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Carl-Zeiss-Vorstandsvorsitzender Michael Kaschke : „Wir haben eine Alleinstellung“

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Michael Kaschke Bild: Jockisch, Anna

Aus dem einst behäbigen Optikunternehmen Zeiss ist in den vergangenen Jahren ein schlagkräftiger Konzern mit Milliardenumsatz geworden, der auch die starken Schwankungen im Halbleitergeschäft gut verkraften kann. Dennoch muss die Marke Zeiss modernisiert werden.

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          Eine gute Prise Lokalpatriotismus ziert auch den Vorstandsvorsitzenden eines Weltkonzerns. „Schade, dass Sie an einem so nebligen Tag gekommen sind“, sagt Michael Kaschke und zeigt aus dem obersten Stockwerk des Zeiss-Hochhauses auf die Wälder der Schwäbischen Alb. „Vor zwei Wochen hätten Sie hier noch ein Gefühl von Indian Summer erlebt.“

          Kaschke weiß, dass er für die Vorzüge des Traditionskonzerns immer wieder werben muss. Oberkochen und Jena, die beiden Hauptstandorte der Carl Zeiss AG, sind nicht gerade Weltstädte, in die man junge Fachkräfte leicht locken könnte. „Zeiss ist unter Ingenieuren weiter hoch angesehen“, sagt Kaschke zwar. Aber eine Marke, die schon 1846 gegründet wurde, kann auch Staub ansetzen - zumal viele mit dem Namen Zeiss vor allem Mikroskope, Ferngläser oder Kameralinsen verbinden. Dabei spielen in dem Optik- und Technologiekonzern längst das Halbleitergeschäft, die industrielle Messtechnik und zunehmend auch die Medizintechnik die überragenden Rollen. „Zeiss muss sein Image modernisieren“, räumt Kaschke daher ein und fordert seine Führungskräfte auf, vermehrt an die Hochschulen zu gehen, um dort die Neugier der Studenten auf das Unternehmen zu wecken.

          Der gebürtige Thüringer Kaschke wechselte einst selbst aus New York, wo er nach der Wende als Wissenschaftler an einem Institut des IBM-Konzerns gearbeitet hatte, zu Zeiss. Vor zwanzig Jahren war das, und modern war an Zeiss damals nichts mehr. „Wir hatten null Eigenkapital und null Liquidität. Finanziert wurde Zeiss durch gute Geschäfte bei Schott“, erinnert sich der heute 55 Jahre alte Physiker an die alten Zeiten in der Stiftung, die so gar nicht nach betriebswirtschaftlichen Kriterien funktionierte. Heute sind Zeiss und das Schwesterunternehmen Schott normale Unternehmen in Besitz der Zeiss-Stiftung, von der Konstruktion her vergleichbar etwa mit den Autozulieferern Bosch und ZF Friedrichshafen. Und an Schwäche ist nicht zu denken.

          Der Gesamtumsatz im Geschäftsjahr 2010/2011 lag bei 4,2 Milliarden Euro
          Der Gesamtumsatz im Geschäftsjahr 2010/2011 lag bei 4,2 Milliarden Euro : Bild: F.A.Z.

          Flink überschlägt Kaschke, der zehn Jahre lang Finanzvorstand von Zeiss war, dass er aus liquiden Mitteln und Kreditrahmen problemlos auch auf die Schnelle mehr als eine Milliarde Euro zusammenbrächte - genug, um die ambitionierten Wachstumspläne zu realisieren, die er für sein Unternehmen vorgegeben hat. Bis 2016 soll Zeiss von zuletzt 4 auf dann 6 Milliarden Euro Umsatz wachsen. Jedes Jahr soll der Wert des Unternehmens um rund 150 Millionen Euro zunehmen.

          “Das wird sportlich“, räumt Kaschke ein - wohl wissend, dass die jüngsten Zahlen auf den ersten Blick nicht zu diesen Zielen passen. Nachdem im Vorjahr ein Umsatz von 4,2 Milliarden Euro erzielt wurde, hatte Kaschke die Erwartungen gedämpft und für das Geschäftsjahr 2011/2012, das am 30. September endete, nur die Marke von 4 Milliarden Euro als Ziel ausgegeben. Diese Marke habe man „sicher gehalten“, sagt er nun - und das, obwohl zwischenzeitlich das Geschäft mit Rüstungsgütern (Zeiss Optronics) an die EADS-Tochtergesellschaft Cassidian verkauft wurde und damit rund 150 Millionen Euro Umsatz wegfielen.

          “Es war kein schlechtes Jahr, besser als erwartet“, resümiert der Vorstandschef deshalb. Fürs erste Halbjahr hatte Zeiss noch einen Gewinnrückgang nach Steuern von 70 Prozent vermeldet. Am Ende des Geschäftsjahres ist das Minus nun offenbar viel kleiner. Auch wenn die Zahlen im Detail erst im Dezember vorgelegt werden, gibt Kaschke den Mitarbeitern schon die Nachricht auf den Weg, dass ein „ordentliches Ergebnis“ erzielt worden sei. Das erlaube dem Unternehmen auch, wieder eine gute Gewinnbeteiligung auszuschütten.

          Michael Kaschke ist erkennbar stolz darauf, dass der Konzern inzwischen so stabil ist. Immerhin gilt es einiges zu verkraften: Die dominierende Halbleitersparte hat im ersten Halbjahr ein Viertel des Umsatzes eingebüßt. Im zweiten Halbjahr war die Entwicklung ähnlich, und Entspannung ist noch nicht in Sicht, weil neue Impulse etwa durch das Betriebssystem Windows 8 wohl erst in einigen Monaten auf die Investitionslust in der Chipbranche durchschlagen. „Die Zeiten, in denen Zeiss eine Erkältung bekam, wenn das Halbleitergeschäft einen Schnupfen hatte, sind aber vorbei“, bemerkt Kaschke zufrieden. „Ein Rückgang von 25 Prozent Umsatz ohne Kollateralschaden für das gesamte Unternehmen wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen.“ Inzwischen haben die anderen Sparten mehr Gewicht. Die Medizintechnik etwa hat ein deutlich zweistelliges Umsatzwachstum verbucht. „Weit über der Marktentwicklung“, wie Kaschke betont, der selbst einige Jahre lang die Verantwortung für die börsennotierte Carl Zeiss Meditec AG hatte. „Hier fahren wir den Wachstumskurs konsequent weiter“, kündigt er an.

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