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Carlos Ghosn : Der Furchtlose

„Bürger der Welt”: Carlos Ghosn Bild: AP

Daß sich in ihm die Talente eines Sanierers und eines Strategen verbinden, gehört sicherlich zu seinen großen Stärken. Mit einem klassischen französischen Konzernchef hat Carlos Ghosn nur wenig gemein.

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          Auf das erste gemeinsame Bild darf sich die Öffentlichkeit schon mal freuen: Der hochaufgeschossene ehemalige Basketballspieler Rick Wagoner gibt dem zwei Köpfe kleineren Carlos Ghosn die Hand und spricht einige bedeutungsschwere Worte über eine gemeinsame Zukunft der beiden Automobilkonzerne. Ob es zu dieser Szene kommen wird, ist noch nicht ausgemacht, aber es gibt einige Anzeichen, daß sich die Wege der beiden Unternehmenslenker demnächst öfter kreuzen werden.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Von den Äußerlichkeiten sollte sich freilich niemand in die Irre führen lassen. Wagoner ist zwar körperlich ein Riese, doch der starke Part in dem Duett gehört dem dunkelhaarigen Ghosn, einem Mann mit freundlichem, wenn auch leicht eingefrorenem Lächeln. Viele Branchenbeobachter fragen sich, warum Wagoner noch immer General Motors führen darf. Warum Ghosn (das ,s' im Nachnamen ist stumm und wird nicht mitgesprochen) Renault führen darf, fragt niemand.

          Michelin zur Prosperität verholfen

          Der am 9. März 1954 in Brasilien geborene Sproß libanesischer Eltern blickt auf eine beeindruckende Erfolgsbilanz. Er hat einst dem französischen Reifenkonzern Michelin zu neuer Prosperität verholfen, dann den japanischen Automobilhersteller Nissan vom Pleitekandidaten zum hochprofitablen Unternehmen gedreht. Seit April 2005 macht er sich als doppelter Chef an der Spitze von Renault und Nissan daran, Attacken aufstrebender asiatischer oder indischer Konzerne abzuwehren und etablierte Branchengrößen das Fürchten zu lehren.

          Ghosn, sagen seine Mitarbeiter in einer Mischung aus Ehrfurcht, Bewunderung und Kopfschütteln, sei allgegenwärtig und schrecke vor nichts zurück. Ungewöhnliche Schritte liebt er ebenso wie präzise Pläne mit festen Meilensteinen. Als Renault 1999 rund 5,4 Milliarden Dollar für den am Boden liegenden Hersteller Nissan ausgab, zog Ghosn nach Tokio, brach sämtliche Tabus der japanischen Unternehmensgeflechte, schickte viele tausend Mitarbeiter nach Hause, trennte sich von Hunderten Zulieferern, schloß fünf Fabriken und stampfte fast die gesamte Modellpalette ein.

          Legendärer Auftritt in der Werkhalle

          Der damalige Auftritt, als Ghosn mit fester Stimme die Roßkur ungeahnten Ausmaßes verkündete, ist legendär. In der riesigen Halle konnte man eine Stecknadel fallen hören, den anwesenden Managern, Mitarbeitern und Lieferanten gefror das Blut in den Adern. Doch der Plan ging auf, auch, weil Ghosn gleichzeitig eine Modelloffensive ohnegleichen anschob. Daß sich in ihm die Talente eines Sanierers und eines Strategen verbinden, gehört sicherlich zu seinen großen Stärken. Mit einem klassischen französischen Konzernchef hat Ghosn nur wenig gemein.

          Er hat zwar an der Elitehochschule Ecole Polytechnique Ingenieurwesen studiert, doch hat er sich kaum um die politischen Netze gekümmert und nie im Kabinett eines Ministers gearbeitet. Dafür hat der vierfache Vater einen internationalen Hintergrund, der seinesgleichen sucht. Er spricht sieben Sprachen mehr oder weniger fließend (Französisch, Englisch, Portugiesisch, Arabisch, Spanisch, Italienisch und ein wenig Japanisch). Er wurde in Brasilien geboren, wo der mittellose Vater sein Glück versuchte. Als er sechs Jahre alt war, zog die Familie zurück in den Libanon, wo er ein Jesuitengymnasium besuchte. Es folgten die beruflichen Stationen in Frankreich, Brasilien, den Vereinigten Staaten, Japan und nun wieder in Frankreich. Echte Wurzeln hat der seit einigen Jahren mit einem französischen Paß ausgestattete Ghosn nicht, er bezeichnet sich selbst als "Bürger der Welt". Da wäre es nur folgerichtig, dem Leben zwischen Europa und Asien eines in Amerika hinzuzufügen. Daß sich Ghosn an dieses Wagnis traut, muß hellhörig machen. Wie sagten noch seine Mitarbeiter? "Der hat vor nichts Angst." Auch nicht vor einem fußlahmen Riesen aus Detroit.

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