnen nun Schamesröte ins Gesicht trieb oder nicht, nachdem sie ihre geheime Vorliebe gestanden hatten. Sie argumentierten auf Twitter plötzlich mit Planungsrecht und Baukapazitäten, was vernünftig klingt, aber wohl kaum das wirklich Innere ihres Seelenlebens widerspiegelt. Man fragt sich: Wie ernst meinen sie es denn nun mit ihrem Götzen? Im Konrad-Adenauer-Haus mag das Motto mittlerweile lauten, dass Angriff mit einer Prise Selbstironie die beste Verteidigung ist; noch ein zweites Mal will man sich von einem Youtuber mit blauem Haar nicht den Schneid abkaufen lassen.

          Glaubwürdigkeit aber ist eine Tugend, erst recht wenn es um einen Fetisch geht. Deshalb bitten wir um zügige Klärung: Es war die CDU-Vorsitzende persönlich, die im Juli folgenden verhängnisvollen Satz von sich gab: „Nein, die Schwarze Null ist für uns kein Fetisch". Ja was denn nun?

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          SPD unter neuer Führung : Auf Linkskurs

          Unter Esken und Walter-Borjans wird die SPD einen Linkskurs einschlagen, mit dem sie vor die „Agenda 2010“ zurückfällt. Damit gibt sie allerdings auch den Anspruch auf die „Mitte“ auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.